Ausgabe 
31.10.1902
 
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ihm sein Angestellter hinterbrachte. Alles hatte den An- schein, daß Minna, die bis dahin vorsichtig geblieben war, endlich den Entschluß gefaßt hatte, im letzten Moment noch, unmittelbar vor der Schlußverhandlung, einen Schritt von unbedingter Notwendigkeit zu thun. Vielleicht wollte sie ihren Mitwisser und Handlanger aufsuchen gehen, um ihn über ihre Haltung während der Verhandlungen um Rat zu fragen, oder nm mit ihm' nach Teilung der zwanzig­tausend Mar? die Flucht zu ergreifen.

Nach reiflicher Ueberlegung wurde nun beschlossen, daß Hesekiel, den Minna zu genau kannte, am nächsten Dienstag ruhig zu Hause bleiben sollte; aber man wollte drei von den tüchtigsten Beamten der Agentur, denen man das Stubenmädchen vollständig genau beschreiben würde, ihre Fährte verfolgen lassen. Vom Morgen an sollten sie ihr in der Nähe der Augsburger Straße auflauern und ihr überall hin folgen, selbst wenn sie sich nach dem Aus­lände wenden würde. In Anbetracht der Wichtigkeit der Sachlage entschloß sich Sanftleben, sich selbstzu opfern" und mit seinen Leuten an der l^rfolgung teilzunehmen.

(Fortsetzung folgt.)

Der Kummer bei groß und klein.

Nach dem Englischen.

(Schluß.)

O, ich bitte um Entschuldigung. Ich sehe!" murmelte der Mann.Höre, sagte Fräulein Gammelin etwas über einen Bettler, der einen Juwel haben möchte?"

Natürlich nichts Fräulein Gammelin ist eine er­wachsene, junge Dame, über ich darf siemein Liebchen" nennen. Sie ist sehr schön. Mein Vater sagte einmal zum Herrn Kapitän, daß iie das hübscheste Mädchen sei, das er aus dieser Seite der Erde kenne. Er gab ihr gestern ein Gabelfrühstück auf derPauline", und das Andenken bestand aus goldenen Wasserlilien. Sie hat die Wasser­lilien gern."

Goldene?" murmelte der Mann.

Auch wirkliche."

Ja, natürlich hat sie die Wasserlilien gern." Der Manu sprach gleichsam zu sich selbst.

Wir pflücken manchmal welche, wenn ich und sie zu- sammen in einem Boote ausfahren. Ich glaube, mein Vater möchte sie gern mit nack Afrika nehmen, denn er zupfte Mich einmal am Ohre und sagte, vielleicht träfe ich jemand an Bord, der noch viel schöner sei als der Krimmer." Der Mann glaubte, ein tiefes Stöhnen zu hören.Ich suchte sie, als ich diesen Weg herkam, weil sie heute morgen nicht beim Frühstück war, sie sagte, sie habe Kopfweh oder so etwas. Der Vater war in großer Aufregung. Er schickte den Jakob hinaus, weil et gern wissen wollte, ob «r zu ihr kommen dürfe, aber sie ueß ihm sagennein". Und der Vater sagte er sagte" Der kleine Knabe hielt plötzlich ein und sein Gesicht wurde dunkelrot.

Höre, mein Söhnchen, bist Du sicher, daß sienein" sagte, ganz sicher?"

Ganz sicher! Ich war ja doch da und fragte ihn wegen des Kummers. Und und, als er es gesagt hatte, sagsagte er: Mach', daß Du sortkommst!" Der kleine Knabe riß einen Büschel Gras aus. Einen Augenblick lang hörte man nichts weiter als die ausschlagenden Wellen und einen unterdrückten Seufzer.

Ich kkann nicht fortgehen und den KKummer hier allein,^zurücklassen! Er hat wweiter nniemand als mmich!" Er kämpfte mannhaft, dann wälzte er sich auf die andere Seite und wandte sich in Verlegenheit ab. Ich wweine aber doch nnicht!"

Sage, alter Bursche, das Weinen ist schon ganz recht", sagte der Mann,und ich will Dir etwas' erzählen, wenn Du mich nicht .verraten wiflst. Ich wollte auch weinen, als Du kamst. Gerade zu dem Zwecke kam ich hierher."

Weswegen?" rief der Kuabe aus.

Aus demselben Grunde, den Du Hast. Ich mußte auch etwas zurücklassen, ohne daß ich darum bat, es mitnehmen zu dürfen."

Ei, deswegen hat ja Fräulein Gammelin gestern abend 'auch geweint."

Wie? Was?"

