Ausgabe 
30.6.1902
 
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Montag den 30. Juni.

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1902. Nr. 96.

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hat das Recht, die Menschen ans altgeheiligter Heiniat hinweg- zuführen? Nur wer die Macht besitzt, sie zu einer neuen Heimat hinzuleiten. H. St. Chamberlain.

(Nachdruck verboten.)

Manneswert.

Roman von Marie Stahl.

(Fortsetzung.)

Trante war froh, am Nachmittag der gedrückten Stim­mung im Haufe 'entfliehen zu können, um ihre Malstunde KU besuchen. Sie ging jetzt oft allein nach der Centralhalle, denn Litlian vernachlässigte ihre Studien arg, da Armin eifersüchtig auf alles war, was sie seiner Gesellschaft ent­zog. Als Traute aus dem Johannapark in die Weststraße einbog, begegnete ihr Paul Lehmigke, dec zu ihrer lieber» raschnng auf sie zukam, den Hut zog und sie anredete.

Seit einigen Tagen suche ich eine Gelegenheit, Ihnen zu begegneir, Fräulein Welten, es ist mir lieb, Sie zufällig hier zu treffen; obgleich die Straße nicht ganz der geeignete Ort ist, Ihnen das zu sagen, was ich sagen möchte, so weist ich doch keine bessere Gelegenheit."

Traute machte eine kleine stumme Verneigung und sah ihn erwartungsvoll an.

Ich werde mich, nicht entschuldigen, daß ich mich in Ihre Angelegenheiten mische", führ er fort, mit einem harten, schroffen Klang 6er Stimme, der Traute von neuem abstieß,ich wollte Ihnen nur die Thatsache mit­teilen, daß mir vor kurzem von einem Geldverleiher eine ganze Reihe von Wechseln zum Kauf angeboten wurden, die alle die Unterschrift des Grafen Camill Stauffen trugen und zusammen eine hohe Summe Schulden ausmachten. Ich, habe natürlich das Geschäft abgelehnt, weil ich mich nie mit derlei Dingen befasse, und die Sache hätte weiter kein Interesse für mich gehabt, wenn ich nicht gewußt hätte, daß Sie in Beziehungen zu diesem jungen Mann stehen. Mögen Sie nun mein Benehmen beurteilen wie Sie wollen, Sie thaten mir zu leid, Fräulein Welten, um Sie unge­warnt zu lassen. Ich weiß, Sie gehen blind und wahr­scheinlich harmhis in Ihr Verderben. Niemand wird Ihnen sagen, daß Graf Stauffen kein passender Umgang für Sie ist, Ter junge Mann hat hier einen sehr schlechten Ruf."

Sie sind sehr gütig, Herr Lehmigke", sagte Traute mit hoheitsvoller Miene, während sie bald blaß und bald rot wurde,aber ich glaube, ich kenne Graf Stauffen besser als Sie."

Lehmigke sah sie mitleidig an, und vor diesem Blick mußte Traute die Auaen Niederschlagen.

Ich bin im Begriff, mich zu verheiraten, Sie werden Mo nicht daran zweifeln, daß meine Warnung uneigennützig

gemeint tvar. Weiter habe ich jedoch nichts zu sagen, ich wollte Ihnen nur diese eine Zchatsache zur eigenen Begut- achtung mitteilen", mit diesen Worten zog Lehmigke höflich den Hut zum Wfchied, aber Traute machte eine halb ver­legene, halb bittende Bewegung, die ihn zum Bleiben auf«, forderte. Er zögerte darauf und sah sie fragend an.

Herr Lehmigke", sie wurde sehr rot, und nahm endlich eine sehr stolze Miene an,Papa ist in einer schrecklichen Verlegenheit können können wollten Sie ihm nicht vielleicht helfen"

Nein, Fräulein Belten, das kann ich nicht. In ®e* schäftssachen kenne ich keine Gefälligkeiten. Der Profit ist ausschlaggebend. Selbst die geringste Summe lege ich nie ohne Sicherheit und ohne Vorteil an. Jedes Darlehn an Ihren Herrn Vater wäre so gut Ivie fortgeworfen."

Es funkelte etwas in Trautens Augen.Sie haben nicht recht an meinem Water gehandelt", sagte sie heftig. Wenn das Haus ein so unsicherer Besitz ist, wie Sie jetzt selbst zugeben, war es kein ehrlicher Handel, es gegen ein so schönes Gut wie Brantikow als Tauschobjekt zu bieten!, Aber freilich, für Sie ist der Profit ausfchlaggebend und heiligt alles. Ich weiß jedoch nicht, ob es Ihnen ganz gleichgiltig sein kann, wenn man sagt, daß Sie uns ruiniert haben. Ich schließe aus Ihrem Urteil über Graf Stauffen, daß Sie etwas auf den Ruf eines Mannes geben."

Sie hatte die Hände in den Jackentaschen und sah Paul Lehmigke von oben herab an, wie ein Richter einen armen Delinquenten.

Der junge Mann war ein wenig blasser geworden bei ihren Worten, seine Züge wurden wieder hart und streng.

Das verstehen Sie nicht, Fräulein Belten, Sie er­lauben sich ein Urteil über Dinge, von denen Sie ebenso wenig wisfen, wie von den Bergen auf dem Mond. Ihr Water war ein ruinierter Mann, ehe wir einen Fuß auf Brantikow setzten. Wer und was an seinem Ruin schuld ist, wissen andere Leute ebenso gut wie mein Vater und ich, und keinem urteilsfähigen Menschen wird es einfallen, uns zu beschuldigen. Das Haus, das er gegen Brantikow eintauschte, war nicht wertlos, er hat es für sich entwertet durch die zu große Schuldenlast, die er darauf wälzte. Die Rente des Hauses ist nicht hoch genug für diese Schulden. Und außerdem wiU Ihr Water mit seiner Familie davon leben. Wenn ein Mensch mehr Schulden hat als aktiven Besitz, so bedarf es keines zweiten, um ihn zu Grunde zu richten. Es gehört heutzutage ein ziemlich bedeutendes 58eti mögen dazu, wenn eine Familie wie Sie, in der Stadt von ihren Renten leben will, ohne zu arbeiten. Es ist Ihres! Herrn Vaters Sache, ob er arbeiten will oder nicht, es geht mich nichts an, aber wenn Sie alle die Hände in den Schoß legen wollten, dann beschuldigen Sie wenigstens nicht andere mit Ihrem Unglück."

Traute ballte die Fäuste in bett Jäckentaschen, bi® künftige Gräfin Stauffen regte sich in ihr. Sie warf höchst mütig den Kopf Mtrück.