Ausgabe 
31.5.1902
 
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und steif da und machte ihn in vier Zügen matt.Was ist das! Ja, weiß Gott, daJitz' ich! Tas müssen wir noch­mal machen!" Wer eine Schlacht nach der andern verlor der kleine Mann an diesen Heroen der Schachkunst.

Während des Spieles hatte Thomas eine kleine geheime Unterredung mit Helene in einer Ecke des Zimmers. Rudolf spitzte die Ohren, hörte Thomas aber nur zum Schluß sagen:Nun ja, dann senden wir es ihm!"

Helene hatte es Rudolf gleich angemerkt, daß er nicht mehr der Alte war; seine Züge waren ein wenig schlaff geworden, seine Kleidung war nicht ganz tadellos, und das alte zündende Leben war erloschen. .

Er hatte aber auch bittere Enttäuschungen erlitten, die schwere Schatten auf seinen Weg geworfen hatten. Nach gutwilliger Uebereinkunft" hatte er die Lateinschule ver­lassen müssen und lebte nun von Privatunterricht und Ueber- setzungsarbeiten. Ter Diskussionsverein war längst auf­gelöst, der Freundeskreis, in dem er sich mit dem Selbst­gefühl eines Führers getummelt hatte, war zerstreut. Tarein mußte er sich finden. Daß aber der Plan zu dem neuen Blatt zunichte wurde, das war ibm ein Stoß ins Herz. Ter Gedanke an dies Blatt war die große Flamme seines Lebens gewesen, die jahrelang in ihm geleuchtet und seinem Geist Wärme zu tausenderlei lebensmutigen Hoffnungen verliehen hatte; hartnäckig hatte er gekämpft, um Geld zu schaffen, war von Hinz zu Kunz gerannt, hatte sich in den Druckereien nach den Preisen von Papier und Satz erkundigt, seinen Plan Politikern und Arbeiterführern dargelegt aber alles vergebens. Ta hatte er endlich den Mut ver­loren, und allem, was Politik und Sozialismus hieß, die Zunge ausgestreckt und war wieder in sein früheres, inhalt­loses Junggesellenleb en verfallen. Tie Zeit der großen Gedanken war aus; geblieben waren ihm nur die fettigen Billards der Cafös, die Witze der Wochenblätter, das abend­liche Trinkgelage und die nächtlichen Abenteuer mit Chan- sonettensängerinnen. Wenn er zu Grunde ging, so sollte es ihm einerlei sein! Zuweilen stählte er sich durch eine Phrase, deren er sich aus irgend einem Roman erinnerte; er wollte wie eine stolze Seele seine Leiden unter einem Lächeln verbergen und der Schlechtigkeit und der mensch- lichen Dummheit den Triumph nicht gönnen,einen aus- ?gebildeten Verstand in Schmerzen zu Grunde gehen zu ehen." Wenn ihn aber der Lebensüberdruß überkam, nutzten ihm alle schönen Phrasen nichts er fühlte sich einsam und unglücklich

(Schluß folgt.) r?

Das Duell.

Alte Gießener Erinnerungen, Eine wahre Begebenheit, erzählt von John Gröninger,*) Brooklyn.

Die Philister sind uns gewogen meist, Sie ahnen im Burschen was Freiheit heißt, Frei frei Mei ist der Bursch'!"

Der Refrain dieses uralten Studentenliedes erscholl an einem wunderschönen Sonntagmorgen gegen Ende der 60 er Jahre aus den geöffneten Fenstern des Extrastüb­chens der Brauerei König, am Nordende des gemütlichen Universitätsstädtchens Gießen, und einem nicht heimischen Beobachter mußte es gar auffallend erscheinen, daß das Lied nicht etwa aus den Kehlen jugendfroher Stuoenten stieg, sondern von einer Korona ältlicher Herren mit grauen Haaren und spiegelblanken Glatzen, mit zu­friedenen, trinkfröhlichen Gesichtern kommentmäßig ge- filngen wurde, also von echten rechten Spießbürgern, von Philistern selbst. Und das verhielt sick so. In dem da­mals noch ziemlich kleinen Gießen mit seinen urkomischen Straßennamen wie Mäusburg, Teufelslustgärtchen, Kuh- 6affe, Hunds g ässe u. a. m. hatten sich die Gewohnheiten der Studenten mit ihrem einfachen G'moin-Gruß, ihren Kneipregeln und Gebrauchen das Zutrinken es kommt dir ein Ganzer oder Kuh schluck steig' in die Kanne Salamanderreiben und selbst auch das Singen der ur- wüchsigen Lieder des Kommersbuches mit ihren unver-

