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Geräuschlos traten sie ans dem Salon auf die Gallerte. Eie durchschritten den Borgarten und schwangen sich auf -en Gigg, vor dem der Traber ungeduldig mit den Fußen Darrte.
Timitry Kalussoff nahm die Peitsche zur Hand. Er pollte mit ihr den glänzenden Rücken des Tieres berühren, als hinter dem Eckpfeiler des Gitters blitzschnell rin Mann in Gärtnerkleidung hervorsprang Und dem Pferde mit kräftiger Faust in die Zügel fiel. „Im Namen des----", aber' er vermochte den Satz Nicht
in vollenden, denn die Peitsche sauste mit voller Wucht nieder, ein Schuß krachte, donnerndes Gho im tiefen Schweigen des Waldes wachrufend, imb pfeilschnell schoß der Traber mit dem Gigg von dannen.
Erschreckt flogen vom Helm des Türmchens die Räben auf, der Kutscher des Lichatsch fuhr aus seinem Schjlum- mer, und der blutende Mann, der zusammengesunken war, raffte {üfj unter einem derben Fluche wieder empor, noch halb batäubt mit wütenden Micken und drohend geballter Faust dem schnell verschwindenden Gefährt nach- schauend. ,
In sausender Eile flog das Gefährt dähtn. Mtltca, die den Schuß abgefeuert hatte, ließ den rauchenden Revolver in die Tasche ihres Mantels gleiten. „Wir hatte,: den Back zum Gärtner gemacht", sagte sie kaltblütig.„Schon in den ersten vierundzwanzig Stunden seines TtensteI habe ich! Verdacht geschöpft. Nun hat er den wohlverdienten Tenkzettel erhalten."
Sie waren bis zur Chaussee gelangt.
„Nicht nach der Stadt", befahl sie entschieden, „sondern die tinMe'waesetzter Richtung, wir fahren ihnen sonst in nT.'h pur, Timitrh Wmowitschl, dort
MoLHnunter^ der Hand die Chaussee
Leichte Staubwolken wirbelten empor — Helme ou?u.. in der Sonne auf — — Reiter sprengten heran.
„Wahrhaftig, es sind Gendarmen!" rief Timitrh Kä- lussoff, dem der Schreck in die Glieder fuhr. Er riß den Traber nach! links herum und ließ ihn mit voller Ktaft ausgreifen, daß unter den Hufen die Funken sprühten.
Tie Sonne lachte noch immer und redete von Hoffnungsglück und neuem, frischem Leben, aber in die Herzen der Flüchtigen strahlte sie nicht hinein. Als Timitrh K'a- lussoff das Haupt prüfend« rückwärts wandte, waren die Turme und goldschimmernden Kuppeln Moskaus tief zum Horizont gesunken und von den Gensdarmen auf der Chaussee war nichts mehr zu sehen. Ein triumphierendes Lächeln glitt über seine Züge. „Ein simples Gendarmenpferd kommt gegen den Traber nicht ans", spottete er, indem er wieder nach rückwärts schaute. Boll Stolz blickte er auf das gleichmäßig dahineilende Tier, dem der Schaum in weißen Flocken über den mächtigen, schwarz- schimmernden Hals und die Flanken flog.
Auch Milica Popow wandte sich in Freude zurück Ter Lenker beugte sich besorgt Wr Seite, um die Gefährtin Lesser zu halten. Tie plötzliche Bewegung lockerte dis Zügel in seiner Hand. Und der Traber stolperte, stürzte, raffte sich! auf, stolperte wieder und stürrnte, von wildem Entsetzen gepackt, die Gebißftange zwischen den Zähnen, haltlos weiter. Ein Anprallen gegen einen Baum, ein ohrenbetäubender, gewaltiger Krach von splitterndem Holz und knickenden, Eisen, ein gellender Aufschrei — und in weitem Bogen sausten Milica Popow und Timitrh Kalussoff von dem zerschmetterten Gigg auf die Steine der Chaussee, während das Pferd wie der Sturnrwind mit der Gabel davonraste.
Ein Kopf hob sich empor und schaute, als ob er die Situation noch nicht erfaßt habe, verwundert ringsum.
„Verteufelt — das schmerzt", stöhnte Timitrh Kalussoff, sich vollends aufrichtend. Er schwankte einige Schritte vorwärts nach einer leblos daliegenden Frauengestalt — er stürzte neben ihr nieder, er rang verzweifelt die Hände und rief, ohne Antwort zu erhalten, ihren Namen. Tie Augen Milica Popows öffneten sich und sahen ihn eine Welle starr jam, um sich dann — für immer zu schließen. Er horchte an ihrem Herzen, fuhr über ihre Stirn, verbuchte sie aufzurichten, vergebens — das Leben war ent« lohen. Ratlos und zerschmettert blickte er in das stolze,, chöne Antlitz, das sich aus dem gelösten goldigen Haar otenbleich abhob. Tie wilde Energie der Züge war einem
sanfteren Ausdruck Mwichen, und um den Mund schwebte ein leichtes, versöhnendes Lächeln. Mit Aufbietung aller Kraft versuchte ter, die Tote seitlich in den Wald zu tragen, aber der mit aufgelöstem Schnee gefüllte Graben hinderte ihn daran. W- er sie niederfinkcn ließ, nahm sein Ange ein Medaillon wahr, das an goldenem Kettchen hängend, sich infolge des Sturzes geöffnet hatte: es enthielt das Miniaturbild eines jungen Marineoffiziers.
