Ausgabe 
29.11.1902
 
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ist wesentlich Sache der Empfindung, und rühmt man den Frauen ein starkes Empfindungsleben nach, so ist ihnen auch die Befähigung zum Hervorbringen bedeutender musikalischer Schöpfungen nicht zu bestreiten."

Zweifellos besitzen Frauen eine außerordentliche Tiefe der Empfindung", warf Schischkin ein,und gerade darum beschäftigen sich so viele von ihnen mit Musik. Mer beim Komponieren mutz die Empfindung korrigiert werden durch den Verstand, der auf Grund eingehender Studien zur musikalischen Erkenntnis gelangt ist."

So werden wir also die Gewißheit haben", fuhr Minka mit graziöser Unverfrorenheit fort,Fräulein Po­pow in nächster Zeit als einen Stern auf dem Gebiete musikalischer Komposition feiern zu dürfen. Ich werde sicherlich der erste sein, der ihm begeistert huldigt."

Schmeichler!" lachte sie, während ihre schlanken Finger in die Tasten griffen.

Nach einem kurzen Präludium zogen die gewaltigen Tonwellen einer Beechoven-Sonate dahin.

Ihr Spiel ist recht flott, aber seelenlos", dachte Schischkin.Zwar bin ich nur Jurist, aber so viel ver­stehe ich doch von Musik, um akrobatische Fingerfertigkeit von einem wirklich Verständnis- und empfindungsvollen Spiel unterscheiden zu können". Und als sie einige ihrer eigenen Kompositionen zum Besten gab, murmelte er ge- rmgschätzend: ,Me hat gestohlen wie ein Rabe." Nur mit Muhe unterdrückte er ein Lachen über den Eifer, mit dem Kalussoff und Glinka sich in Lobeserhebungen Überboten, und über die ernsthafte Miene, mit der sie eine Art Banke­rott der Kunst in Aussicht stellten, falls die Publikation der wertvollen Schöpfungen unterlassen würde.

rJon ko, der Kapellmeister von Strelna, einer meiner besten Bekannte,!, muß Ihren schönen Marsch unbedingt von fernem Orchester spielen lassen", rief Kalussvff lebhaft. , ,,Und Freund Garschin, Redakteur derNowoia Gaseta", sern Möglichstes thun", gelobte Glinka,den treff­lichen Arberten die weiteste Verbreitung zu sichern." ^^.Ueber die Züge Milica Popow's glitt ein sonderbares Lächeln, in der sich für einen Moment Ironie und Gering­schätzung paarten.

.Die ist klüger als Ihr alle Beide", sagte sich Schischkin, der scharf beobachtet hatte.

(Fortsetzung folgt.)

Zwei, die sich begegnen.

Skizze von Wilhelm Schmidt (Bonn).

Jeden Morgen, in aller Frühe, saß am Rhein ein junger Krüppel, still, fast ohne sich zu regen, ein Bauer, in Hemd- armeln, gestrickter Weste und genagelten Schuhen, neben sich die zwei Krücken, die oben mit schwarzem Leder und runden Mejsingnägeln beschlagen waren. Mit einem Höcker, chU schiefer Schulter, mit Beinen, die nicht dicker waren «ls Kinderarme, war er zu nichts anderem zu gebrauchen, als hier auf den Steinen am Ufer zu sitzen, während die Bruder auf dem Acker arbeiteten. Und es war möglich, daß dieses ewige Sitzen hier und dieses Hinaussehen auf das weite, ruhige Wasser sein Gesicht so merkwürdig ruhig feme Augen so merkwürdig weit gemacht, und daß die scharfe, feuchte Luft seinen Backen Fleisch und Blut ge­nommen, sodaß nur noch ein paar weiße Knochen da waren.

Hier, unterhalb, der Stadt, war eine andere Welt als oben, wo man in die leuchtenden grünen Berge hineinsah. Tas war nicht mehr der Rhein, von dem die Menschen der Erde .träumen. Hier gab es keine senkrechten Felswände, lerne Wemstöcke und keine zerrissenen Burgmauern mehr, die besonnt aus schwarzem Epheu herausschimmerten. Hier sahen die Berge nicht mehr über die Tücher der Stadt weg. Linker Hand lief eine flache Erdwelle mit dem Strom das frühere Ufer. Wenn der Krüppel hinaufstieq, so sah er in endlose braune Felder und über den Strom weg in «ine endlose ferne Stadt von Fabriken mit qualmenden Schloten. Unten aber, wo er saß, sah er von alle dem Nichts, sah nur das Wasser, besonnt und vom Widerschein Des Himmels blau gefärbt, das seine immer neuen Wellen vorbei^chob. Ter Rhein machte hier eine Ecke und war durch lange, schmale Steinkribben eingedämmt, die weit in den Strom hinausgebaut waren und zwischen denen das Wasser ruhig wie ein See stand. Am andern Ufer lag, weiter ins Land hinein, ein Torf um seine Kirche herum, sonst nur Weiden und immer Weiden,

Nur die wechselnden Schatten der Wolken brachten in dieses Land der Stille ein lautloses Leben. Hin und wieder auch weit am andern Ufer, im liefern Fahrwasser, ein Schlepper mit rauchenden Schornsteinen, ein Schiff mit aus­gespannten Segeln oder ein einsamer Nachen, dessen In­sassen nicht zu erkennen waren.

