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und
ein Tie
Deutschen haben keinen Geschäftsgeist."
Als Armin die wissenschaftliche Bildung, die Schulen
Universitäten, die Vorzüge der militärischen und Staatscarrieren rühmte, die einen Mann schon auf den
geisterte Zwischenrede, Deutschland sei das schönste Land der Welt, erwiderte er wegwerfend:
„Für Soldaten und Musiker. Ich begreife nicht, wie intelligenter Mann es in Deutschland aushalten kann.
untersten Stufen eine geachtete, gesellschaftliche Stellung gewährten, zuckte Mr. Severn ironisch die Achseln.
„Ich weiß, man kann in Deutschland fünfzig Pfennig in der Tasche, und eine geachtete gesellschaftliche Stellung haben", sagte er mit unverkennbarem Hohn. „Ein Engländer bedankt sich für eine Ehre, bei der er sich nur halb satt essen kann."
So hinterließ der Besuch einen höchst unerfreulichen Eindruck, und als Mr. Severn seine Tochter für den Rest des Tages mit sich nahm, um sich in ihrer Gesellscha° '
Stauffen durfte nichts davon erfahren. — Und sie sollte Camill aufgeben — empörend! Und doch — o Gott' — ihres Vaters klägliche Lage, Eamills Schulden — es war alles so beängstigend, so unzuverlässig — es gab Lehmigkes schonungslosen Worten so schrecklich recht — was sollte noch daraus werden?
Fünfzehntes Kapitel.
Tie Krisis des fünfzehnten April wurde wieder glücklich überständeu. Im letzten und höchsten Augenblick der Not halfen Onkel Lothar und die Tanten.
Herr Velten erholte sich schnell von seinem Trübsinn und der gefürchteten Zuckerkrankheit. Hulde ließ ohne Besorgnis Papierscheeren und Pfropfenzieher unverschlossen, Frau Veltens homöopathische Hausapotheke und die Andachtsbücher traten in den Hintergrund des Interesses, und Armin blieb bei seinem Korps.
Traute hatte einige Tage nach ihrem Zusammensein mit Paul Lehmigke die ernsthafte Absicht, zu arbeiten. Sie stand zum Erstaunen der Familie um fünf Uhr früh auf, um AU zeichnen. Tiefer plötzliche Arbeitseifer wurde jedoch ihren Angehörigen unbequem. Hulde, die mit Traute dasselbe Schlafzimmer teilte, zankte jeden Morgen mit ihr, weil sie im besten Morgenschlaf gestört würde, und Armin wurde ernstlich böse, wenn Traute zu Hause bleiben und arbeiten wollte, statt sich mit ihm und Lillian auf den täglichen Nachmittagsbummel zu begeben.
„Es ist unrecht von Dir, daß Du uns jetzt im Stich lassen willst, weil Stauffen weg ist", sagte Armin, „Tu weißt, daß Lillian nicht allein mit mir gehen darf."
Traute gab ihm Recht, sie schob mit einem Seufzer der Erleichterung die Arbeit bei Seite, und entschuldigte sich vor sich selbst mit höheren Pflichten gegen den Bruder und seine Zukunft. Sie konnte es auch unmöglich verantworten, daß Hulde jeden Tag Migräne bekam durch die frühe Störung, und so schlief sie bald nach wie vor bis acht Uhr.
Es ging alles seinen altgewohnten Gang, und man lebte wieder recht gemütlich im Belten'schen Hause. Bis an einem schönen Maimorgen Mr. Severn, Lillians Vater, ganz überraschend erschien, um seine Tochter mit sich nach England zu nehmen. Das war ein schwerer Schlag für Armin.
Miß Buxton hatte zwar eine Abberufung nach England schon zum ersten April in Aussicht gestellt, da dieselbe jedoch hinausgeschoben wurde, hegte man die Hoffnung, die beiden Damen noch länger als Hausgenossen zu behalten.
Mr. Severns Besuch wirkte niederschlagend auf sämtliche Veltens, auch aus diejenigen, die von Armins Herzenswünschen nichts wußten.
Herr und Frau Velten empfingen ihn mit großer Zuvorkommenheit und mit der freundlichsten Gesinnung, weil sie seine Tochter, abgesehen von dem materiellen Vorteil, den sie ihnen brachte, aufrichtig lieb gewonnen hatten. Armin und Traute nahmen alle Kraft zusammen, um einen guten Eindruck zu machen, aber sie hatten kein Glück bei dem reichen Wollhändler, der als Knabe in Transvaal selbst die Schafe gehütet hatte, und jetzt eine große Geringschätzung für Leute, die Zimmer vermieteten, besaß.
Er setzte allen Bemühungen herzlichen Entgegenkommens eine eisige Gleichgiltigkeit entgegen. Aus die Frage, wie ihm Deutschland gefiele, und auf Lillians be-
„Zum Gelderwerb wird man in unserem Stande nicht erzogen. Ter Profit ist Ihr Gott, aber wir haben andere Götter und andere Ideale!"
