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Reglos lauschte der Xlötoe, nur seine Augen redeten. Redeten die stumme Sprache tierischen Mitgefühls. —
Jnr Zuschauerraum war es lautlos still. Der Neger stand, seine breiten Schultern eng an das Eisengitter gepreßt. Schweiß perlte auf seiner Stirne. Sein dunkles Antlitz bedeckte fahle Mässe, und die mächtige Brust arbeitete heftig. Raubtierartig funkelten seine Augen, und es schien, als wolle er das Gitter eindrucken; denn seine zitternden .Hände umklammerten krampfhaft die dicht- gefügten Eisenstäbe.
„Herrliche Guya!" Wie zischend kam der Name aus den H!usammengepreßten Lippen. — Guya aber drückte unter jauchzenden Jubellauten ihr reizendes Gesicht tief in die Löwenmähne. Dann mußte der prächtige König der Tiere seine Kunststücke machen. Und er that es. Sanft wie ein Lamm, gelehrig und folgsam, immer die Blicke auf seine schöne Herrin gerichtet. Mit keiner Miene zuckte er, als sie den brennenden Reif um seinen Kopf schwang, die Pistole vor seinen Augen abschoß; willig ließ er es geschehen, daß sie das frische Stück Pferdefleisch, welches sie ihm gereicht, wieder aus dem Rachen zog, aus seinem hungrigen, offenen Löwenrachen, der das ganze fnrchtbare Gebiß bloßlegte. —
Gyuro, der junge Slave, erteilte dem Neger seine Anweisungen. Mit einem breiten Grinsen nahm sie der Schwarze entgegen. Oder war es Hohn, das da seine wulstigen Lippen umspielte? —
„Halte Dich dem Gitter ferne, Jim!" gebot Gyuro. „Du weißt, der alte Bär liebt Dich nicht, seit Tu ihm einmal mit der glühenden Feuerzange die Tatzen zwicktest! Während ich mit ihm ringe, bleibe Du ja außer Sehweite. Sonst könnte am Ende die Hauptpiece verunglücken!"
„Sehr wohl, Master Gyuro!" nickte Jim, und wieder spielte ein rätselhaftes, fast diabolisch zu nennendes Lächeln um seinen blutroten Mund.
Der Slave schlüpft noch schnell hinter den Vorhang, und Jim sah durch den Spalt, wie er die schöne Guya umarmte und küßte, als gälte es ewigen Abschied. — Manche Ural gilt es auch solchen, denn ein Kamps mit Bestien, seien es auch gezähmte, ist immer gefährlich! — Hatte da ein Löwe gemurrt, oder war das dunipfe Grollen aus der breiten Brust des Negers gekommen? —
Seine weißen Zähne knirschten und sein funkelndes Flammenauge ließ nicht von dem glücklichen Liebespaare.
Es war eine mühselige Arbeit für den plumpen, zottigen Gesellen, diesen aufgetürmten Stuhlberg zu erklettern. Brummend hielt er manchmal inne, und schielte zu seinem Herrn hinüber, ob es nun noch nicht genug sei. Aber dieser antwortete ihm nur mit einem sausenden Peitschenschlage. Endlich war die saure Arbeit vollbracht. Oben auf dem höchsten Punkt, die massige Gestalt auf vier Stuhl- beinen balancierund, stand Meister Petz und nahm gelangweilt mit fauler Grazie das Beifallklatschen des Publikums hin. — Dann stieg er langsam, knurrend und schnaufend von seinem hohen Standpunkte herab, und legte sich zu des jungen Slaven Füßen, der ihn zärtlich den zottigen Kopf kraute. Darauf begann das Ringen. — Sie rangen regelrecht miteinander. Der schlanke, junge, bildschöne Mensch, und das Ungetüme Raubtier. Kopf an Kopf, Schulter an Schütter. — Der Neger war verschwunden, und das goldhaarige Mädchen lehnte dicht am Gitter, mit blassen Lippen und angstvollen Augen. Denn sie war schwer und gefährlich, diese Piece. — Der Bär, welcher bis jetzt seine volle Aufmerksamkeit dem Gegner geschenkt, hob plötzlich lauschend den Kopf. Settmdenlang. — Nebenan, wo die jungen Löwen sich spielend balgten, scholl ein tiefes, an* haltendes Brummen, gleich dem Atemholen eines Riesen. Noch einmal, und noch einmal. — Meister Petz stutzte. —, Ao locken in den Wäldern die Bärenmännchen ihren Weibchen. — Sehnsucht schwellt sein weibliches Bärenherz, und seine kleinen Augen suchen die Stelle, woher das Locken kommt. — Dort steht Jim, und schwingt unter teuf- ttschem Grinsen eine glühende Feuerzange. — Er kennt sre nur zu gut, diese Zange. - Mit einem Wutgebrüll hebt er die rechte Pranke. Sein Instinkt verläßt ihn. Er werß in der tollen Angst, der rasenden Wut nicht mehr zu unterscheiden, wo sein Herr, wo sein Peiniger, und sieht in dem jungen Slaven nur noch den Menschen. Den brutalen Menschen, der sich durch die Schläge, das Quälen,
den Hunger, die Tiere unterthan macht. Und seine Danke schlägt zu. Mit wuchtiger Kraft. — Blutüberströmt sinkt Gyuro zu Boden. Durch den Zuschauerraum gellen Entsetzensschreie. In wilder Panik rennt alles durcheinander.
