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Um Besten, Sie hören selbst. Ist es Popow recht, so begleiten wir ihn nach seiner Wohnung."
„Nichts könnte mir angenehmer sein", lächelte höflich der Erfinder.
„Also vorwärts, brechen wir auf!" '
Sie leerten ihre Gläser, und erhoben sich.
„Pardon!" bat Popow unter leichter Verbeugung einen am Nebentisch sitzenden alten Herrn, den er aus Versehen berührt hatte.
„Bitte, bitte!" klang es zurück.
Tie Blicke Beider begegneten sich und bohrten sich für eine Sekunde in einander.
Rasch wandte sich Popow ab. Ueber das Gesicht des andern flag es wie Neberraschung, und seine Miene schien zu sagen: „Tich kenne ich doch!"
Scherzend und lachend verließen die Herren den Saal. In lebhafter Unterhaltung schritten sie, fest in ihre weichen Pelze gehüllt, über den knirschenden Schnee nach der Lubjanka.
„Trauen Sie unserem neuen Klubmitgliede eine solche Leistung zu, lieber Glinka?" warf Schischkin hin, während sie den anderen folgten.
„Im Leben nicht! Er ist ein Strohkopf und Phrasenheld, der ein unverschämtes Maß von Selbstbewußtsein besitzt. Kennen Sie ihn genauer?"
„Das nicht. Ich weiß nur, daß er bis vor wenigen Jahren als Elektrotechniker in Odessa thätig war und eine bildschöne Schwester besitzt. Sie werden bemerkt haben, daß ihn Kalussoff protegiert." —
Es war ein neues, sehr vornehm ausgestattetes Haus, das sie betraten. Die stiegen die Treppe zum zweiten Stockwerk empor. „Ilja Popow, Ingenieur" stand auf einem Schildchen unterhalb des Klingelgriffs, während aus der Thür ein anderes mit der Aufschrift „Milica Popow, Pianistin" befestigt war.
„Meine Herren, treten Sie ein", bat Popow. „Sie müssen verzeihen, wenn es in meiner Werkstatt etwas kunterbunt aussieht; bei Arbeiten, wie ich sie treibe, läßt sich Ordnung nicht aufrecht erhalten."
Ein großer Raum öffnete sich, der ein wildes Durcheinander von Werkezugen, Apparaten, Kupfer- und Platindrähten bot, und von dem Gerüche verschiedener Säuren durchströmt war. Mitten in dem Chaos stand das Instrument mit deckellosem Kasten, von dem die Drähte zur Wand liefen und die Verbindung mit der städtischen Elektrizitätszentrale herstellten.
„So, nun sehen Sie sich die Geschichte an!"
Alle gruppierten sich neugierig um das Instrument ünd horchten den Erklärungen.
Beim Truck auf eine Taste wurde unter dem Aus- zucken blauer Fünkchen sofort ein überraschend schöner Ton hörbar, der geisterhaft wie jener einer Aeolsharfe klang und erst verschwebte, als die Taste in ihren früheren Ruhestand zurückkehrte. Gegriffene Akkorde rauschten wie eine Kombination von Cello-, Harfen- und Flötentönen dahin. Als der Baß einfiel, schienen die wuchtigen, tiefen Tonwellen einer Orgel zu erbrausen. Und nun folgte ein machtvoll und feierlich klingends Musikstück.
„Leider bin ich kein so großer Pianist, um Ihnen mein Elektrophon in seiner vollen Schönheit vorführen zu können", bedauerte Popow. „Will einer der Herren vielleicht statt meiner versuchen. . ."
„Am Besten würde es sein", riet Kalussoff, „wenn Sie Fräulein Milica bewegen könnten, uns von den Vorzügen der Erfindung zu überzeugen. Sie beherrscht, wie ich weiß, das Instrument ausgezeichnet."
„Falls meine Schwester zu Hause ist und Lust hat, zu spielen — Damen haben ja ihre Launen — soll Ihr Wunsch erfüllt werden."
Schnell schritt er zur Thür hinaus, während die Zurückgebliebenen gespannt auf das Erscheinen der schönen Milica warteten.
Am Ende einer Zimmerflucht blieb Popow vor einer Flügelthür stehen und klopfte. Ms keine Antwort erfolgte, pochte er heftiger. Tann drückte er die Klinke nieder — aber die Thür war verschlossen.
„Diese fortwährenden Geheimnisse", schalt er ärgerlich.
„Wer ist da?" fragte eine weibliche Stimme.
„Mach auf, ich bin es! Kalussoff und einige andere Herren aus dem Klub haben mich besucht, um das Elektro- pchon zu hören. Die lassen Dich bitten, vorzutragen. Wich
tiges steht auf dem Spiele — ich beschwöre Tich, sofort zu kommen." T
Lautes Gähnen wurde hörbar. „Nicht eine einzige Stunde kann man ungestört sein", zankte die Stimme. „Es ist entsetzlich, wie mich dieser Mensch plagt."
