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es der Fall, so bedurfte es nur einer tüchtigen Anspannung der Einbildungskraft Cliffords, sich das Mädchen als fortwährend, bei Tag wie bei Nacht, von der Idee besessen vorzustellen, ihrem Onkel zu helfen und ihn zu bereichern, bis endlich ihre Wünsche mit ihr davongingen und im Schlafe für ihn die Gestalt wirklicher Diebstähle gewännen. Clif- ford hatte derartige Geschichten gelesen, die er zwar größtenteils für erfunden angesehen hatte; jetzt aber ließ ihn die Liebe danach wie nach jedem Auswege greifen, um der schrecklichen Möglichkeit zu entrinnen, erkennen zu müssen, daß Nell eine Diebin wäre!
, (Fortsetzung folgt.)
Allerlei von Pantoffelhelden.
(Aus' der „Köln. Bolksztg.")
Ich weiß nicht, woher der Ausdruck „Pantoffelheld" stammt, und weshalb man gerade den Begriff der Frauenherrschast mit der Fußbekleidung des Weibes in Beziehung bringt. Wahrscheinlich hatte man dabei zunächst das Bild im Sinn, das uns den Mächtigern seinen Fuß auf den Nacken des Unterdrückten setzend zeigt, und da dies Bild, zwischen Frau und Mann gedacht, unschön fein würde, sprach man vom Pantoffelschwingen der Frauen, und die Bezeichnung Pantoffelregiment ist in Deutschland just so alt, wie wir das Wort Pantoffel! kennen, das im fünfzehnten Jahrhundert aus Italien nach Deutschland herübergebracht wurde.
Jedenfalls aber ist der Begriff Pantoffelregiment heutzutage allgemein bekannt in allen Kreisen und Ständen. Wir nennen Fürsten, die ihre Ehegemahlinnen allzu sehr in die Regierungsangelegenheiten hineinreden lassen, ebenso Pantoffelhelden, wie den einfachen Mann, der von seiner Gattin den Hausschlüssel durch besondere Zärtlichkeit erbetteln muß, und üben dabei die alte sprachliche Praxis, Morte, die Schönes und Großes bedeuten, zu ironisieren, denn kein Mensch wird einen Mann, der unter dem Pantoffel steht, wirklich als einen Helden ansehen, obwohl wirkliche Helden der Geschichte auch richtige Pantoffelhelden waren.
Mer kennt nicht die Geschichte jenes hohen Militärs, Vor dem auf dem Exerzierplatz und in der Kaserne ein paar Tausend Männer, tüchtige, kräftige, starke Männer bebten, und zitterten, und der, wenn er heimkehrte, im Borsaal seiner Wohnung die Stiefel ablegte, damit seine gestrenge Ehegattin, vor der er in beständiger Furcht war, ihn nicht höre. Natürlich mag dieser Witzblattscherz erfunden sein, es hält sich aber in den Grenzen der Möglichkeit, so seltsam es erscheint, denn vor der Frau, die schön und klug ist, wird auch der stärkste Mann zu Wachs, wenn jene Frau Herrschgefuhl genug in sich hat, den Mann beugen zu wollen.
Es ist daher nach meiner Ansicht auch durchaus keine Schande, ein klein wenig Pantoffelheld zu fein. Jeder gute, das heißt liebevolle Ehemann, der die Forderung des Dichters erfüllt, den Frauen zart entgegen zu gehen, ist wohl ein wenig Pantoffelheld, und es ist daher nach meiner Ansicht durchaus keine Schande, das einzugestehen. Pantoffelheld zu sein ist immerhin noch besser als Pan- toffelsklave; Pantoffelheld ist meines Erachtens derjenige, der offen die Macht der Frau anerkennt und sich willig von der Lebensklugheit und dem praktischen Sinn des Weibes leiten läßt, Pantoffelsklaven aber sind diejenigen, die des Pantoffels spotten, aber seinen Schwingungen am meisten unterworfen sind, ohne daß sie es fühlen.
Gerade unter den bedeutenden Männern des Geistes und der Kunst gab es und giebt es viele Pantoffelhelden. Der Grund hierfür liegt nahe. Jene Männer haben stets zu sehr in den höheren Sphären des Geistes geschwebt, um nicht ganz zustieden damit zu sein, auf der Lebens- bahn sich einer Lenkerin und Leiterin ihres Pfades anvertrauen zu können. Von den beiden modernen Dichtern des Nordens, Ibsen und Björnson, wird behauptet, daß sie Pantoffelhelden seien.
Selbst Fürst Bismarck soll sich manchmal gern unter den Pantoffel seiner Gemahlin gebeugt haben, so wenn diese zum Beispiel mit großer Zähigkeit darauf bestand, daß der Kanzler seine Medizin efnnehme oder andere ärztliche Vorschriften befolge. Freilich in Staatsangelegenheiten durste sich die Gattin des eisernen Kanzlers nicht mischen, wie dies beispielsweise von der Lebensgefährtin
eines anderen großen Staatsmannes und Pantoffelhelden behauptet wird, von Gladstones Gattin, ohne deren Rat der große englische Staatsmann niemals wichtige Dinge unternommen haben soll.