Außer den paar Männern, die auf einem warmen Sauofleck am Ufer herumlagen und schliefen, und den Fischern, die auf den Spitzen der Kribben weit draußen im Strom ihre Netze an den Stangen auswarfen, gab es hier nur wenige Spaziergänger: ein paar Studenten, die über irgend eine Frage stritten, ein Professor, der den §ut in der Hand trug, ein alter Bürger mit dem Stock auf dem Rücken. Und itvch einer kani vorbei: ein junges Mädchen, jeden morgen um dieselbe Zeit, in schwarzem Kleid und mit schwarzem Haar, Gesicht und Hände waren das einzige Weiße an ihr und verkrüppelt, mit zwei Krücken wie der andere, der da saß.

Ter ließ kleine Steine, die von der Sonne heiß waren, durch seine Hände gleiten und vertiefte sich ganz darin, wenn er das Mädchen in der Ferne kommen sah. War sie nahe, dann drehte er wie absichtslos den Kopf nach ihr hin. Und dann sahen sie sich an und es geschah etwas Merkwürdiges. Sie, in feinem Kleid, mit dicken Ringen an den Fingern, nickte schnell und mehrere Male, und er, der Bauer, der keinen Hut zum Abziehen auf dem Kopf hatte, lachte. Tann ging auch ein langsames Lachen über ihr Gesicht, mit einem sonderbaren, dankbaren und ver­trauten Ausdruck. Er sah den ganzen Tag nachher dieses Lachen vor sich. Es kam so unvermutet auf das weiße, stille Gesicht, daß es wie plötzlicher Sonnenschein wirkte. Nie aber sprachen sie ein Wort zusammen. Sie wurden Freunde, Freunde, die ihr Leid kannten, die sich Trost und Zuversicht gaben durch ein Mckcn des Kopses, durchs einen Blick der Augen.

Heute summte der Krüppel vor sich hin, ein Bauern­lied, glücklich gemacht durch die warmen Strahlen der Sonne, die ihm durch den Rock hindurch auf den Rücken brannten. Seine blauen Augen liefen nach allen Seiten und standen nicht still. Er faßte mit den Händen um sich und pflückte die ersten gelben Blumen, die am Grasrand standen. Ein Schmetterling, von einem Windzug herbei­getragen, setzte sich auf seinen Arm, und er hielt den Arm behutsam still. Aber vergebens sah er heute den Weg hinauf nach seiner Freundin aus. Ter ganze Weg, der schmal und weiß durch das Gras vor ihm herlief, war heute leer.

Auch die Möven, die noch voin Winter her zurückge­blieben ivctreit, die den einsamen Morgengast kannten, und sonst von allen Seiten heranflogen und Brotstücke aus dem Wasser holten, blieben heute fern. Er sah sie auf der Spitze einer Kribbe sitzen, von der sie hin und wieder, ohne sichtbare Ursache, kreischend aufflogeu, um dann zurück­zukehren.

Ter Krüppel nahm seine Krücken und humpelte über den Sand des Ufers hinunter, der naß war von den Wellen der Dampfer, und ging über die Kribbe hin. Die feuchte Luft legte sich auf seine Kleider, und die Sonnenstrahlen kamen blendend von dem Wasser zurück. Bald stand er draußen, auf der meterbreiten Steinbank, wie auf einen' Schiff, vom weiten, sonnendurchleuchteten Wasser umgebe,..

Er zog Brot aus der Tasche und schnalzte lockend mit der Zunge. Aber die Vögel umflatterten ihn, setzten sich weit oben in die Wellen, ließen sich fast bis zu ihm heran­treiben und flogen wieder auf.

Plötzlich sah er eine dunkle Masse, im Strom unten, an den Steinen hängen. Er nahm eine Krücke und stieß danach. Er traf auf etwas Weiches, wie auf Kleider. Und da sah er mit einem Male eine weiße Hand im Wasser/ auf die die Sonne fiel.

Er hielt den Kopf vorgebeugt, regungslos. Er atmete nicht und sah immer nach der weißen Hand hin, die im Wasser groß und gebogen aussah. Er zog die Krücke zurück, behutsam, und sah mit schnellen Augen, unwillkürlich, zuin Ufer hin, als ob er Hülfe suche. Tann ließ er sich schnell aus die Kniee nieder, während die Hände, die die Krücken hinlegten, plötzlich ihre Kraft verloren hatten und an dem Holz zitterten. Er kroch den schrägen Steinrand hinunter bis ganz an das Wasser. Er stützte sich mit den Händen auf die Steine und starrte aufs neue mit aufgerissenen entsetzten Augen in das Wasser hinein, dessen kleine Wellen an seine Kniee spülten.