„Aber ich bitte Dich", rief er wütend, „Du wirst doch von der kleinen Gefälligkeit nicht sterben. Deine Rücksichtslosigkeit geht iu's Grenzenlose!"
„Laß mich in Frieden", klang es zornig zurück.
„Nein, ich lasse Dich nicht in Frieden. Du mußt spielen!"
„Schon gut — schon gut — ich komme", hörte er die unwillige Antwort, und gleichzeitig vernahm er ein Geräusch wie von rauschenden Papieren.
„Sie wird von dem vielen Schreiben und Agitieren noch verrückt", murrte er, seine Erregung niederkämpfend und zu den Gästen zurückkehrend.
„Nun?" fragte Kalussoff, der am Instrument saß und sich mit einer Komposition Tschaikowsky's abmühte.
„Meine Schwester wird in wenigen Minuten erscheinen !"
„Ihre Erfindung ist großartig und hat mich überrascht", redete ihn, wie um Versöhnung bittend, Glinka an. „Meine Erwartungen sind erheblich . . . ."
Er hielt inne, denn aller Augen wandten sich zur eben geöffneten Thür.
Aus der Schwelle stand eine elegante hohe Frauengestalt, die mit musterndem Blick die Anwesenden überflog. Aus den klassisch-edlen Zügen und den grauen Augen sprach ein ungewöhnliches Maß von Energie. Das üppige rote Haar, das lose und malerisch-nachlässig um das schöne Haupt gelegt, und hinten zu einem Knoten aufgewunden war, schimmerte und fluoreszierte in seidenweichem Glanze. Feine bläuliche Tinten, die von dem violetten Sammet der faltenreichen Morgentoilette reflektierten, ruhten aus dem Antlitz und verliehen der Karnation einen eigenartigen warmen Ton von höchstem Zauber. Ihre Rechte hielt mit graziöser Bewegung ein Spitzentuch zusammen, während ihre Linke, an der einsam ein Brillant schimmerte, ein Notenheft trug. Etwas Stolzes lag in der ganzen Erscheinung, das Unterwerfung forderte und zu herrschen verlangte.
Kalussoff brach mißtönend seinen Vortrag ab und sprang behend empor. „Fräulein Milica, die sehnsüchtig Erwartete!" beteuerte er, sich tief zum Handkuß nieder- beugend. „Darf ich vorstellen?" Auf ihr zustimmendes Nicken entledigte er sich der Aufgabe mit vornehmer Grandezza. Unangenehm überraschte ihn, daß Lanin so vertraut lächelte, als ob er keiner Vorstellung bedürfe.
„Ein berückendes Weib", raunte Glinka in höchster Begeisterung Schischkin zu. „Brillante Figur und wahrhaft königliche Haltung! Das Feuer im Ausdruck zündet wie der Blitz!"
»Ich sagte Ihnen ja, daß sie eine Schönheit ersten Ranges ist. Aber in ihrer Physiognomie liegt etwas Medusenhaftes, Grausames, Unheimliches. Frauen solcher Art sind gefährlich. Lassen Sie sich nur nicht in Flammen setzen, denn der Schluß ist — Asche!"
Ter Arzt hüstelte verlegen, ohne den Blick von Popow's Schwester abzuwenden. Er empfand Neid gegen Kalussoff, der sie in eine längere Unterhaltung verwickelt hatte. „Ich habe von Ihrem hervorragenden Spiel gehört, mein Fräulein", fiel er ihm rücksichtslos in die Rede, „und darf wohl der Hoffnung Ausdruck geben, daß Sie uns den Genuß Ihrer herrlichen Kunst gewähren. Dem Vortrage einer Meisterin auf einem Instrument zu lauschen, wie es Ihr Herr Bruder erfunden hat, muß doppelt schön sein."
„Ich eine Meisterin", spöttelte sie, während ihn ein prüfender Blick traf. „Nein, solchen Ehrentitel maße ich mir nicht an. Zwar habe ich Rubinstein Vieles zu verdanken, aber etwas Rechtes vermochte er aus mir nicht zu machen." .
„Ihre Bescheidenheit läßt vermuten", gab er galant zurück, „daß Sie eine würdige Schülerin des genialen Lehrers sind." , ,
„Nun ja, ich spiele. Man gewinnt durch fleißiges Neben eine gewisse mechanische Fertigkeit. Doch mehr drängt es mich zur Komposition."
„Sie komponieren?" fragte er erstaunt.
„Warum sollte ich nicht! Oder liegt die Fähigkeit des musikalischen Schaffens nur bei den Männern? Musik


