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war Clarita neu und interessant. In ihrer Stimmung war sie geneigt, alles gut, jegliches Mißgeschick, über das die alte Französin die als Begleitungsdame für Lisavetta mitsuhr unaufhörlich jammerte, erträglich zu finden, selbst die armselige Station mit den unzulänglichen Nacht­quartieren. Reinliche Stuben fanden sich dort nie, obgleich Geraßin zwei solcher stets voraus für die gnädige Herrschaft bestellte, während er eilig den Proviant auspackte, Milch und frisches Brot eiukaufte, und in seiner Eigenschaft als Koch sich mühte, wenigstens ein bescheidenes Mahl her­zurichten. Bescheiden blieben solche denn auch beständig während der viele Tage laugen Reise; denn die Stationen lieferten nichts als den Samowar und heißes Wasser. Dazu erwiesen sich die Nachtquartiere, welche jene Poststationen bieten, eher abschreckend als einladend; jedenfalls war ihre Einrichtung mehr als mangelhaft und widerwärtig schmierig. Schmierig die alten Möbel, schmierig die Betten, schmutzig geschwärzt die Wände, mitsamt der Unzahl alter Heiligen­bilder, die daselbst überall unbedingt zur Ausstattung ge­hörten. Um die Ruhelager einigermaßen erträglich zu machen, mußten aus dem Wagen die Kissen und Polster herbei; aus den Reisetaschen brachte die Kammerfrau Bett- leinen hervor, das über ausgestreutes Heu gezogen, noch das beste Bett hergab.

Clarita konnte darüber schon Lesser den Schauder be­greifen, den Frau Wera vor einer solchen Reise empfand, für sie selbst hingegen blieb die neue Situation reizvoll. Sie teilte Feodors Vergnügen und Teilnahme, sie lachte mit ihm über die kleinen Mißhelligkeiten und nahm das Leben, wie es sich eben bot. Derr Schmutz abgerechnet, bot sich ihr auch des Interessanten genug; denn ihr, als Fremder, drängte sich eben jeder Eindruck in ungeschwächter Frische aus. Ihr Auge erfaßte viel schärfer das Eigentümliche, Besondere, was die andern kaum beobachteten. Zudem war es ja Alexis' Vaterland, das sie durchfuhren. Dies alles hielt Clarita stets in belebter Stimmung, dennoch war sie's zufrieden, als sie die vierte Station hinter sich hatten, welche solch' eine Armseligkeit geoffenbart, daß die Damen diesmal vorzogen, int Reisewagen zu übernachten, undFeodor mit Herrn Galuschkin zur Lagerstätte einzig Heu gewählt hatten.

Der Wagen rollte nun mit Tagesgranen den unebenen Weg weiter; sein nächstes Ziel bildete eine kleine Stadt, auf welche Feodor ermutigend die Gesellschaft vertröstete. Deren Umgebung ließ sich an jenem Frühlingsabend, da man sie erreichte, gewiß etwas Malerisches nicht absprechen, doch das Städtchen an sich bot nichts weniger als einen erfreulichen Anblick. Selbst Claritas Blick verdunkelte sich, da sie die in überwiegender Mehrzahl vorhandenen ein­stöckigen Holzhäuser sah verlassene, zerfallene Gebäude, welche Ruinen gleich die bodenlos schmutzigen Straßen um­standen, an die hier und da noch ein von verkrüppelten Obstbäumen und wildverwachsenen Stachelbeersträuchern be­decktes Stück Land grenzte und die Nachbarhäuser recht weit­läufig von einander trennte. Grimd und Boden mußten dort eben wenig Wert haben; deshalb dehnte sich das Städtchen in wahrer Raumverschwendung in die Länge und Breite, und niemand fand es nötig, die verlassenen Häuser, das oft gänzlich dachlose unter dem Einfluß von Eis und Schnee zerbröckelnde Mauerwerk abzubrechen oder nieder­zureißen. Unbekümmert überlieh man der Zeit, das Zer­störungswerk nach und nach zu besorgen. Auf den ersten Eindruck hüt hielt der Ausländer sicher den ganzen Ort für verkommen, jedenfalls für verarmt und verelendet.

Dem war dennoch nicht ganz so; die Reisekalesche bog endlich auch in ein besseres Quartier ein, das einige weiße Steinhäuser aufzuweisen hatte, die durch ihr hübsches Aeußere um so schärfer von dem sie umgebenden Verfall abstachen. Sie gehörten reichen Kaufleuten, unter welchen Wohlstand herrschte, während die Verhältnisse der Grund­besitzer traurig waren und der Adel des Distriktes zumeist verarmt und heruntergekommen schien.

So erklärte es wenigstens Herr Goluschkiu in bescheidener Gelehrsamkeit, Unterdes Clarita in trübem Staunen auf das planlose Gemisch von Häusern blickte, zwischen welche sich ein, zwei Kirchen und Klöster einreihten. Sie boten leinen ansprechenden, mehr einen düsteren Anblick. Die Poststation dagegen, die sich hier fand, rechtfertigte in etwas Feoders Trostbemühungen. Der Schmutz und die schrecklichen Insekten erwiesen sich nicht gar zu störend, wie denn über!-,

Haupt die ganze Ausnahme, welche der gnädigen Herrschaft daselbst zn teil wurde, eine leidliche Nachtruhe erhoffen

Bis in die Steppe.

