Ausgabe 
30.6.1902
 
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Leipzig und Umgebung anzusehen, bemächtigte sich Armins dumpfe Verzweiflung. Er sah plötzlich mit entsetzlicher Deutlichkeit die Kluft, die den armen, deutschen Studenten von der Tochter des britischen Millionärs trennte, und Mr. Severn machte nicht den Eindruck, als ob er jemand einen Pfennig Kredit für künftige Größen geben würde. Traute allein kannte seinen Herzenszustand, und zu ihr flüchtete er mit seinem Jammer.

Du mußt schnell Karriere machen; wenn Du etwas bist, und etwas hast, wird dieser Materialist mit dem Scheerenschleiserbart ganz andere Saiten aufziehen", ver­suchte Traute ihn zu ermutigen, obgleich ihr selbst hoff- uungslos elend zu Mute war.

Schnell Karriere machen! Dieses Wort legte sich als neuer Alp auf Armins verzagendes Herz. Er hatte während seiner Studienzeit überhaupt noch nicht gearbeitet, das Korps und Lillian ließen absolut keine Zeit dazu, und welch ein Berg blieb zu überwinden bis zu dem allerersten Beginn einer Karriere!

Man muß ein Mr. Severn oder Paul Lehmigke sein, um mit dieser elenden Welt fertig zu werden", seufzte er bitter,der gemeine, flache Verstand prosperiert stets, aber der höher und ideal veranlagte Mensch scheitert. Solch ein englischer Dickschädel wird niemals einsehen, daß die Liebe das erste Recht hat, und die höchste Macht auf Erden ist, und daß alle seine Pfundnoten nicht den Wert eines echten Gentleman auswiegen können!"

Traute wurde sehr bang zu Mut. Das unheimliche Ge­fühl, auf der Schattenseite des Lebens zu stehen, beschlich sie plötzlich mit unabweislicher Gewalt. Es war da so öde und sinster, und alle Glücklichen, die sich im Sonnen­schein freuten, wandten sich fröstelnd ab.

Wird Stauffen je die Kraft besitzen, sie auf die Sounen- seite zu führen? Wird er nicht ebenso ohnmächtig sein wie Lillian?

Sie zog ihren Stuhl näher zu dem des Bruders und legte ihre Hand auf die seine.

Stumm saßen die Geschwister nebeneinander, eine große atemraubende Furcht im Herzen. Tie Furcht vor der Erbarmungslosigkeit des Schicksals, die sie zum ersten Mal ahnten.

Im Lauf des Nachmittags kam ein Brief von Mr. Severn an Miß Buxton mit der Aufforderung Lillians Sachen zu packen, und ihm die Rechnung für seine Verpflich­tungen zukommen zu lassen. Er gedenke am folgenden Tage Deutschland zu verlassen.

Das trieb Armin zum Aeußersten. Er gestand seinem Vater alles, und flehte diesen um Beistand an. Herr Velten war zuerst sehr unangenehm betroffen über des Sohnes Enthüllungen, und nahm diesen streich ins Verhör. Schließlich zeigte er sich jedoch geneigt, die Sache zu über­legen, und m gänzlicher Unkenntnis englischer Verhältnisse und Charaktere, mißverstand er Mr. Severns Benehmen.

(Fortsetzung folgt.)

Im Löwentheater.

Skizze von Emma Kinzle.

(Nachdruck verboten.)

Ein empfindlicher Stallgeruch beleidigt förmlich die Geruchsnerven. Durch den niedern langgestreckten Raum tanzen Sonnenstäubchen, und zu den breiten Fenstern herein flutet aufdringlich hell das Tageslicht. An langen Drähten schaukelten einige primitive Lampen. Der Bursche für alles versuchte vergeblich, nachdem er der alten Kla­vierorgel ein Musikstück abgelockt, die Lampendochte zu entzünden. Sie versagten alle hartnäckig, und achselzuckend hielt er in seinen Bemühungen inne. Mochten die wenigen Zuschauer sehen, wie sie die Vorgänge auf dem, von dicken eisernen Gittern umfriedigten Podium wahrnehmen konn­ten. Was kümmerte es ihn? Draußen vor der Bude schlug ein bildschönes, etwa sechsjähriges Kind die Trom­mel, im rosa Flitterkleidchen, rote Bänder durch das ge­löste Flachshaar geschlungen, hohe gelbe Stieselchen an den kleinen schmalen Füßchen. Neben ihr blies ein brauner Mann in roten Samnitpluderhosen und Trikotleibchen weit- Hinschallend die Trompete, während ein anderer im schä­bigen Gigerlanzug die Sehenswürdigkeiten des Löwen- theaters ausrief.----

