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Unsere kleine Gesellschaft fand sich nun vor eine solche Geduldsprobe gestellt und sah erst recht gut die Schwierigkeit der Lage. Jedoch für den leichtgebauten Tarantay war dieselbe weniger bedenklich- er lag zwar halb auf der Seite, als die Pferde querfeldein jagten, doch ohne umzuwerfen, nur von Lisavettens lautem Aufschrei begleitet, brachte Jegor die gnädige Herrschaft an dem mit lieblichen Schimpfreden begrüßten Warenzuge vorüber. Es war gut ’a6gelaufen. Wie es aber dem nachfolgenden, schweren Rerse wag en ergehen würde, erregte lebhaft Clarrtas Besorgnis. Sie fragte Jegor, ob zu hoffen sei, daß, die Kalesche gleichfalls passieren könne?
„Mer kann es wissen! Gott wird sorgen", lautete gleichmütig gegebene Antwort.
Damit mußte sich die Fragerin zufrieden geben. (Fortsetzung folgt.)
förmliche mit ihnen dahin, rasch lag das Städtchen zurück- vor ihnen schimmerte ein kleiner FluA Die über diesen führende Brücke zeigte sich unpassierbar, weil halb eingestürzt.
Jegor, der Kutscher, schimpfte jämmerlich, über feine bärtigen Lippen strömte eine ganze Flut von russischen Schimpfworten, in die Feodor und selbst Lisavetta nicht übel Lust zeigten, einzustimmen oder doch wenigstens ein Verständnis dafür verrieten, wie Clarita es den vornehm erzogenen Kindern nimmer zugetraut hätte. Ihrer Verwunderung gelang es wohl rechtzeitig, die beiden an das Unschickliche ihres Beginnens zu mahnen, aber nichts vermochte dieselbe gegen Jegors Kummer, daß er nun eine ganze Strecke stromaufwärts fahren müsse nach einer Ueber- setzstelle, die er hasse, weil der böse Blick darauf ruhe. Tiefes abergläubischen Unsinnes wegen hieb er wie toll auf sein schönes, liebes Dreigespann ein, und glücklich flog es über die gefürchtete Stelle hin, wobei ihr Lenker befriedigt sagte: „Diesmal hab ich's überwunden!"
Statt auf das nur in Jegors Einbildung drohende Mißgeschick, stießen sie indes auf ein anderes. Von ihnen auf der Chaussee, unter der aber keine glatte Bahn zu verstehen ist, sondern der ziemlich unebene Boden einer schmal gebauten Straße, zeigte sich einer jener langen Warenzüge, welche das Innere Rußlands durchziehen, den Handelsverkehr vermittelnd. Eine endlose Kette einspänniger Karren ziehen dabei so dicht hintereinander her, daß das Pferd des nachfolgenden feinen Kopf gemächlich gegen die Rückwand des vorderen Gefährtes reibt. .
Solch ein Zug bewegt sich schrittweise, wird von wenigen Fuhrleuten gelenkt und bietet eine furchtbare Geduldsprobe für die Reifenden, welche das Glück haben, auf eine derartige Karawane zu stoßen; denn bei den schmalen, meist schadhaften Wegen ist das Ausweichen, resp. Borbeifahren mit einer Gefahr verknüpft, welche zu überwinden die ganze sichere Geschicklichkeit der russischen Kutscher
des Feinschmeckers bildet. Gleichfalls minderwertig oder vielmehr sogar völlig unbrauchbar a.s Genußmittel sind Apfelsinen mit dicker Schale und verfilztem Fleisch, also entweder überreife oder von schlechter Sorte, bei denen auch der Geschmack weichlich und fade zu sein Pflegt, bar jedes Saftgehalts und ohne Würze. Die erste wirklich schmackhafte Frucht, die in unsere Breitengrade gelangt, stammt aus Südspanien in der Gegend von Valencia. Von Kennern sehr geschätzt wird diejenige von der Insel Malta mit ihrem köstlichen Gehalt an lieblichster Würze; doch kommen diese Apfelsinen verhältnismäßig wenig in den Handel, da der Anbau nicht ansehnlich genug ist, um mit seinem Ertrage einer großen Nachfrage zu genügen. Ein fernerer gar nicht genug zu schätzender Vorzug der Malteserapfelsine besteht darin, daß sie in eine nur ganz dünne Schale gekleidet ist. Syrien und Palästina übermitteln uns außerdem die sogenannte Jerichow-Orange mit rotem, ungemein süßem Fleisch, und aus Sizilien kommt die Mandarine, nur von der Größe etwa eines Borsdorfer Apfels und gleichfalls das Fleisch tiefrot abgetönt, während die Schale geradezu tote lauter Gold prunkt.
