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„Ja, ich sehe es sehr wohlt „Das ist gewiß Maria. 1
o. Zewrß Maria. Und die beiden dort zur
Lrnken smd wohl ein paar Jün--Thomas, Du zitterst ja
am ganzen Serbe!" A
Ter alte Redakteur, der den Gast sehr kühl empfanget hatte, wurde allmählich weicher gegen ihn gestimmt und! forderte ihn schließlich sogar zu einer Partie Schach auf.. Während Rudolf den Alten in der Kunst unterwies, ein Spiel richtig zu eröffnen, und von Gambiten, Variante« und Gabelangriffen redete, faß der Redakteur schweigend
., «Ja, das wäre mir freilich am liebsten. Dann kau« tl§ ^e abarbetten , sagte sie, lächelnd zu ihm ausschauend. „Im übrrgen aber hoffe rch, daß ich im Sommer mit Nahen etwas verdrenen werde."
„Ja, ja; kommt Zeit, kommt Rat."
Die Pfarrersleute waren nicht zu Hause. Die Gäste mußten sich mit einer Wanderung auf den Friedhof begnügen; Thomas legte einen Kranz aus Buxbaum und Zrmmerblumen aufs Grab seiner Mutter. Helene ging in die Krrche, die offen stand.
Als Thomas ihr nach einer Weile folgte, lag sie auf den Knreen vor dem Altar und betrachtete das Altarbild das tue Hochzeit von Kana darstellte.
„Ich habe so oft daran gedacht, daß es doch ein merkwürdiges Sujet für ein Altarbild ist, aber es soll uns wohl daran erinnern, daß uns Jesus den Wein des Lebens grebr, oder auch soll es das große Hochzeitsfest im Himmel versrnnbrldlrchen."
Thomas stand schweigend da und sah das glückliche Brautpaar an, das in Lust und Freude am Tische saß, Mrt eigenartig bebenden Gedanken und ohne recht zu wissen, was er that, kniete er neben Helene nieder.
„Wie schön das Licht auf die Stirn der Braut fällt", stlhr Helene fort. „Nicht wahr? Und wie glücklich der Bräutigam aussieht! Je länger man das Bild betrachtet, desto schöner findet man es."
Sie schwieg einen Augenblick und begann dann wieder; „Hast Du das seine Frauengesicht dort neben Jesu betrachtet? — Das ist gewiß--aber Du siehst es ja
gar nicht!"
gehabt!"
Sie richtete sich auf. Ihre Augen waren thränenleer, aber sie war sehr bleich, und ihr Atem ging hastig.
„Ich kann Ihnen nicht sagen, Rudolf, wie ich mich Wer das Bild freue pnd wie dankbar ich Ihnen bin."
„Tas ist mir wirklich eine große, eine außerordentlich große Freude!" Seine Augen schimmerten feucht hinter den Brillengläsern. „Ich habe erst hinterher ein gesehen^ wie teuer Sie mir geworden waren, Sie und Böje!"
Thomas trat ein und stutzte. „Hm, ja!" Er klopfte Helene aus die Schulter und setzte sich schweigend hin .
Als sie in den Mühlhos zurückkamen, lief dort ein kleiner Mann, den Hut in dem Nacken, herum, und spielte Pferd' mit den Kindern.
„Aber das ist ja doch Rudolf!"
„Guten Tag, Frau Böje! Wie freue ich mich. Sie wieder^ zusehen! Und das ist sicher Herr Rabe! Entschuldigen Sie, daß ich — mein Name ist Rudolf — ich möchte so gern' sehen, wie es Frau Böje und den Kindern geht."
„Seien Sie willkommen", sagte Thomas, den Fremden aber doch mit etwas kühlem Blick musternd.
Helene war ganz gerührt, daß Rudolf sie und die Kinder aufgesucht hatte, und der Gedanke, wieviel schwere Erinnerungen sie mit ihm gemein habe, stimmte sie weich.,
„Es thut mir leid, daß Sie mich nicht zu Hause trafen. Haben Sie meinen Vater begrüßt?"
„Ja, aber er — ich weiß nicht — er befindet sich Wohl nicht gut, und da glaube ich. — und dann kamen die Kinder und zogen mich hier heraus."
Sie ging mit ihm nach Hause. Während sie ihr Ueber-, zeug ablegte, wickelte Rudolf sein Packet aus. Als sie sich wieder umwandte, stand auf den Lehnen des Schaukelstuhles eine große, schöne Kohlenzeichnung von Böje, in einen breiten Eichenrahmen gefaßt.
„Hans!" Sie stand einen Augenblick schweigend da, hielt dann plötzlich beide Hände vor die Augen und beuats sich über die Kommode.
„Ja — hm! r— Liebe Frau Böje! I chchatte eine so gute Photographie von ihm und dachte, daß es Ihnen sicher angenehm sein würde — wir haben ihn ja beide so lieb
„Nein, wie sollte ich wohl, — aber was ich sagen wollte, — glaubst Du nicht, es könnte sich bezahlen, wenn wir die Bäckerei erweiterten und auch Weizenbrot büken?"