Langsam füllte sich die Bude. Zwar auf den vorderen Bankreihen klafften noch für die Direktorenkasse empfind­

liche Lücken, aber desto voller war es dafür hinten bei den Stehplätzen. Die Klavierorgel leierte wieder irgend ein abgedroschenes Stück, und ein schöner herkulisch ge­bauter Neger mit prachtvollen schwarzen Sammtaugen, begann die Schiebwände der Käfige herauszuziehen. Mit einem fast behäbig zu nennenden Brummen und Murren trollten langsam und gemächlich drei junge Königslöwen heraus, begannen gleich zierlichen Kätzchen mit einander zu spielen, und ignorierten das Publikum vollständig. Eine niedere Holzthüre öffnete sich, und herein trat ein schöngewachsenes, wie für einander geschaffenes Menschen­paar. Sie, eine imposante glutäugige Raceschönheit, umflattert von Kettchen, Bändern, Schleifen; umflossen vom Schleier ihres herrlichen Loreleyhaares. Ihr zartes rosiges Gesicht entbehrte jeder Schminke, und die prachtvolle Gestalt wurde noch gehoben durch das blutrote, enganliegende Trikot, das über und über mit glitzerndem Flitter benäht war. Ihr Partner zeigte in Haar, Augen und Gesichtsschnitt ganz den slavischen Typus. Seine großen schwermütigen Augen hingen mit verzehrender Glut an dem schönen ihn anlächelnden Mädchen. Mit verschränk­ten Armen stand er abseits in einer Ecke, und folgte jeder ihrer Bewegungen, während sie, graziös sich in den Hüften wiegend, die Billete einsammelte. Ein schmetternder Trompetenstoß verkündete den Anfang der Vorstellung. Mit zierlichen Tanzschritten trippelte die reizende Kleine, welche vorhin das Amt des Tambours verwaltet, herein, warf Kußhändchen ins Publikum, und näherte sich dem Zwinger der jungen Löwen. Das schöne Paar stand schon wieder abseits beisannncn, kosend und flüsternd. Der große Neger hob mit einer impulsiven leidenschaftlichen Gebärde das blondlockige Kind auf seinen Arm, und küßte es zärtlich auf die Stirne:Mache Deine Sache gut, Jetta, und Jim wird Dir eine große Zuckerstange kaufen!" flüsterte er ihr zu, die ihr feines Gesichtchen zutraulich an seine schwarze Wange schmiegte. Dann lieh er sie sachte zu Boden gleiten, und plötzlich, mit einem Hellen Siegesschrei ihres zarten Sümmchens stand sie inmitten der jungen Löwen, über­mütig ihr knrzstieliges Peitfchchen schwingend.Heda, Holla, Grete, Liese, Mieze aufgepaht, ihr faulen Racker!" schrie sie in tollem Entzücken, lind ließ sich mitten in dem spielenden Raubtierknänel nieder, dem sich noch zwei junge Bären, ititb ein junger Wolf zugesellt batten. Auf dem zähnefletschenden Wolf machte sie einen dreimaligen Spa­zierritt durch den Zwinger, die Löwen mußten durch Reifen springen, und mit einem der Bären tanzte sie nach dem Takte der Klavierorgel eine zierliche Polka. Brummend und schnaufend vollfuhrte Meister Petz jun. diese schwierige Piece, und erhielt dafiir einen schallenden Kuß auf seine breite Nase.

Zum Schlüsse hetzte sie die ganze Tierschar anein­ander, und stand, seelenruhig mit den Füßchen wippend inmitten dieses Tobens, Schnaufens, und Brüllens. Reichlicher Beifall belohnte das liebliche kühne Kind. Wieder nahm sie der Neger auf seine Arme, und küßte sie. Aber seine Augen loderten in wilder Glut, und suchten dabet die schöne Schwester, welche noch immer mit dem Slaven schäkerte.---:

Widerwillig, mit dem Schweif den Boden klopfend, trat weitausholenden Schrittes der große Königslöwe in die Manege. Langsam, unter dumpfen: Knurren, ließ er sein mächtiges Haupt auf die Vorderprauken nieder und blinzelte gleichgiltig in den Zuschauerraum.

Jetzt belebte sich sein Blick. Etwas wie ein Schmunzeln überlief seine großen Züge. Er ließ ein ganz leises zu­friedenes. Knurren vernehmen.

Seine Herrin, das schöne gvldhaarige Mädchen trat an ihn heran, und sprach zu ihm mit flüsternden Schmei- chelworten. Langsam hob er den Kopf, und folgte aufmerksam jeder ihrer Bewegungen. Es schien, als lese er ihr die Worte von den Lippen ab. Die Orgel spielte eine einfache rührende Liederweise. Das Mädchen ließ ihre Gestalt langsam auf den mächtigen Löwcnkörper gleiten, und umschlang seine Mähne mit beiden Armen, daun sang sie in halblautem Murmeln.:

Al za jednom viek cuceznut, Ji sucam ko za inajkom grezmit, A to ti si, moja ot acbino!

(Nur nach einer Scholle Erde werde stets ich schmachten. Werde Thränen wie nach einer Mutter weinen Und die bist Du, mein Vaterland!")