Die Apfelsine, in Oesterreich schlechtweg „Orange" genannt, ist eigentlich nur eine Abart der letzteren, während die übrigen Mitglieder dieser Familie unter dem Namen „Citrone", „Limone" und „Pomeranze" mehr oder weniger bekannt sind. Sonst führt sie noch hin und wieder die Bezeichnung „Sina-Apfel". Bon ihren Geschwistern unterscheidet sie sich schon insofern sehr entschieden, als allein sie den Namen eines Obstes in Anspruch nehmen kann, wogegen jene immer nur als Gewürze in Betracht kommen können. Die Heimat der Apfelsine ist China, von wo aus die Frucht wahrscheinlich über Indien auf dem großen Handelswege des Mittelalters nach Italien und Spanien gelangte und dort ebenso bewundert wie dem Werte nach geschätzt wurde. Im Jahre 1548 kam der Seefahrer Juan de Castro auf den Gedanken, von China aus, wo er gelandet, ein junges Stämmchen mitzunehmen nach feiner Heimat Portugal. Dorthin glücklich zurückgekehrt, pflanzte er es in die Erde, und siehe, der fremde Baum gedieh dermaßen, daß sein Besitzer bald eine reiche Ernte von ihm erzielen konnte. Damit war der Anfang gemacht von einer Kultur, die sich bald immer mehr ausbreitete, und wirtschaftlich einen sehr großen Nutzen abwarf. Die Portugiesen verpflanzten dann den Baum nach Amerika, das sich gleichfalls für die betreffende Kultur sehr günstig zeigte, zumal nach den Azoren, wo die Apfelsine bald jede andere« Obstkultur weit hinter sich ließ. Noch heute erntet man hier jährlich gegen acht Millionen Früchte, die überaus würzig und wohlschmeckend find, aber bedauernswerterweis« nicht zu uns gelangen, indem John Bull sie sich durch seine bequeme Schiffsverbindung für den eigenen Gaumen sichert und dabei ein recht artiges Sümmchen als Baren Verdienst in die Tasche gleiten läßt. Einmal in Europa angelangt, verbreitet sich der Apfelsinenbaum bald über den ganzen Süden. Er umsäumt die Gestade des Mittel- meers, und die Früchte, aus dem Grün hervorlachend, wetteifern in ihrem goldenen Farbenton geradezu mit den Sonnenstrahlen.
Auch in Deutschland versuchte man die Apfelsine anzubauen; Straßburg und Metz bringen bereits im 16. Jahrhundert Früchte auf den Markt, die in den Gärten bU'ietl beiden Städte geerntet waren. Aber das Klima erwies fich doch als zu rauh, der Baum selber litt unter den Unbilden harter Winter, und die Früchte lechzten, um einer echten, wirklichen Reife teilhaftig zu werden, nach vollerer Sonnenglut. So schlief allmählich die Kultur ein und mit ihr die Hoffnungen, die man auf sie gesetzt. Um so besser gedieh sie dafür in Frankreich, das in seinen südlicheren Gegenden denn auch alljährlich eine sehr stattliche Ernte aufzuweisen hat. Den ersten Baum soll übrigens die Ahnfrau! des Hauses Bourbon im Jahre 1411 in dem Städtchen Pampeluna, der ehemaligen Residenz der Könige von Navarra, «aus einem Kern gewonnen haben, den sie selber tn die Erde gelegt. Neunundachtzig Jahre später wandert« dieser Baum, inzwischen prächtig gediehen, gesund bis in das Mark, und fröhlich Sprosse treibend, nach Pans als Geschenk für den großen Connetable von Bourbon, als Unterpfand der guten Beziehungen, die zuuschen der na- varrefischen Herrscherfamilie und diesem tapfer« Berfechier ihrer beiderseitigen Ideen herrscht«. Dieser Baum steht noch
Apfelsinen.
Genrebild aus Natur und Küche, Bon Hildegard Orth.
(Nachdruck verboten.)
Wenn fich der Vorrat der heimatlichen Obstsorten, soweit diese aufbewahrt werden können und in den Wmter hineindauern, immer mehr zu lichten beginnt, stellt sich für «Ile die, die auf ein der Gesundheit so zuträgliches Nahrungs^ und Erfrischungsmittel nicht verzichten mögen oder können, als Retter in der Not die — Apfelsine ein. Und allen ist die schmucke, in lichtem Hellgelb bis zur gesättigten Goldfarbe prangende Frucht dem Aussehen nach wohlbekannt, und ebenso wissen wir auch, wie gut sie mundet. Denn ihr Fleisch ist saftig und überaus würzig; es zergeht gewissermaßen auf der Zunge, schmeckt lieblich mit einem leichten Stich ins Herbe, und ist zugleich wie durchtränkt von einem feinen, unbestimmbaren Gewürz. Freilich unterfcheiden sich die verschiedenen Arten ziemlich auffällig in Bezug auf dies« ihnen innewohnenden Eigenschaften von einander. Jene halbreifen Apfelsinen, die eine übertriebene Handelsgeflissenheit schon zn Beginn des Winters aberntet, um uns damit zu überschwemmen, kann sich doch in keiner Hinsicht messen mit der köstlichen Frucht ans Genua; oder Messina, die erst nach Neujahr eingeführt wird und das Entzücken


