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Hornbrille tiefer und tiefer auf die Nase herabsenkte: „Ich hab doch mein Lebtag nicht so etwas gehört!"
Der Redakteur schielte unter den herabgezogenen Augenbrauen zu ihm hinüber, und wandte sich so weit als möglich ab, um nur die Zeitung nicht zu riechen.
Wie konnte nur ein vernünftiger Mensch daran denken, Mannschaft für einen Wall von drei ein halb Meilen zu schaffen! Wenigstens müsse man dann jeden Mann mit einem großen Signalinstrument — einer Art Nebelhorn oder dergleichen — versehen, damit er im Notfall seinen Nachbarn zur Hilfe rufen könnte. Nein, Küstenverteidigung und Volksbewaffnung? Er war wahrhaftig nicht bange, selbst mitzugehen, wenn es darauf ankam! Jeder Mann sollte seine eigene Büchse haben und im Gebrauch der Waffen unterrichtet werden, großer Gott, was für ein Geist dann ins Volk fahren würde!
Das Blatt schmolz ihm in der Hand und sandte dein konservativen Redakteur einen solchen liberalen Mi.nd zu, daß er schließlich mit den Absätzen auf den Boden stampfte, und mit aufgeblähten Nasenlöchern um sich sah.
„Zum Teufel auch mit dem dummen jungen Stierkalb!" rief Thomas vom Fenster her. „Das rennt und peitscht mit der Tüderleine herum, bis es sich losgerissen hat!"
„Wie — was — losgerissen?" Und zur Thür hinaus war er — ohne Hut, die Zeitung in der Hand.
Thomas lächelte leise vor sich hin.
„Guten Tag, guten Tag, lieber Jensen!" hörte man den Alten vom Wege her rufen. „Ja, ich habe keine Zeit — das verteufelte Stierkalb!--aber was ist das?
Da hegt es ganz ruhig im Schatten und schläft!"
. "®n ist der Förster!" rief Thomas erfreut aus, der dem Gedanken, ein Glas mit dem Freund leeren zu können.
DerFörster war am vorhergehenden Tage in der Stadt gewesen und kam, um Thomas Bescheid über eine Besorgung zu sagen, die er für ihn gemacht hatte.
Wie immer, wenn ein Fremder kam, wurde der Tisch gedeckt und das Beste' aufgesetzt, was das Haus zu bieten vermochte.
Der Mühlenbauer, der gerade auf dem Bauplatz anwesend war, wurde hereingeholt, und ein dritter Gast, Gutsbesitzer Hansen von Holmstruphof, der zufällig kam, wurde mit in das Gelage hineingezogen.
Branntwein und Arrak machten die Köpfe heiß. Die schlechten Zeiten und die Widerwärtigkeiten in der Politik wurden laut behandelt. Der Gutsbesitzer wollte mit dem Teufel wetten, daß die ganze Landwirtschaft zu Grunde gehen müsse, falls die Regierung nicht einen Stopper vor das amerikanische Schweineschmalz setzte. Thomas meinte, das Unglück sei weit eher in der Roggeneinfuhr aus den Ostseeprovinzen zu suchen. Der alte Müller, der wieder zurückgekommen war, war der Ansicht, die Erdkonturen würden sich heben, falls man die Sahara unter Wasser setzte — hm; der Förster saß da und lachte, einen ganzen Haufen aufgelöster Zigarrenblätter in dem Mundwinkel haltend, und ein Glas nach dem andern hinutergießend.
Thomas tapste mit einem zerbrochenen Glase in die Küche hinaus, und näherte sich einem der Mädchen — einer Venus von e'twas zweifelhaftem Ruf —, die mit dem Aufwaschen des Geschirrs beschäftigt war.
(Fortsetzung folgt.)
Diebstähle bei Juwelieren.
(Nachdruck verboten.)
Vor einigen Tagen betrat ich einen Juwelierladen in ?5^.,I^^drichstraße in Berlin in der Absicht, für meine hübsche Nichte ein Hochzeitsgeschenk zu kaufen. Ta ich über •le . 6eS Schmuckstückes noch unschlüssig war, so ließ k PB °Ort dem Verkäufer nacheinander verschiedene der kostbaren Gegenstände zur Auswahl vorlegen. Hierbei fiel es mir auf, daß mir jedesmal dieselbe Anzahl von Gegenständen, nämlich fünf Schmuckstücke jeder Art, vorgelegt wurden. Nachdem ich weder unter den Ketten, Ringen oder Broschen das Passende gefuichen, konnte ich meine Wißbegierde denn doch nicht länger zügeln, als ich wahrnahm, daß der Verkäufer wiederum fünf kunstvoll gear
beitete Armbänder ihren Etuis entnahm und vor mich auf den Ladentisch legte, und unvermittelt fragte ich ihn nach dem Zwecke dieser Maßregel.
