Mittwoch den 30. Juli.
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1902. — Nr. 112
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(Nachdruck verboten.)
Manneswert.
Roman von Marie Stahl.
(Fortsetzung.)
Als Lehmtgke durch den Salon nach seinem Zimmer wollte, hörte er schon von weitem die laute Stimme seiner Frau, und als er den Gartensaal betrat, sah er Alma und Natta in streitbarer Haltung sich gegenüberstehen. Natta hatte ihren Hut auf, als wollte sie ausgehen, und sie verbarg etwas schützend mit ihren Armen, was wie ein Brief amssah. , ,
„Ich werde gehen, wohin ich will, ich brn kern Strafgefangener", sagte sie trotzig.
„Untersteh Dich und setze einen Fuß. zum Hause hinaus!" schrie Alma, deren Gesichtsfarbe fahl war vor Zorn und die in Momenten leidenschaftlicher Erregung erschreckend gewöhnlich aussah. „Du liederliches Geschöpf, ich weiß wohl, wem Du nachlaufen willst! Ich habe Dich längst durchschaut!" Und als sie ihres Mannes ansichtig wurde, rief sie ihm herrisch zu: „Paul! Ich verlange von Dir, daß Du ihr verbietest, sich herumzutreiben und sich und uns zu blamieren! Wenn Du es noch nicht weißt, weil Du blind bist, so sage ich Dir hiermit, daß fte tote verrückt den Männern nachläuft nnd sich ihnen an den Hals wirft! Aber ich dulde es nicht länger in meinem Hause, und entweder sie pariert mir oder sie kann noch heute ihre Sachen packen!" , .
„Den Männern? Welchen Männern?" fragte Lehmigke sehr erstaunt. ,
„Tante Alma meint nur erneu Mann, das ist Herr von Löschnitz", sagte Natta, den Kopf stolz zurückwerfend, „bitte, Tante Alma, hast Du Beweise für Deine Anklage?' Das junge Mädchen hatte sich hoch aufgerichtet und sah die von Leidenschaft entstellte Frau mit unsäglicher Verachtung von oben herab an.
„Was hast Du für Beweise?" fragte auch der Gatte kurz und scharf, der finster drein sah.
„Beweise?" kreischte Alma. „Du freches Dmg! Ich habe genug Beweise, und den besten Beweis wirst Du wohl selbst da in der Hand haben! Was ist das für ein Brief, den Du eben trotz des Gewitters forttragen wolltest? Gieb doch mal her den Brief!"
Es war dunkler und dunkler geworden, plötzlich zuckte ein fahler Schein durch das Gemach.
„Laß den Brief, er gehört nicht mir, er geht memand etwas an!" rief Natta ängstliche , ,
„Ah, da haben wirs! ha, ha, ha! Das Fräulein besorgt heimliche Briefe und thut so harmlos tote die Tugend selbst. Glaubst Du's nun, Paul?" _ , „
„Ich weiß mmd glaube gar nichts", sagte Lehmtgke ärgerlich, „aber jedenfalls fängst Du es sehr falsch; an, Natta
zu beeinflussen. Das ganze Gezänk ist mir in den Tod zuwider, ich habe noch! nie etwas Ungehöriges an Natta bemerkt." _ .
„Co? — Natürlich, das konnte ich mir denken, daß Du wieder ihre Partei nimmst. Das ist ja sehr nett von Dir. Mer diesmal sollst Du doch den Beweis schwarz auf weiß haben, ich lasse mich nicht länger von der Gör dumm machen!" t _
Mit diesen Worten riß Alma ihrer Nichte den Brief aus der Hand und ihn triumphierend umtoendend, starrte sie verstummend auf den weißen Umschlag, der keine Adresse trug. „ ,
In diesem Augenblick fuhr ein Windstoß beulend gegen die Glasthür, eine Wolke von Staub und dürre Blätter gegen die Scheiben werfend. Zu gleicher Zeit zuckte ein Blitz, dem nach wenigen Minuten ein krachender Donner folgte, und jetzt begann ein wilder Aufruhr in der Natur.
Geisterblaß stand Natta, und die Hände flehend ausgestreckt, bat sie: „Gieb mir den Brief! Oeffne nicht, um Gotteswillen, öffne nicht!"
„So?" höhnte Alma, „also doch schuldbewußt? Rem, Ich habe die Komödie satt — es soll endlich einmal an den Tag, was dahinter steckt!" Mit diesen Worten floA der Umschlag in Fetzen auf den Boden und eine Kabinettsphotographie mit einem Brief fielen in Almas Hände.
„O Gott, was habe ich gethan?" stöhnte Natta zitternd, während Alma triumphierend das Bild gegen das Licht hob, und ihr Gatte sich nach dem Brief bückte, der Alma in der Erregung aus den Fingern zu Boden glitt.
„Was — ist — denn — das?" kam es plötzlich tonlos von Almas Lippen. „ . .
„Was ist's? Zeig her!" sagte Se^migte nut einiger Spannung, und nahm seiner Frau nun auch das Bild aus der Hand, der plöülich die Arme wie in'einem furchtbaren Schreck schlaff herabfielen. In der nächsten Sekunde hatte sie ihre Fassung wieder.
„Gieb her — gieb mir das zurück — alles — e» hat nichts zu sagen — es geht Dich nichts an — ich sehe schon, was es ist", stammelte sie in fliegender Hast, während fte versuchte, Bild und Brief wieder an sich zu bringen, aber ihr Gatte hielt beides fest. ...
Es geht mich ebenso viel an tote Dich, denn es ist Dein Bild, und ich will wissen, was die ganze Geschichte bedeutet", sagte er stirnrunzelnd, und mit beiden an die Thür tretend, um besser sehen zu können.
Da sank Alma mit einem Schrei in den nächsten Sessel. Gellend, schauerlich klang dieser Schrei in den aufheulenden Sturm hinein.
Dreiunddreißigstes Kapitel.
Traute hatte unterdessen in ihrem Zimmer gepackt und sich reisefertig gemacht. Im letzten Augenblick, nachdem sie ihren Koffer geschlossen, fiel ihr em, daß das Bild in Dem verschlossenen Umschlag an seinem Platz gefehlt und daß


