1902
Nr. M
Xettag den 81. Klober.
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(Nachdruck verboten.)
Nach, dem Französischen bearbeitet von H. Revel-
(Fortsetzung.)
Endlich entschloß' sich Hesekiel, der ein bewegteres Leven gewohnt war und sich! seinerseits ebensosehr langweilte wie Julie ihrerseits, um sich nur etwas zu beschäf- igen, da ja sein Spionenamt eine wahre Kasteiung war, । em em Tienstmädchen den Hof zu mach en. Anstatt tote sonst n seinem Salon zu bleiben und an den Nägeln zu kauen, ! uchte er sie jetzt öfters im Eßzimmer auf, sagte ihr kleine Schmeicheleien, machte ihr Komplimente, oder er rief sie m den Salon, nötigte sie, neben dem' Kaminfeuer sich niederzusetzen, und nahm an ihrer Seite Platz. Allmählich erkühnte er sich, ihr kleine scherzhafte Backenstreiche zu geben, sie unter das Kinn oder um ihre Taille zu fassen. Als ob ihr die Zeichen der Sympathie, die der Herr seiner Dienerin gab, schmeicheln würden, sah sie ihn verwundert an und wehrte dem nicht- Eines Tages ging er sogar weiter und küßte sie lebhaft auf die Lippen. Anstatt böse zu werden, fragte sie ibn voll Naivetät und Unschuld:
„Sie wollen mich also heiraten?"
„Warum denn nicht?"
Und in der That: Warum sollte er sie auch nicht heiraten, toenit sie wirklich! diejenige war, die sie zu sein behauptete und die sie auch allem Anschein nach war: ein anständiges Mädchen, daS eine gute Erziehung genossen hatte? Hesekiel hatte schon längst die Absicht gehabt, sich einen selbständigen Haushalt zu gründen. Wenn er ganze Tage lang an den Schritt einer Person gefesselt war, die er im Auftrage der Agentur Sanstlebens zu überwachen hatte, ergötzte er sich an J)em Gedanken, daheim ein kleines, appetitliches Frauchen vorzufinden, das genug Bildung besaß, seinen Rapport abzufassen, indes' er sich zu Bette legte.
Mer noch! wär er nicht so weit. Trotzdem er Geschmack an Minna fand, wollte er sie aus Pflichtgefühl und auch im eigenen Interesse nach jeder Hinsicht genauer kennen lernen. „Sie gestattet mir, sie zu küssen", sagte er sich; „wird sie aber auch! dabei stehen bleiben? Ich möchte doch erproben, wie wett zu gehen es mir ihre Unschuld und ihre Sympathie zu mir gestatten."
Um sich davon zu überzeugen, schlich er sich eines Abends äus, dem Salon in das Borzimmer und von da in das Kabinett, woselbst Minna, vollkommen angekleidet, halb liegend auf dem Sofa saß.
Sie schien zu schlummern. Vermutlich hatte sie auf die Heimkehr ihres' Herrn gewartet, ob dieser keine Befehle «lehr für sie hätte. Er Mich sich lautlos vorwärts, beugte M über sie und'--erhielt eine schallende Ohrfeige.
Gleichzeitig hörte er Minna rufen:
„Tas ist eine Gemeinheit, mein Herr! Wenn Sie sich nicht sofort entfernen, so rufe und schreie ich, daß mir die Nachbarn zu Hilfe kommen."
Ihm wurde die Sache unheimlich, und er retirierte, ohne weiter in sie zu dringen. Jetzt war er überzeugt» Minna hielt etwas auf ihre Tugend und! wußte sie zu verteidigen.
Ten andern Morgen erklärte sie ihm, daß sie nicht mehr mit ihm unter einem Dache bleiben könne und den Dienst verlassen wolle. Er aber bat sie so lange, bis sie nachgav und erklärte, unter der ausdrücklichen Bedingung bleiben zu wollen, daß sie des Mends die Thür des Eßzimmers in dem Flur abschließen dürfe, um gegen jede Ueber- raschung gesichert zu sein. Er nahm die Bedingung um so lieber an, als ihn sein Verdacht von neuem erfaßte und! er sich dachte: „Ist sie einmal abgeschlossen, dann wird sie sich aus ihrem Zimmer entfernen." Dadurch wurde aus dem Liebhaber wieder der Spion, und er stellte sich, nachdem sie sich abgeschlossen hatte, hinter die Thür, die in den Flur führte. Tie ganze Nacht blieb er auf seinem Posten Durch das tiefe Stillschweigen des ruhenden Hauses vernahm er nur das gleichmäßige Atmen Minnas das ab und zu von einem kleinen, nervösen Seufzer erschüttert wurde.
Ten nächsten Abend kehrte er wieder mutig auf den-, selben Posten zurück und war trotz des Schlafes, d'er ihn zu überwältigen drohte,, von gleicher Wachsamkeit wie gestern. Doch! ward er nicht um ein Haar klüger als am vorigen Tag.
Ten nächstfolgenden Dag, überzeugt, daß er seine Zeit nur abermals umsonst vergeuden würde, unterbrach er seinen Wachedienst und legte sich, von Müdigkeit überwältigt, zu Bette. Julie Farkas, die ihn ebenso beobachtet hatte, wie er sie, zwei Tage, öffnete dann gegen Mitternacht leise die Eingangstbür, schloß sie doppelt ab, damit Hesekiel für den Fall, daß er die Thür des Flurs erbrech!en wollte, eingesperrt war, und schlich sich zu ihrem Nachbar Keßler, vielmehr zu Herrn Paul Querzewski.
64. Kapitel.
Turch ein paar Zeilen, die sie im Laufe des DageH unter seine Thür geschoben hatte, auf ihr Kvmmen vorbereitet, erwartete, sie bereits Paul Querzewski, der ihr sofort öffnete. Seit mehreren Tagen hörten und fühltest sie, wie sie dicht nebeneinander lebten, doch eine trennend« Wand verhinderte sie, sich zu sehen, miteinander zu verkehren.
Nach dem Austausch! der ersten flüchtigen Begrüßungen zog er sie in sein Schreibzimmer, das von der Nachbar-- Wohnung am weitesten entfernt lag, weiter als' der Salon, und Paul fragte sogleich!:
„Bist Tu sichrer, daß er schläft?"
„Ja — tief", versicherte sie. Wir habest nichts $u' befürchten. Ich stehe gut dafür, .Und wenn er wirklich!