Ich und sie gingen gestern nach Tisch aus den Hafen- vämm, und da stand sie und blickte auf das Meer hinaus

und weinte, als ich sie ansah. Sie sagte, es fei thöricht, um etwas zu weinen, was man nicht haben könne, und sie wolle es nicht mehr thun. Und ich sagte, wenn sie mir nur sagen wolle, was es sei, so wolle ich den Vater darum bitten, es ihr zu kaufen. Dann lachte sie und sagte, es sei etwas, das alles Geld des Vaters ihr nicht kaufen, noch geben könne." '

Sagte sie das? Ganz gewiß?" fragte der Mann atemlos.

Ganz gewiß! Ist das, was Du willst, auch etwas, das der Vater nicht kaufen kann?"

Gott weiß es, ich hoffe es!" sagte der Mann.Er­zähle weiter!" '

,Lch sagte, wenn ich ein Mann wäre, so würde ich es ihr geben. Sie sagte, niemand könne das, außer einem emzigen Menschen, und sie glaube, der wolle nicht. So glaube ich, daß sie deswegen weint. Ich sagte, wenn ich ein Mann wäre, so würde ich ihn veranlassen, das zu thun ! Und sie sagte, er wisse nicht einmal, daß sie sie He! Hier, Kummer, hier! Kumtner!"

Halt, bleibe! Warte!" Der Manu ergriff den Arm des Knaben.

Erzähle mir! Erzähle mir"

Laß mich los! Er ist im Wasser! Laß mich los! KuMmer! O, er fürchtet sich doch so schrecklich vor dem Wasser! Hier! Kummer, hier!"

Verfluchter Hund! Bist Du sicher, daß sie das sagte? Höre doch, komme zurück, mein Herzchen! Bei Gott! Er geht dem Hunde in das Wasser nach! Der Heine Narr! Er wird ertr!" Der Mann sprang über den Strand, aber ehe er das Meeresufer erreichen konnte, watete der Knabe schon im Wasser; er strengte sich an, das Gleichgewicht zu behalten, während er dem Kummer ries. Schnell nahm ihn der Manu unter seinen rechten Arm, fing den Hund mit der linken Hand, watete zurück und landete mit seiner Bürde sicher am Strande.

Bei Gott! Tu bist ein mutiger Knabe!"

Der Kummer fürchtet sich doch vor dem Wasser, ich aber nicht!"

Ter Mann wickelte dann seinen Rock um den Knaben, nahm ihn auf den Arm und ging mit ihm fort.

Friert es Dich?" fragte der Manu, als sie das steile Ufer hinaufgingen.Nein; mir ist ganz warm; ich danke Dir auch, daß Du den Kummer geholt hast. Wenn Tu nicht da gewesen wärest, hätte ich ihn den Minzen Weg durch das Wasser schleppen müssen."

Wenn ich nicht da gewesen wäre, junger Manu"

Ter andere brach ab und schaute sich um, denn jetzt kehrte die Flut zurück und breitete ihre Wellen weit au& Ich glaube, daß Tein Vater in großer Angst um Dich ist."

Ich suchte zuerst Fräulein Gammelin, und dann ging ich mit dem Kummer weiter", sagte der Knabe, während er sein blasses Gesicht auf die Breite Schulter legte.

Genau mein Fall", murmelte der Manu. Hier er­schien plötzlich ein Sommerwagen um die Biegung der Stifte, und die Schultern streckten sich unter ihrer leichten Bürde; der Mann rief etwas aus, was man nicht verstehen konnte.

,Lallo!" rief der Knabe.Ta ist Fräulein Gammelin. Ei, Fräulein Gammelin, hast Du uns gesucht?"

Bei Gott!" murmelte der Manu.

Ich suchte nach Dir, Willy", sagte die Dame, die in dem Wagen saß.Ich wußte nicht, daß Tu noch jemand bei Dir hattest. Dein Vater hat nach jeder Richtung suchen lassen, nur hier nicht; wir suchten mit dem Fernglas, konnten aber niemand sehen."

Das war, weil wir hinter dem steilen User saßen, er und ich; er sagt, er ging auch dahin, um zu

Eine Hand unter dem Rocke, der den Herrn des Kummers umhüllte, erstickte die Worte und schnitt sie ckb.

Es ist so unwahrscheinlich, ihn an diesem Ende der Insel zu finden, daß ich das Suchen hierher ausgab, bis ich mich erinnerte, daß die zurückkehrende Flut oen Weg über den Strand hier abschneidet; dann kam ich unter allen Umständen."

Der Wind hatte ihr das Haar zerzaust.Ich dachste, Sie hätten die Insel verlassen", sagte sie zu dem Manne. Wollen Sie nicht mit uns gehen?"

Wir gingen beide dem Kummer nach" Er sah betrübt nach seinen Beinkleidern, als er in den Wagen stieg, und setzte den Knaben zwischen die Dame und sich,

Bitte, laß' doch auch den Kummer herein: er ist kein