„Das wird mit Gottes §tife auch noch kommen!"
Eines Sonntags im Herbst ging Helene mit dem Dorfschullehrer von der Kirche nach Hause. Am Tage darauf kam dieser zu Thomas und bat ihn, ihm bei der Errichtung einer Volksleihbibliothek behilflich zu sein.
Thomas schüttelte den Kopf. Das sei nichts für ihn, auch habe er keine Zeit dazu. Der Lehrer mußte unverrichteter Sache wieder abziehen.
„Nein — darauf verstehst Du Dich wohl nicht", meinte auch Helene.
„Ja — ich habe doch früher gar nicht so wenig gelesen!"
„Und dann sind ja auch, wie Du bemerktest, die Zeiten so schlecht."
„Ja, ich kann es nicht, und thue es auch nicht. Es hätte ja sonst seine großen Vorzüge mit so einer Volksbibliothek. Man kann durch eine gute Büchersammlung so viele gesunde, gute Gedanken verbreiten; aber man kann ja nicht mehr, als man kann."
Den ganzen Nachmittag sann er darüber nach. Am nächsten Morgen ging er in die Dorfschule.
„Hören Sie mal, Petersen, wir müssen doch wohl an die Bücher denken. Man kann durch so eine Sammlung von guten Büchern viele gesunde und gute Gedanken verbreiten."
Und dann bekam Ostholmstrup seine Bolksbibliothek.
Helene gegenüber beobachtete Thomas eine gewisse ehrfurchtsvolle Zurückhaltung, die eine Folge der Einsicht war, die er jetzt in ihren feinen Charakter bekommen hatte. Jedesmal, wenn er sie sah, ging ihm ein Sonnenstrahl durch die Seele. Aber die Furcht, etwas zu thun oder zu sagen, was das neue Verhältnis zerstören könnte, das sich Uvischen ihnen bildete, legte seinem ganzen Sein einen Dämpfer auf. Verstohlen ging er umher und beobachtete sie. Es war sonderbar, daß sie jetzt Böjes Namen nie wehr erwähnte, daß sie die Stellung einer Hausfrau im Mühlhofe ganz und gar eingenommen hatte, daß sie ost, wenn sie mit ihm sprach, ihre Hand aus seinen Arm legte.
In sein ganzes Benehmen ihr gegenüber war «etwas Lauerndes, etwas Vorsichtig-Abwartendes gekommen, eine zitternde Hoffnung, die unsichtbar nach den Worten langte, die seinem Leben die Krone aufsetzen sollten.
Einer der Leute auf dem Müblhofe wurde krank. I Thomas mußte der Frau, wenn sie mit ihrem Suppentopfe kam, alle Augenblick ein paar Kronen zustecken.
„Ihr solltet Euch eine Ziege halten", schlug er vor. „Ich will Euch behilflich sein, und dann könnt Ihr sie am Grabenrande weiden lassen."
Das Anerbieten wurde mit Freuden angenommen, und hatte zur Folge, daß mehrere von den Häuslerfamilien Ziegen anf&afften.
Auch eine „Kranken- und Begräbniskasse" errichtete Thomas, und am fernen Horizont seiner Gedanken dämmerte ein landwirtschaftlicher Verein. „Das würde auch noch kommen!"
Als Helene eines Tages in der Weihnachtszeit den I Wunsch äußerte, ihr früheres Heim in Kirchholmstrup wieder I ju sehen, erbot sich Thomas sofort, sie dorthin zu fahren. | Es war ein milder, stiller, sonniger Tag, in der vorher- I gehenden Nacht war ein leichter Hagelschauer gefallen und | lag nun auf den Feldern, hie unb da in den Kronen der Bäume, in zartem, rötlich-gelbem Schimmer erglänzend. I Ein kleiner Mann, mit einem großen, flachen, viereckigen j Packet unterm Arm, kam mit trippelnden Schritten 6en I Hügel hinan, wo ein Steig an einem Deiche entlang läuft. I Helene sah ihm nach.
„Wie er Rudolf gleicht", rief sie aus, „der dort ans | dem Hügel!" |
„Rudolf?"
„Das ist ja wahr! Du kennst ja Rudolf nicht!" Und nun erzählte sie von ihm. „Em kleiner, schrecklicher | Wilder, im übrigen aber ein prächtiger und gutmütiger I Mensch. Er hat uns oft Geld geliehen."
Thomas fragte, wieviel sie rhm schulde.
„Es mögen wohl zweihundert Kronen fein; ich habe 8« Hause ein Buch, worin ich es aufgeschrieben habe." |
„Dann müssen wir es ihm senden. Ich finde eS am I richtigsten, wenn ich all Deine Schulden übernehmet »