„Jim, hilf, Jim!"
Wie eine Rasende rüttelt das schöne Mädchen an den Gitterstäben.
Der Neger aber rührt sich nicht. Sein Auge weidet sich an dem regungslosen, blutenden Körper seines Neben-> buhlers.
vermischtes.
Pommersche „Dnllbretter". Ein eigenartiges und natürlich „ganz unfehlbares" Mittel gegen die Tollwut giebt die plattdeutsche Schriftstellerin Margarethe Neres e-i Wietholtz in der „Gartenlaube" an. In einigen Pommers chen Bauernfamilien erben sich sogenannte „Du ll- bretter" fort, die als kostbarer Besitz sorgsam aufbewahrt und gehütet werden. Ein Tullbrett ist ein längliches Stück Holz mit eingeschnittenen Buchstaben, die häufig geradezu an Runen erinnern. Tie Inschrift ist meist nicht zu enträtseln. Kommt in der Gegend ein Fall von Tollwut vor, so drückt die Hausfrau das Brett mit der Inschrift auf einem eigens zubereiteten Brotteig ab, und jedes Mitglied der Familie, sowie die Haustiere müssen ein Stückchen des Brotes, der „Back", einnehmen. Ter Biß eines tollen Hundes kann ihnen dann nicht schaden. Tie Abbildung eines dieser selbst in Museen selten vorhandenen Duttbretter ist dem Keinen Artikel Margarethe Nerese's bei-, gefügt, es ist das Stück, das sich im Besitz der Verfasserin befindet.
„Auf diesem nicht mehr ungewöhnlichen Wege." Berliner Blätter schreiben: Eine Rentilerin in den besten Jahren und Witwe, suchte durch eine Zeitungsanzeige einen Mann. Es meldeten sich ohne Angabe ihres Namens viele, welche die Bekanntschaft der Frau mit „imposanter Figur"- machen wollten. Die Heiratslustige entschied sich für einen Bewerber aus der Provinz. Auf dem Fernbahnsteig an der Friedrichsstraße sollte er sie treffen. Sie wollte einen Maiglöckchenstrauß tragen, und er sollte eine rote Rose ins Knopfloch stecken. Sehnsüchtig harrte die Witwe der Ankunft des Zuges; der einzige Reisende aber, der mit roter Rose ausstieg, war ihr Sohn, der in der Priovinz angestellt ist. Das Wiedersehen war für beide etwas peinlich. (Wahrscheinlich hat der Sohn eine „Offerte" per Schreibmaschine gemacht.)
Ein ungeheurer Schnupfen. In einem Badeorte am Genfer See erschoß sich dieser Tage ein reicher Amerikaner, dem ein formidabler Gehirnschnupfen die Existenz verleidete, aber doch in letzter Stunde den Humor nicht ganz verdorben hatte. Denn das auf feinem Schreibtische vov- gefundene Matt enthält die Worte: „Nachdem ich nun heute das zehnte Schnupftuch verbraucht habe, kann ich nicht mehr bezweifeln, daß ich einen Wasserkopf Haber woher sonst als aus dem Köpf kann das viele Wasser kommen? Ta ich nun nicht im Sinne habe, meinen Kopf als Bassin für Goldfische herzurichten, und überhaupt mit einem Wasserkopf nicht leben will, so erschieße ich michp Ich bin ober so rücksichtsvoll, mich ins Herz zu treffen^ da man, wenn ich in den Kopf ein Loch schösse, vermuten könnte, die Röhre der Wasserleitung im ersten Stock, wo ich wohne, sei gesprungen."
Charade.
(Nachdruck verboten.)
Jin Wald vor dem Ganzen, an einsamer Stelle, Da hält ein wackerer Krieger die Wacht.
Er träumt und sinnt. Mit magischer Helle Durchflutet der Mond die stille Nacht.
Eine EinS-Zwei raschelt in den Tannen, Auf fährt der KriegSmann und ruft Drei-Viert Vier flattert'S auf und rauscht von dannen. Drei nennt das Ganze, daS Städtchen, mir?
(Auflösung in nächster Nummer.)
Auflösung des Bilderrätsels in vor. Nr.t Untergrundbahn.
Redaktion: Curt Plato. - Rotationsdruck und Verlag der Brübl'schen UntversilätS-Vuch. und Steindruckerri (Pietsch Erben) in Gießen.


