Ausgabe 
29.12.1902
 
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Seine erzürnte NK?ne glättete sich erst, als er vor dem Hotel angekommen war und vom Portier erfahren hatte, daß> Jefim Godunow und Tochter vor wenigen Tagen eingetroffen seien.Aber der Herr ist schon in der Frühe fortgegangen", fügte der Portier hinzu,nur das gnädige Fräulein ist da."

Dimitry Kalussoff atmete erleichtert auf, denn alles ließ' sich in günstiger Weise an. Eilig sprang er in den Fahrstuhl, der ihn zum ersten Stockwerk emporführte, und in der Stimmung eines Triumphators hieß er einen Kellner seine Karte abgehen, währende er sich im Sprechzimmer niederließ und iuartete.

Minute ans Minute verrann, und Dimitry Kalussoff wartete noch immer, Ungeduldig erhob' er sich, und nervös schritt er hin und her. 'Dann blieb er vor dem großen Trumeau stehen, um Jut), zu mustern. Ein gelinder Schreck befiel ihn, als ihm ein gelbliches, verlebtes, übermüdetes Gesicht entgegenstarrte, dessen Augen tief eingesunken und von blauen Ringen umgeben waren.

Ja, man wird alt", Lachte er,und es ist die höchste Zeit, daß iäy nach allen meinen Sünden ein braver und solider Gatte werde."

Wieder verstrichen Minuten. Er griff zu einer Morgen- zeitung, um gleichgiltig den Inhalt zu überfliegen, aber schon nach, wenigen Augenblicken schaute er mit höchster Aufmerksamkeit in die Spalten, seine Hand zitterte, und fein Gesicht rötete sich vor Aufregung. Was den Sturm in ihm hervorgerufen, war ein langer Bericht über das Konzert Milica Popow", und der Bericht trug die fett gedruckte Ueberschrist:Eine Sensationsaffäre". 'Die letzte Szene, bie ihm durch das vorzeitige Verlassen des Saales mit Milica Popow entgangen lo ar, erfuhr er jetzt erst. Groß und breit stand in dem Artikel zu lesen, daß Borts Mitrofanowitsch auf Len schleunigst retirierendenErfinder"' mit den Worten hingewiesen habe:Sehen Sie den Schwindler und Abenteurer, der sogar, wie man mir be­stimmt versichert bat, einen falschen Namen trägt I"

Kalussoff riß die Augen auf vor Ueberraschung und ließ das Matt finken.Einen fälschten Namen!" rief er, aber zu langem Nachsinnen hatte er keine Zeit, denn soeben öffnete sich! die Thür, und aus der Schwelle stand, nicht Tattana Godunow, wohl aber Madame Praksin. Er tvar nahe daran, eine laute Verwünschung auszustoßen, aber er bezwang sich und zauberte auf sein Gesicht ein Lächeln, als sei das höchste Glück der Welt auf ihn nieder­gefahren. Wie zur Bekräftigung seines Enthusiasmus und seiner loyalen Gesinnung schritt er der Eintretenden unter den höflichsten Worten entgegen und küßte ihr ehrerbietig die Hand.

Aber Madame Praksin schien auf seine Huldigung keinen Wert zu legen, denn sie befleißigte sich einer nordpol- artigen Kälte, während um ihren Münd ein sehr ironischer und mokanter Zug auftauchte.

Sie wollten Tatiana Jefimowna sprechen", sagte sie rasch, und bestimmt.Ich bin von ihr zu der Mitteilung beauftragt, daß sie nicht mehr in der Lage ist, Sie zu empfangen."

In Dimitry Kalussoffs Augen blitzte es grell auf, seine weißen Zähne krampften sich zusammen, daß sie knirschten, und seine Rechte ballte sich zur Faust. Vor Erregung vermochte er in den ersten Sekunden kein Wort hervorzubringen. Er starrte die Unglücksbotin an, als könnten ihre Worte unmöglich gesprochen sein.

Wie soll ich das verstehen?" preßte er endlich hervor.

Oh, Sie sind so gescheidt, Dimitry Akimowitsch', ant­wortete Madame Praksin, während sie mit süßester Miene lächelte,daß ich sicherlich nicht nötig habe- Ihrem Ver­ständnis zu Hilfe zu kommen."

Seine Selbstbeherrschung kehrte zurück.Sehr wahr­scheinlich liegen Mißverständnisse vor", rief er, indem er seinem Gesicht den Ausdruck größter Treuherzigkeit gab, und sie zu zerstreuen, bin ich sofort bereit!"

Ich! bitte, bemühen Sie sich nicht", gab Madame Praksin im trockensten Tone zurück,ich will Ihre und meine kostbare Zeit mit der Zerstreuung etwaiger Mißver­ständnisse durchaus nicht in Anspruch nehmen." Sie ver­beugte sich, nach diesen Worten mit kühler Höflichkeit, ohne ihm die Hand zum Abschiede darzureichen.

Er begriff: Das war Entlassung!Ihre gütige Ver­

mittlerrolle", sagte er mit Hohn,verpflichtet mich zum tiefsten Danke, und ihn sobald als mögliche abzustatten, soll mir zum höchsten Vergnügen gereichen."