*) John Gröninger ist der Sohn des hiesigen Haut- vorsten i P. Gröninger, der uns die kleine in einer deutsch-amerikanischen Zeitung erschienene Erzählung zum Abdruck freundlichst zur Verfügung stellt. Die Red.

geßlrchen Wersen bei jung und alt so eingebürgert, baH man btefe Gewohnheiten nur natürlich fand und als selbstverständlich hrnnahm. So auch bei unserer eingangs erwähnten Tafelrunde. Noch sehe ich sie sitzen, die lieben alten Bekannten, den behäbigen Thorschreiber R., den dicken Bäckermeister V., genannt Datcher, den langen Scbwa- nenwirt F., den Expolizeidiener E. mit seinem eisgrauen Schnurrbart und noch neben sechs oder acht anderen ehrwürdigen Spießern, deren Namen mir entfalten sind, den Helden meiner Erzählung, den ehrsamen Schneider­meister Christian P. und zuletzt noch den humorvollen Freund der anderen, Stud. Phil. C. V. im 30. Semester, einen zweiten laugen Israel der ewige Student. Jawohl ein eibhastigerEivis Aeademiae", bereits im hohen Mittelalter tehend, ein lieber, guter Mensch, dem Dank seiner gün- Hgen Vermögensverhältnisse, ein Examen eine unbekannt« Größe geblieben.

Dieser würdige Nestor belegte nur noch ein oder zwei Kollegienpro forma", besuchte die reguläre Kneip« seines Korps nur noch selten, um so häufiger aber die Exkneipen Lotz', Buschs und Königs, und war ein gentj gesehener Gast und Freund der genannten Herren.

Seine Haupt- und Lieblingsbeschäftigung mar, Schnurren und Witze zu erzählen, und zur Zielscheibe seines Witzes nahm er sich jedesmal den etwas leicht reizbaren Schneidermeister Ehr. P. Fast noch in jeder Sitzung der Tafelrunde war es ihm gelungen, zum Gau­dium der andern den armen Christtan so zu erzürnen, daß derselbe, Gift und Galle spuckend, die Versammlung verließ, um aber ebenso regelmäßig am kommenden Sonn­tag morgen sich wieder einzufinden. So auch wieder an dem fraglichen Sonntage. Am Abend vorher aber hatte der dicke Thorschreiber R. eine gar ernste Unterredung mit ihm gehabt.

Christian", sagte er,bist eigentlich ein Feigling; die ewigen Uzereien von dem V. würde ich mir nicht gefallen lassen, und noch weniger würde ich immer fortlaufen."' Ja, aber was würdest Du thun?" erwiderte, ihn fragend ansehend, unserer biederer Christian.

Ihn fordern!"

Ihn fordern? Um Gotteswillen, nur das nicht!" 1 Ich hab's gewußt, daß Du ein Feigling bist Leb« wohl!"--

Halt! Dageblieben! Ich will mir's überlegen."

So ist's Recht", sagte R.,nur den Mann geigelt; Uebrigeus, wie ich den V. kenne, ist der viel zu feige, um die Forderung anzunehmen, und bedenke doch auch, dann stehst Du doch als Held da in unserer aller Augenm

Meinst Du?" erwiderte Christian mit begeisterten Blicken, aber dann doch etwas merklich gedämpfter hin- zufügend:Meinst Du wirklich, daß V. die Forderung nicht annimmt?"

Ich könnte drauf schwören."

Gut denn, ich werde dann handeln, wie Du mtt sagst."

Ein Mann ein Wort! Adieu, Christian!" Adieu, Theodor!"

Die geneigten Leser werden sich wohl denken können, warum am nächsten Morgen vor dem Erscheinen des Schneidermeisters die Mitglieder der Tafelrunde so ge­heimnisvoll die Köpfe zusammensteckten und andächtig beit Worten R.'s lauschten, nur manchmal ihn durch heimliches Kichern und Grunzen unterbrechend. Auch V. nahm an der Beratung teil. Endlich schien man zu einem befriedi­genden Resultat gekommen zu sein, alle nickten bei- stimmend und nahmen mit noch lachenden Gesichtern an dem langen Tische Platz. Kaum war das Lied:Stoßt an, Gießen soll leben hurrah hoch!" verklungen, als der Schneidermeister erschien.

G'moin Kommiltonen!"

G'moin P.! Nimm Platz!" R. winkte ihn an seins Seite.

Noch hatte er seinen Schoppen nicht angestochech als sich Sind. B. räusperte und mit einem bezeichnenden Blick auf P. fragte:

freunde, habt Ihr schon die Geschichte von bent Schneider und dem Gaisbock gehört?"

Ein kräftiger Fußtritt von feiten R.'s urck> einige Worte im Flüstertöne, brachten den Schneider aus de« Damm,