Samstag den 31. Mai.
1902. — Nr. 80.
81'jraW
uKW
Kl» r
I
(Fortsetzung.)
Aber sie dürfe nicht zusammenbrechen. Satte nicht jeder Mensch sein Päckchen zu tragen? Galt es nicht, alle Kraft aufbieten, einander zu helfen und zu stützen?
Da war zum Beispiel Thomas! Wre war es nrcht Vorwärts gegangen mit ihm! Sie wußte, daß sie sein Leben in ihrer Hand hielt, und dies Leben mußte gerettet werden, indem sie es auf die Höhen der Selbstachtung führte. Es bedurfte keiner großen Anstrengung; sie wußte aus alten Zeiten, wie leicht es ihr wurde, sich in seme Natur hineinzuarbeiten und sie in lichte, befreiende Regionen zu heben. _
„Du siehst jetzt immer so fröhlich aus, Thomas", sagte sie eines Tages. „Es war doch ein Glück, daß wir auf den Gedanken mit dem Mais kamen!"
Sie hatte in der Hauptstadt von einem Müller gehört, der dadurch ein reicher Mann geworden war, daß er große Ladungen Mais hatte kommen lassen, die er dann in gemahlenem Zustande wieder als Futter verkaufte.
„Du solltest doch einmal den Versuch machen, Thomas!" Und ein Wort von ihr genügte, um so mehr, als er selber Vertrauen zu der Sache hatte. Der Versuch glückte, die Bauern in der Umgegend waren ganz wie versessen aus den Mais. Die Mühle arbeitete Tag und Nacht, von den Gütern und aus den Städten kamen die Leute mit großen Wagen herbei; es gab Wochen, in denen Thomas eine Nettoeinnahme von zwei- bis dreihundert Kronen hatte.
„Das sind die „Konturen"!" sagte der alte Müller, sich vergnügt die Hände reibend.
Helene scheute sich durchaus nicht, wenn Thomas zu ihnen kam, die Rede auf die unruhigen Zeiten zu bringen. Der Kamps in der Hauptstadt hatte in ihr so viel Interesse an der Bewegung, die in der Zeit lag, erweckt, daß sre keinen Tag vergehen lassen konnte, ohne ein wenig in die Zeitungen zu gucken und zu sehen, was bei den Festen und den Zusammenkünften im Lande verhandelt wurde.
„Es kann nichts nützen, Vater, wir können das Leben Nicht eindämmen, und wir sollen es auch nicht thun, wir müssen uns nur bemühen, es in ein gutes Geleise zu lenken."
Sie war sich darüber klar geworden, daß doch im Grunde viel gesunde Krast im Volke lag; man müsse nur die Ausschweifungen milde beurteilen, sie hätten rhren Ursprung mehr in Uebermut und Unklarheit, als in bösem Willen.
„-Su solltest nicht so viel über all den Kram nachdenken", meinte Thomas, „ich glaube nicht, daß. es gut für Deinen Kops ist." .
Sie dachte auch gar nicht so viel daran, ganz lassen konnte sie es aber doch nicht. Es sei unsere Pflicht^ nach Kräften daran teilzunehmen. Weshalb bildeten sich P uhle von Haß und Verzweiflung in so vielen armen Familien? Weshalb nahm der Unglaube so erschreckend zu? Nur weil wir anderen in unseren Stuben saßen und uns die Ohren zuhielten. Es ist ganz entsetzlich mit all der Gottlosigekit da draußen! Wir sollten wetteifern, dre Schlechtigkeit aufzusuchen, liebevoll mit den Irrenden sprechen, Hilfe leisten, wo es in unserer Macht steht.
„Da ist so vielerlei, was man sollte."
„Ja, aber wir thun so unendlich wenig. Es nützt nicht, still zu sitzen und sich zu bekreuzigen, wir müssen zugreifen und arbeiten." , , „, .
Obwohl sie elend aussab, hatte es doch den Anschern,^ als wenn sie sich wieder ausrichten könne.
Thomas Gedanken gerieten in Schwung, die Vergangenheit rückte auf ihn ein mit dem mahnenden Leben, das einst seine Pulse stark gemacht hatte. Aber die rohe Krafch die seinem Leben früher einen so plumpen Anstrich v er- liehen, machte einer stillen Sicherheit Platz, die täglich durch Licht und Liebe geadelt wurde.
Eines Nachmittags kehrte Thomas ganz strahlend aus der Stadt zurück. , c
Er ging durch das Haus. „Wo ist Helene? Ach da! Helene, nun will ich Dir etwas erzählen: Dienstag nehm«! ich die Mühle wieder in Angriff."
„Hast Du Holz und Dachsparren bekommen?"
„Als ich erst ordentlich mit dem Holzhändler gesprochen hatte, und er hörte, wie die Sachen standen, ging, ev gleich darauf ein."
„Das ist ja herrlich !"
„Du kannst Dir denken, wie froh ich! bin. Ich hätte es nun und nimmer geglaubt."
Das geschäftige Treiben begann von neuem, und eh« zwei Monate verstrichen waren, stand die Holländerin itt ihrer neuen grauen Jacke da, die Arme voller Stolz in der Luft schwingend, als rufe sie der Nachbarschaft zur „Habt Ihr mich denn schon gesehen?"
„Ich hätte das nun und nrmmer geglaubt, Helene.' „Ja, da kannst Du sehen! Wie gut, daß Du es mit dem Mais versuchtest!" , .,x
„Ja, das war gut. Aber das Mein h.at's auch nrcht gethan."
„Was denn sonst?"
„Kannst, Du es Dir nicht denkend
er Wohlthat dir erwies, sei deines Danks gewiß;
Die du erweisest, die vergiß!
I. M. L. Gleim.
(Nachdruck verboten.)
Die Möve.
Roman in zwei Bänden von Zacharias Nielsen. Autorisierte Uebersetzung aus dem Dänischen von Mathilde Mann.


