1902
Nr. 194.
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(Nachdruck verboten.)
Kinder des Ostens.
Original-Roman von Georg Buß.
(Schluß.)
Neber dem zierlichen Eisenpförtchen prangte noch f~ der Umrahmung von frischenr Tannens>-"» ous Wort ,,Willkommen", hell beleudif-^ wn oer Sonne, sodaß der Gruß grell in £>-c Augen fiel. Kalussoff drückte energisch die Klinkc nieder, das Pförtchen drehte sich in den Angeln, und er trat in den Vorgarten. Langsam nahte er sich der Gallerie, und zögernd schritt er ihre Stufen empor. „Was wird Milica sagen, und wie wird sich Ilja Popow, der Schwindler, gegen mich benehmen?" dachte er, während er die zum Salon führende Glasthür öffnete. Noch immer Hörte er keinen Laut. Leise trat er in den eleganten Raum f— auf dem Tische standen noch die matt blinkenden Silberschüsseln mit Salz und Brot und die Vase mit den Blumen, jetzt halb verwelkt, die er vor wenigen Tagen gesandt hatte. Run nahm er auch Milica wahr — sie stand am Kamin «und schaute in die prasselnden Flammen, die funkensprühend Und hell aufleuchteno ihren Schein gespenstisch auf die dunkle Frauengestalt warfen. Etwas Furchtbares mußte geschehen sein, was dieses entsetzliche Schweigen hervor- gerufen hatte.
„Milica Antonowna", rief er mit gedämpfter Stimme, „warum so still? Hat Sie ein Unglück "betroffen?"
Sie fuhr empor, als sei sie plötzlich aus einer andern Welt in die Wirklichkeit zurückversetzt, und schaute ihn groß und starr an, während ihr Mund geschlossen blieb.
„Sagen Sie, was ist geschehen?" rief er lauter, während er aus sie zutrat, ihre Hand ergriff und erschreckt in ihr kaltes, bleiches Antlitz blickte.
Nur ein Nicken des schönen Kopfes war die Antwort, während durch die halb geöffnete Thür des Speisezimmers ein leises Stöhnen drang.
Er wandte sich und schaute, obwohl Milica hastig, mit der Hand abwehrte, in das Zimmer; auf einem Divan lag in der starren Unbeweglichkeit des Todes Ilja Popow Mit geschlossenen Augen, und neben ihm saß in einem Sessel Jefim Godunow, das Haupt in der Hand gestützt und in Schmerz versunken.
Entsetzt prallte Dimitry Kalussoff zurück. Ihm wär, als ob ihn ein Fieber schüttelte, als ob die Furien mit eisernen Fäusten nach ihm griffen und eine gewaltige Snmme wie grollender Donner rufe: „Siehe, so wirst auch du enden!" Er mußte sich setzen und blieb minutenlang stumm.
Erst allmählich gewann er seine Ueberlegung und seine Drache wieder. „Wie ist es' gekommen?" fragte er tonlos, fedpeu nach Milica hinüberblickend.
Sie schloß leise die Thür zum Speisezimmer. „Er Kat ein Schlafpulver genommen"« gab sie zur Antwort,
„und ist nicht mehr erwacht. Was blieb ihm andereA übrng, als von der Welt zu scheiden! Nach Ruhm dürstet, aber talent- und energielos, ist er unterlegen.
fCl Mer'"mas hat HU «^ounow mit ihm M schaffen? Godunow hat den Sohn verloren, denn Ilja Popow hieß in Wahrheit Stepan Godunow."
Dimitry Kalussoff fuhr empor. Die Szene Mit dem Buche und der Hinweis Boris Mitrofanowitsch LyschninS auf den Mann mit dem falschen Namen schossen ihm durch den Kopf. Nun hatte er die Lösung.
„Und was ist er Ihnen gewesen?" ries er mit einer Stimme, aus der die Glut der Leidenschaft aufflammte. ,F8as ist er Ihnen gewesen, Milica Antonownas wiederholte er nochmals, nach einer Antwort geradezu dürstend.
„Mir? Nur der Genosse einer Partei, mit deren Zielen er einverstanden war. Mehr ist er mir nie gch wesen! Zu einer größeren Sicherheit übernahm e!r, da er bereits vor seinem Eintritt in die Partei stark kompromittiert war, die Rolle meines verstorbenen BruderA Ilja."
Ms sei eine erdrückende Last von seiner Brust ge* nommen, atmete Dimitry Kalussoff tief auf, und in seinen Augen leuchtete es wie heißer Dank Aber Milica Popow schaute kalt und starr, wie zuvor, nach ihm hin, als fet alles Empfinden in ihr erstorben.
„Hat Jefim Godunow mit seinem Sohne in Verbindung gestanden?" fragte er.
„Nein! Seit vielen Jahren haben sie sich nicht gesehen. Erst in den letzten Tagen erschien einige Male ein alter Herr in der Wohnung, ohne Jlje zu treffen. Heute morgen kam er wieder — der Herr war Fefim Godunow. Ms er ins Haus trat, war der Sohn schon hinübergegangen."
„Und was nun?" kam es gespannt über seine Lippen.
„Was nun? O, ich werde weiter kämpfen — unverdrossen, bis zum letzten Memzuge!" ries sie mit wilder Energie. „Hier kann ich nicht hleiben. Schon Minuten werden mir gefährlich — ich muß eilen Und verschwinden, bevor es zu spät ist."
Eine Pause entstand, während deren eine wahre Grabes- stille herrschte.
Durchdringend ruhte der Blick Milica auf Kalussoff, als ob sie sein ganzes Wesen ergründen wollte. ,„Haben Sie Mur?" flüsterte sie endlich. „Sind Sie bereit, mir zu folgen, wohin es auch immer sei?"
Er nickte bejahend und legte beteuernd die Hand aufS Herz.
„Tann kommen Sie, Dimitry Akimowitsch. denn in schneller Flucht liegt die einzige Rettung. Ihr Wunsch mein Impresario zu sein, soll m Erfüllung gehen l"