Die alten Bäume rauschten Als riefen sie ihr zu: Komm' her zu mir. Du Arme, Hier find'st Du Deine Ruh.

W. M.

Die kleine Gesellschaft sah sich in ihrer Hoffnung nicht betrogen; sie alle schliefen wirklich einmal und erwachten am lichten Morgen erfrischt, neu belebt. Clarita war am ersten munter; mit wehmütiger Freude sah sie die Sonn« aufgehen. Ehe die heute sank, sollte sie zu Ornatofssko sein! Freilich noch lag dasselbe eine ganze Unzahl von Wersten entfernt, jedoch, und dies war der größte Vorteil, den das! erbärmliche Städtchen bot von jetzt ab stand für die weitere Fahrt ein hübscher leichter Wagen mit einem lustigen Dreigespann bereit, das Clarita, Lisavetta und Feodor mit dem Wtnde um die Wette dem ersehnten Ziele zuführen sollte.

Ter Intendant von Ornatofssko hatte seinem jungen Bärin den Tarantaß entgegen gesandt und zweimal des Weges Relais gelegt, sodaß man die Pferde wechseln und ohne Aufenthalt möglichst rasch weiter konnte. Es war eine treffliche Einrichtung, und Feodor ganz entzückt dar­über. Nicht weniger war dies der alte ihm entgegengesandt« Kutscher. Der graubärtige Mann war selig, seinen jungen Barm Wiedersehen und fahren zu dürfen. Das fremde schöne Fräulein, welches statt der gnädigen Herrin da war, um! Befehle zu geben, betrachtete er mit ehrfurchtsvoller Scheu und voll Bewunderung staunte er Lisavetta an, die er sich erinnerte, als kleines Mädchen gesehen zu haben. Er wagte freilich nicht zu sprechen, aber er küßte den Saum von Feodors Rock, sobald er dessen habhaft werden konnte. Der junge Bärin nannte ihn kurzweg Du und hatte ein« ganze Menge von Fragen zu stellen, wie allerlei Erkundig­ungen einzuziehen. Clarita hörte ihm vom geöffneten Fenster aus zu, sie wartete auf Lisavetta, welche mit ihrem Frühstück noch nicht zu Ende war. Ihr behagten die frühen Stunden nicht recht. Clarita dagegen standschon lange am Fenster und blickte neugierig in die ihr völlig fremde Welt hinein, nachdem sie vorher aus der Tiefe ihres Herzens ein heißes Gebet zum Herrn der Welten emporgesandt, daß er ihren Einzug in Ornatofssko segne. Jede Minute vor der Fahrt däuchte ihr lang, um ihre Gemütsbewegung zu beschwichtigen, richtete sie ihre Aufmerksamkeit auf die Um-: gebung. Fuhrleute gingen von der Station ab und zu und warfen verstohlen neugierige Blicke auf die Fremde, welch« so sinnend hinaus auf die Straße schaute. Dort kam eben mit lang wallenden Locken ein Pope daher in braunseidenem Talar, ziemlich eilig hinschreitend. Er mochte sich verspätet haben; denn schon geraume Weile klangen von der Kirch« die Glocken. Clarita wunderte sich über den trüben Gesichts-, ausdruck der Leute, die ihm begegneten. Sie wußte nicht,; daß das Begegnen eines Priesters bei ihnen Unheil bedeutet; sie sah nur staunend, wie jene Leute sich umdrehten und dreimal ausspieen, nach der Volksmeinung das trefflichst« Mittel, den Teufel zu vertreiben.

Clarita blieb indes keine Zeit, jenen Werglaubeni an dem das russische Volk so reich ist jetzt zu ergründen. Feodor rief ihr zu: die Troika harre voller Ungeduld. Das fahle Licht der Morgendämmerung wich immer rascher der hellstrahlenden Sonne. Der alte Postillon mit seinem turmhohen Hut saß bereit, er konnte kaum mehr das Feuer der Tiere zügeln. Lisavetta war endlich munter, und dis Damen stiegen ein, von ihrem jungen Kavalier gefolgt. Lustig fuhr man zu dem Städtchen hinaus, während der schwer­fällige Reisewagen noch vor der Thür der Station hielt. Madame Duflois durfte darin nun nicht mehr über Mangel an Platz klagen, auch keine scharfen Bemerkungen mehr machen über die lose Jugend; denn Herr Goluschkiu, der arme,: schüchterne Student, ließ sich zu solcher nicht wohl zählen. Eher hätte sich das von Stiopa, der Kammerzofe, sagen lassen, die es indes für zweckmäßig fand, sich bei der gestrengen Gouvernante ihrer jungen gnädigen Herrm be­liebt zu machen.

Clarita war sehr zufrieden, mit den jungen, ihr anver­trauten Leutchen allein zu sein. Der kleine Tarantaß flog