Langes Zaudern war gefährlich. Tinntry Mlujsoff sprang auf und sah die Chaussee hinunter in der Rich- jung uach> Moskau. Weit hinten wirbelten wieder die Staubwolken aus und blitzten die Beschläge der Helme. „Ich muß eilen", murmelte er. Ein Lebewohl flüsternd und einen schmerzlichen Scheideblick auf die am Boden liegende stumme Gestalt werfend, sprang er über den Graben in bett Wald hinein, zwischen dessen Stämmen er bald verschwand, für immer ein Verschollener bleibend. —
Tie Gendarmen kamen und fanden die Tote. Auf ihren Säbelscheiden trugen sie Milica Popow zu der stillen Tatsche von Ljublino zurück, von deren Pforte einer der Männer das höhnende „Willkommen!" herabriß. —
Jefim Godunow grübelte noch imtner in dumpfer, schweigender Trübsal. Seine Gedanken schweiften weit tn bte: Jahre zurück, da der stumme Mann, der aus dem Twan lag, jung gewesen war. Tein Water ließen Galgant und Chtua- wnrzeln nur geringe Zeit, sich um den Jüngling zu be- kümmern, und dieser konnte unbehindert fernen Neigungen! folgen. Tas Gute unterlag dem Bösen: Stepan Godunow wurde ein leichtsinniger Verschwender, dem nichts zu schlecht war, sicht die Mittel zu einem ausschweifenden Leben zu verschaffen, und schließlich >vurde er, ohne bte genügende Reife zum politischen Teuken zu besitzen, em Verächter und Bekämpfer der staatlichen Autorität. Jefun Godunow! p..-rtP auf Tie schwere Stunde wurde wieder lebendig tn ihm, uu hon Sohn hinausgetrieben und verstoßen hatte. „Wer weiß", baajt» =>r ,,ob es nicht anber8 kommen wäre, wenn ich weniger um bas Geschäft un' um ihn gesorgt, wenn ich ihm ein größeres Matz r zu den Semigen eingeflößt unb ihm rechtzeitig b-'geu rächt hätte, was Pflichten sind, denn wer sich ihrer k worden ist, besitzt die sittliche Freiheit, die größeres Maß von Liebe zu den ©einigen eingeflößt und ihm rechtzeitig beigebracht hätte, was Pflichten sind, denn wer sicht ihrer bewußt geworden ist, besitzt die sittliche Freiheit, die ihn Wie eilt alter, mächtiger Baumstamm sicher im Leben wurzeln läßt."
Tie Liebe! Er hatte selber das Wort im Munde geführt, aber er fühlte in dieser einsamen Stunde, daß ohne sie die Wärme und das Leben fehlen. Wie in stiller Bitte um Vergebung richtete er seine Augen auf das ruhige Gesicht des Toten, der keiner Liebe mehr bedurfte.
Gendarmen und Beamte traten ins Zimmer.
Jeflm Godunow fuhr auf und starrte sie teilnahms!- los an.
„Wir haben die traurige Pflicht", sagte enter von ihnen, „Euer Wohlgeboren zu vernehmen."
„Was ich weiß, werde ich sagen", erwiderte Jeflm, während er sich« müde erhob. „Nach vierzehü Jahrenj habe ich den Sohn gestern im Konzert wieder gesehen, und als ich heute morgen hierher kam, um einen Verlorenen vielleicht noch retten zu können, war es schon aus mit ihm. Tort im Salon empfing mich eine Tarne, die mich! wortlos zu diesem Zimmer geleitete, wo ich den Entschlafenen sand." ,
„Und Sie haben keine Ahnung, was er tn den vierzehn Jahren getrieben hat?"
„Nein", gab Jefim tonlos zur Antwort, „tch wähnte, ihn in Paris und habe bei meinem dortigen Bankier zuweilen Summen für ihn deponiert, die bis vor einigen Jahren regelmäßig abgehoben wurden. Sonst habe ich keine Gemeinschaft mit ihm gehabt. Nun er geschieden ist, will ich ihn nicht mehr verleugnen, denn der Tod predigt Friede unb Sühne."
Jefim Godunows Vernehmung war beendet.
„Mir bleibt nur übrig", sagte der Beamte, „Euer Wohlgeboren zu bitten, die Tatsche zu verlassen und sich dem Gericht, falls es gewünscht wird, sofort zur Verfügung zu stellen."
Einen Abschiedsgruß dem Toten zuflüsternd', verließ' Jeflm das Zimmer, um nach der Stadt Utrückzusahren,