Mit lächelnder Miene, als sei ihm etwas außerordent­lich Angenehmes widerfahren, verließ er, Madame Praksin einen wahren Dolchblick zuschleudernd, nach einer gemessenen Verbeugung das Zimmer.

In Dimitry Kalussoffs Innern tobte eine wilde Wut, ein glühender Haß, ein grimmiger Durst nach! Rache. Un­fähig- sich, zu sammeln, stürzte er nach dem Restaurant des Hotels. Erst hinter Sekt und Austern gewann er die Klar­heit seiner Gedanken wieder.

Es ist aus", murmelte er,auch die letzte Chance' ist verloren; Tatiana Godunow, der Goldfisch, ist von der Angel abgeglitten." Nach! einer Weile, während deren die Sektflasche leer geworden war, flüsterte er melancholisch!: Bleibt also nur noch die Reise ins Ausland." Vorsichtig zog er sein Portefeuille hervor, um den Inhalt zu mustern. Seine Blicke hafteten an einem Paß.Gut, daß ich, mir das Papier besorgt habe, denn sonst käme ich keine zehn Werst weit." Behutsam legte er das Papier in das Porte- feiuHe zurück und senkte dieses wieder in die Brusttasche. Sein Mut kehrte langsam zurück. Er ließ, sich eine neue Flasche geben, um sofort ein Glas des prickelnden, schäu­menden Inhalts hinunter zu stürzen.Prosit auf eine glückliche Reise!" scherzte er mit sich Mer bei dem Scherz überlief es ihn kalt es nagte etwas in seiner Brust, d!as nicht zur Ruhe kommen wollte. Ein sein geschnittenes blasses Gesicht mit seidenweichem Haar und dunklen Augen, die vertrauensvoll blickten, tauchte vor ihm aus, und die Augen sahen ihn llagend und vorwurfsvoll an, als oh sie ihn für tiefes Leid verantwortlich! machten. Sinnend starrte er in das Glas, das Lächeln auf seinen Zügen erstarb und wich der Verzweiflung.Es hätte ein neues und schönes Leben werden können, aber nun ist es zu spät", gestand er sich. Seufzend füllte er wieder sein Glas, und, während er trank, zerfloß das fttile, blasse Antlitz mit den dunllen Augen in Nebel und an dessen Stelle trat das stolze, gebieterisch blickende Gesicht Milica Popows in strahlender Schönheit.Ja, Milica soll leben!" rief er leise, das Glas' emporhebend und mit einem Zuge leerend.Milica bis in alle Ewigkeit!" Sich energisch aufrichtend, schritt er vorüber an den Gästen, die auf den seltsamen Zecher bereits aufmerksam geworden waren, nach seinem vor dem Portal haltenden Gigg.

Wenige Minuten später lenkte Dimitry Kalussoff seinen Traber hinaus nach Ljublino zur 'Datsche Mflica Popows. Als er an der Front des Hotels langsam vorüber fuhr, warf er noch! einen Blick zu den Fenstern des ersten Stock­werks empor, aber sie blieben leer niemand zeigte sich oben. Tatiana saß müde in einem Sessel ihres Zimmers, und Madame Praksin ivar liebevoll um sie beschäftigt.Es wird vorübergehen, tote alles im Leben vorübergeht", tröstete die Freundin.Sehen Sie, Tatiana Jefimowna, toie die Frühlingssonne lacht, als wolle sie sagen: Lasset das Leid fahren und freut euch des Daseins! Die Zeit heilt die schwersten Wunden, und find sie geheill, dann scherzen wir, daß unsere Herzen in Angst und Schmerz gezittert haben." r - _

Tatiana Jefimowna aber sagte nichts, sondern ließ das schöne Haupt gegen die Lehne des Sessels sinken und schloß die Augen.

Ter Traber strebte immer weiter, er bog, in die Jljinka ein und eilte die Straße nach- Ljublino hinunter.

Vor dem Gitterpförtchen der Datsche von Ilja Popow, hielt ein Lichatsch, dessen Führer auf dem Bock sanft eingenickt war. Der Gigg fuhr an, die Peitsche knatterte, aber kein Mensch kam aus der Datsche zum Vorschein., Nur der Kutscher war emporgefahren und starrte schlaf­trunken den vornehmen Herrn an, der von dem Gigg her­untersprang.

Tas Schweigen war so beängstigend, daß Dimitry K'alussow einige Sekunden überlegte, ob er vorwärts, schreiten solle.Unsinn", lächelte er,was kann da sein Besuch! ist leider da und hält die allgemeine Auf­merksamkeit gesesselt."

(Schluß folgt.)'

Auflösung des Arithmogriphs in vor. Nr.: Heilige Weihenacht. (Helene, Engel, Lilie, Wein, Geweih, Nacht.)

Redaktion: Cnrt Plato. Rotationsdruck und Verlas der Brühl'lchen Universitäts-Buch- und Stcindrnckerci (Pietsch Erben) in Gießen.