Paul Lehmigke schwieg eine Weile, er sah das junge Mädchen mit einen: langen, ruhigen Blick an. Sie waren jetzt auf der Promenade bis vor die Zentralhalle gelangt, aber Traute hatte ihre Malstunde vergessen, und sie gingen weiter, Zeit und Ort vergessend.
„Sie thün mir unendlich leid", sagte jetzt Lehmigke mit verändertem, freundlicheren: Ton. „Sie befinden sich in einer sehr traurigen Lage, und so wie ich Ihren Herrn Vater kenne, ist er gänzlich unfähig, sich zu helfen. Er hat Sie mit Ansichten erzogen, die verkehrt und unwahr sind, und Sie unfehlbar noch tiefer ins Unglück bringen müssen. Aber Sie sind noch nicht zu alt, um die Wahrheit einzusehen und einen neuen Weg einzuschlagen. Arbeit allein kann Sie retten. Sprechen Sie nicht so verächtlich vom Gelderwerb und vom Profit. Nur Thoren und Dummköpfe arbeiten ohne Profit. Und die gar nicht arbeiten »vollen, das sind unnütze Menschen ohne Ehrgefühl. Es ist viel verächtlicher, Geld zu borgen, es geschenkt zu nehmen oder es anderen schuldig zu bleiben, als es zn verdienen. Selbst die niedrigste Arbeit, das Sichmühen in: Staube um den Pfennig und Groschen ist ehrenvoll gegen den hochmütigen Müßiggang. Hören Sie auf meine Warnung. Vermeiden Sie den Umgang mit Menschen, die Faulheit, Genußsucht und Verschwendung für vornehm und ehrenhaft halten, dagegen Arbeit und den Kampf um den Vorteil gering schätzen. An Ihrer Lage müssen Sie arbeiten lernen, wenn Sie sich vor moralischem Untergang retten wollen. Sie brauchen nur die Augen aufzumachen, Und sich in der Welt umzusehen, um zu erkennen, daß die Anschauungen, in denen Sie aufwuchsen, nicht die herrschenden und maßgebenden sind."
Traute hatte mit niedergeschlagenen Augen zugehört. Ihr ganzes Gefühl empörte sich gegen diese bittere Lektion, aber mit Schrecken wurde sie sich bewußt, daß sie ihr keinen Widerspruch entgegenzusetzen hatte. Alle Thatsachen sprachen für die Wahrheit dieser Worte.
„Ich verachte die Arbeit nicht", sagte sie leise wie ein gescholtenes Kind, „ich gebe schon jetzt Stunden für Geld, Und ich selbst nehme Malstunden, ich möchte gern einmal recht v:el Geld verdienen mit Bilderverkaufen."
„Verzeihen Sie, ich fürchte, Ihnen fehlt jeder Begriff, wie man arbeiten muß, um recht viel Geld zu verdienen. So nebenher als Spielerei geht das nicht. Um Bilder zu verkaufen, müßten Sie eine große Künstlerin werden, und neben starker Begabung arbetten wie ein Pferd. Ich rate Ihnen, sich ein weniger hohes, aber erreichbares Ziel zu stecken. Lernen Sie statt Malen zum Beispiel lieber die lauf- männifche Buchführung, es werden heutzutage oft Damen als Kassiererinnen und Buchführerinnen in den Geschäften angestellt und können sich durch Zuverlässigkeit und Brauche barkeit eine einträgliche, geachtete Stellung erringen. Wenn Sie sich dazu entschließen, würde ich gern bereit sein. Ihnen durch meine Empfehlung zu nützen. Sie müßten freilich in bick;:: Fall jeden Umgang und jede Verbindung mit Leuten wie Graf Stauffen abbrechen, denn ich würde es nie übernehmen, eine Dame zu empfehlen, die zu diesem Herrn in irgend welchen Beziehungen steht."
Traute richtete sich hoch auf. „Ich danke Ihnen, Herr Lehmigke, Sie sind sehr gütig. Aber es ist m:r unmöglich, von Ihrem Anerbieten Gebrauch zu machen oder Ihren Rat zu befolgen. Meine Eltern würden.es mir nicht gestatten; meine ganze Familie würde dagegen sein. Und andere Rücksichten, die ich Ihnen hier nicht erklären kann, binden mich."
Lehmigke machte eine ungeduldige Bewegung. „Gut. Dann habe ich weiter nichts zu sagen. Ich fürchte, ich habe Sie unnütz belästigt. Leben Sie wohl." Er zog den Hut Und entfernte sich eilig.
Traute ging gedankenvoll nach der Zentralhalle zurück. Ern schreckliches Unbehagen war in ihr. Es war nicht möglich, Lehmigkes Ratschlägen zu folgen. Was für eine Idee — sie — sie sollte unter die Krämer und Häringsbändiger gehen — hinter irgend einen Ladentisch an der Kasse stehen oder Kontor sitzen — und dazu ihre Eltern und Armin, der . .ftudent — Egon der Leutnant — es war rein Kum Lachen — sie durfte es zu HaUse gar nicht erzählen, man würde sie schelten, daß sie sich überhaupt mit dem taktlosen Menschen, dem Lehmigke, eingelassen hatte.


