Mittwoch den 30. April.
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1902. — Nr. 64.
it kannst dir jeden Feind versöhnen und verbinden, Nur bei dem Neider wirst du niemals Gnade finden. Tscherning.
(Nachdruck verboten.)
Die Möve.
Roman in zwei Bänden von Z-acharios Nielsen. Autorisierte Uebersetzung aus dem Dänischen Von Mathilde Mann.
(Fortsetzung.)
Als die Thür endlich ins Schloß gefallen war, setzte sie sich auf ihren gewöhnlichen Platze auf den Puff und starrte vor sich hin, ein Gefühl der Erschlaffung in allen Gliedern. So weit war es also gekommen, und man wagte es, ihr Anspielungen auf ihre Leichtfertigkeit direkt ins Gesicht zu sagen! . . .
Das Blut pochte ihr in beit Schlafen und spielte gleichsam rötlich über ihre Sehnerven. Aber den Kopf trotzig in den Nacken werfend, stand sie auf und begann im "Zimmer auf und nieder zu gehen.
Während der folgenden Tage befand sie sich in einem Zustand der Unschlüssigkeit, der sie ganz krank machte, und als sich Böse das nächste Mal einfand, flehte sie ihn an, sich wieder zu entfernen. Er wandte sich auf der Schwelle um und ging.
Hinterher quälte es sie, daß sie so auseinandergeheu sollten. Auf einem kleinen Zettel bat sie ihn, ihr nicht zu zürnen, und erlaubte ihm, noch einmal zu kommen, damit sie ordentlich Abschied von einander nehmen könnten. , .
Das Buch hatte mehrere Tage auf ihrer Kommode gelegen und sie mit seinem gelben Umschlag gelockt. Sie wagte nicht, es anzurühren, sie hatte noch den Kopf voll von allen diesen glühenden Liebesszenen, die ihr das Blut in die Wangen trieben. ,
Aber die Versuchung wurde ihr zu stark; eines Abends holte sie es hervor und las es zu Ende.
Böse kam gerade in dem Augenblick, als sie es zugeklappt hatte. Ihr Hirn war überfüllt mit Bildern, ihr Herz pochte von brennender und doch angsterfüllter Anteilnahme an dem Schicksal des jungen Paares, sie saß wie in einem Mansch von Bildern und Eindrücken.
„Es ist ein gefährliches Buch, das Sie mir da gegeben haben."
„Gefährlich?"
„Ja, ich weiß nicht — ich glaube, es ist mir nicht gut gewesen, es zu lesen; ich bin so, ich weiß nicht wie — geworden."
Die Augen glühten wie Kohlen unter den dunklen
Brauen; in ihrem Antlitz lag ein bezaubernder Ausdruck von Leben und Spannung, der Böse ganz wirr TH (ich t€.
„Finden Sie denn nicht, daß Gram und Margarete ein Recht hatte, so zu handeln, wie sie es thaten?"
„Ja, aber trotzdem — die Eltern — alles, was vor- ausgegangen war, und dann ist es so eigenartig geschildert, ich habe niemals etwas gelesen, tvas mich so ctrccit ticittc/'
„Sie können doch nicht sagen, daß etwas Unreines in dem Buch ist?" _
„Nein, nicht geradezu: aber es ist so vieles angedeutet, und dann brechen sie ja mit allem, wofür sie bisher gelebt haben — mit Eltern und Freunden ---."
„Das ist ihr gutes Recht, weil man mit roher Gewalt ihre Herzen trennen will." '
„Ihr gutes Recht? Ja, freilich; aber — ach, ich weiß bald nicht mehr aus noch ein!"
„Ich bin nicht im geringsten im Zweifel. Es grebt eine Ansicht, die so tief in dem gesunden menschlichen Gefühl begründet ist, daß nichts in der Welt sie um- stoßen kann." , '
Er dachte an Thomas, aber er wollte seinen Namen nicht nennen. Es war auch nicht nötig, denn sie hatte bei seinen Worten sofort an ihn denken müssen. Ja, selbst Thomas hatte diese Ansicht gehabt! Wenn er aus dies Thema gekommen war, so hatte sie stets deutlich den Klang der Ueberzeugung aus seiueu Worten heraushören können. . „ f
„Du hast — Sie haben--" Sie wurde dunkel
rot und begann, ihre Uhrkette um die Finger zu wickeln. „Ach, ich weiß nicht, wie ich mich so versehen konnte — ich dachte an —" _ „
„Ja, aber Sie haben sich nicht versehen, Ihr Herz meint ja doch „Du". Nicht wahr, Helene?"
Er legte den Arm leise um ihren Hals. Weshalb sollten sie einander so fremd gegenüberstehen? Weshalb fürchtete sie sich vor ihm? Wußte sie denn Nicht, daß er nur sür sie allein lebte und atmete? .
Es war ihr, als werde ihre ganze Gedankenwelt um- gewälzt. Liebe und Angst kämpften einen harten Kampf, der ganze Grundwall von Gewohnheiten und Erfahrungen, von Treue und Sittlichkeitsgefühl, auf dem sich ihre Vergangenheit entwickelt hatte, erzitterte wie unter etttem Erdbeben; sie sah Thomas' gebrochene Gestalt, die harten Augen ihres Vaters, diese Augen mit dem Blitzstrahl, die an Sinais Finsternis und Blitze erinnerten - ste hörte das harte Urteil ihrer Angehörigen - als Klatsch und bösen Leumund über das Land dahinsausen. Aber mitten im diesen wirren Gedanken erhob sich auf einmal. em Willenskraft, die mit einem Schlage «Ne A>,gst au- ihrem Innern bannte; alles, was-sie an-Selbsterbe- ungstri b. besaß, das unabweisbare Recht des Herzens, seiner rrrn ii, warmen Liebe zu folgen, vereinigte sich in dem eine..