Von bedeutenden Männern im Reiche der Kunst sind wohl als Pantoffelhelden bekannt Richard Magner, der sich dem Szepter seiner lebensklugen Frau Cosima blindlings unterwarf. Ebenso soll Tizian ein ganz arger Pantoffelheld gewesen sein, der die drolligsten Schliche anwenden mußte, um für seine kleinen Bedürfnisse Geld von seiner die Kasse führenden Frau zu erhalten.
Um diesen materiellen Punkt, die Regelung der finanziellen Verhältnisse, dreht sich bei Künstlern wohl zumeist das Pantoffelregiment. Der Künstler giebt leicht Geld aus, die kluge, praktische Ehehälfte muh den Daumen auf den Geldbeutel halten.
Das war z. B. bei Theodor Döring der Fall, dem berühmten Charakterdarsteller, dessen hundertjährigen Geburtstag man im Januar feierte, und der sehr stark unterm Pantoffel seiner übrigens noch unter den Lebenden weilenden Gattin stand. Zahlreiche lustige Geschicht- chen werden von dem Pantoffelregiment erzählt, unter dem Döring wohl mit vollem Recht schmachtete, denn der gutmütige Künstler wurde, sobald er von seiner Frau losgelassen, gar zu leicht ausgebeutet.
Von einem berühmten Komiker, der als Gastspieler in deutschen Landen weit beliebt ist, wird in ähnlicher Weise erzählt, daß er sich fein ansehnliches Vermögen nur durch das Pantoffelregiment feiner feit einigen Jahren verstorbenen Gattin erhalten habe, die ihrem zu unnützen Ausgaben leicht neigenden Gemahl jeden Groschen, den er verdiente, sofort abnahm. Freilich wollten Eingeweihte wiederum wessen, daß dieser Pantoffel der sparsamen Gattin nur denjenigen gegenüber existierte, die den Künstler anpumpen wollten, ober gern sich von ihm steihalten lassen mochten, während in Wahrheit der Künstler durchaus nicht knapp gehalten wurde.
So viele Pantoffelhelden es aber auch jemals gegeben haben mochte, sie wollten das Vorhandensein eines Pantoffelregiments niemals gern eingestehen. Und daher muß es ganz besonders unangenehm gewesen fein, was einmal einem bekannten deutschen Sänger passierte, dem einmal von der Bühne herab der Pantoffel gezeigt wurde, unter welchem jener Sänger steht. Jener bekannte deutsche Sänger ist der Gatte einer berühmten deutschen Sängerin, die einen ganz vulgären Namen a la Schulze und Müller durch die Kunst ihres Gesanges zur Berühmtheit gebracht hat. Diese Sängerin wurde insbesondere auch dadurch einst viel genannt, daß sie kontraktbrüchig wurde nnb nach dem Goldlande des Gesanges, nach Amerika, ging. Hier ereignete sich jener Fall, von dem hier erzählt werden soll. Das fünfzigjährige Künstlerjubiläum eines amerita- nischen Bühnenkünstlers wurde gefeiert, und dieses seltene Fest wurde durch eine Benefizvorstellung im Metropolitan- Opernhaufe in Newyork festlich begangen. Was damals nur an Äesangsgrößen in Newyork anwesend war, wirkte in dieser Benesizvorstellung mit, nur jenes Künstlerehepaar nicht. Zwar hatte der Gatte ebenfalls seine Mitwirkung zugesagt, aber im letzten Augenblick zurückgenommen, so daß das Programm noch in letzter Stunde verändert werden mußte. Das fiel natürlich im Publikum aus, und der jubilierende Künstlerbenefiziant sah sich daher veranlaßt, eine Erklärung darüber zu geben. In einer Ansprache am Schlüsse der Vorstellung bedankte er sich bei dem Publikum für die ihm zu teil gewordenen Auszeichnungen und Ehrungen, und bei den Mitwirken-» den für die Teilnahme. Dann fuhr er, auf die Abänderungen im Programm eingehend, welche durch die Ab- fage bedingt wurden, fort und sagte u. a.: „Ich hoffe, daß Sie den Sänger wegen seiner Absage entschuldigen werden. In meiner längjährigen Praxis ist er der erste, der bei feiner Entschuldigung bei der Wahrheit geblieben ist. Er ließ mir mitteilen, daß er absagen müsse, weil ihm seine Frau nicht erlauben wolle, in einem Benefiz zu singen. Das ist ein triftiger Grund. Ich bin selbst ein verheirateter Mann und überlasse es jedem hier anwesenden verheirateten Manne, ob es eine Appellation gegen das Verdikt der Ehegattin giebt."
Diese Malice des Künstlerjubilars war nun freilich nicht sehr nett, denn immerhin hätte ihn der Freimut, mit dem der Sänger seinen Pantoffel ertrug, mit Be-