Einen Augenblick zögerte er mit der Antwort, dann aber bekannte er: „Diesen oder einen ähnlichen Geschäftsgebrauch werden Sie bei den meisten Juwelieren finden. Wir suchen uns auf diese Weise vor den Langfingern zu schützen, die gerade unsere Geschäfte mit Vorliebe heimsuchen."
„Und gewährt Ihre Vorsichtsmaßregel wirklich einen sicheren Schutz vor Diebstählen beim Vorlegen Ihrer Waren?" forschte ich weiter.
„Tas wäre zuviel behauptet", gab er zu, „denn gerade unter den berufsmäßigen Ladendieben gießt es geriebene Burschen, die mit erstaunlicher Fertigkeit dem vorsichtigsten Geschäftsmann die Waren sozusagen vor der Nase wegnehmen. Diesen Menschen gegenüber ist unsere Maßregel, die sie ebensogut wie wir selbst kenne«, ziemlich belanglos. Anders verhalt es sich mit den Neulingen und den Unerfahrenen dieser edlen Zunft, und mehr als einem von ihnen ist unser Geschäftsbrauch schon zum Verhängnis geworden. Ich erinnere mich zwei besonderer Fälle aus meiner Geschäftspraxis, die das Wesen des Berufsdiebes im Unterschied zu dem Neuling charakterisieren. In beiden Fällen hatte ich die Genugthuung, die Langfinger zu erwischen. Ich hatte dem Neuling die gewöhnliche Anzahl goloener Ringe vorgelegt, als ich auf einen Augenblick ins Kontor gerufen wurde. Diesen Moment benutzte er, um einen der Ringe in seiner Tasche verschwinden zu lassen. Als ich in den Laden zurückkam, bemerkte ich das Fehlen des Ringes nicht sofort, bald aber fiel mir eine merkwürdig nerpöse Hast an meinem Kunden auf. Seine Stimme klang eigentümlich unsicher, und als ich gar Schweißtropfen auf seiner Stirn bemerkte, regte sich sofort der Verdacht in mir. Ein rascher Blick auf die Ringe belehrte mich, daß einer derselben fehlte. Inzwischen machte mein Käuser Anstalt, sich zu empfehlen mit dem Bemerken, daß er für den Augenblick keine Wahl treffen könne. „Und wie denken Sie über den Ring, den Sie in der Tasche haben?" fragte ich. Ein heftiger Schreck malte sich in seinen Zügen, und ohne ein Wort der Erwiderung legte er den gestohlenen Ring auf den Ladentisch. Von einer Verhaftung nahm ich Wstand, da wir eine solche gewöhnlich nur dann vornehmen lassen, wenn der Dieb Widerstand leistet und seine Beute nicht gutwillig herausgeben will. Es schadet immer dem Geschäft, wenn man gleich Lärm schlägt.
Etwas mehr als dieser Anfänger in der Diebeskunst machte mir ein Berufsdieb zu schaffen, von dem ich Ihnen erzählen will. Er war einer jener internationalen Gauner, die ihr Handwerk in großem Stil betreiben und auf ihren „Geschäftsreisen" oft die glänzendsten Erfolge aufzuweisen haben. Keine größere Stadt ist vor ihrem Besuche sicher, und nur selten gelingt es, ihrer habhaft zu werden. So betrat eines Tages ein stattlicher, mit vornehmer Eleganz gekleideter Herr unseren Laden und wünschte.goldene Uhren zu sehen. Mit großer Sorgfalt und Sachkenntnis prüfte er die vorgelegten Uhren und schien in der Wahl zwischen zwei der kostbarsten nicht schlüssig werden zu können. Sein vertrauenerweckendes Auftreten ließ kein Mißtrauen in mir aufkommen, und als er mich bat, ihm auch noch einige Ketten vorzulegen, bevor er sich für eine der Uhren entscheide, kam ich seinem Wunsche bereitwilligst nach. Ich ließ sogar die sonst beobachtete Vorsicht außer acht und legte ihm eine größere Auswahl von Ketten vor, in der Hoffnung, ein gutes Geschäft machen zu können. Er besichtigte eine Kette nach der anderen und legte sie dann, was ich für den Augenblick nicht weiter beachtete, aufeinander, statt nebeneinander. Dann verstand er es, für die Dauer weniger Sekunden meine Aufmerksamkeit auf einen im Schaufenster auggelegten Gegenstand zu lenken. Dieser Augenblick genügte ihm zur Ausführung seines Diebstahls. Unter sehr wahrscheinlichen Vorwänden und mit dem Versprechen, am Nachmittag wiederkommen zu wollen, verließ er das Geschäft, ohne etwas gekauft zu haben. Wer beschreibt aber meinen Schrecken, als ich beim Sortieren der durchemandergemischten Ketten fand, daß zwei der schönsten fehlten. Ich eilte auf die Straße, obgleich ich nur geringe Hoffnung hatte, den durchtriebenen Spitzbuben noch zu erwischen. Entweder mußte er aber durch seine bisherigen Erfolge allzu verwegen geworden sein oder er hatte eine besonders geringschätzige Meinung von der Intelligenz der


