579
große Lebemänner Waren, und die man etwa für gewisse Arten des Vergnügens hätte für indifferent halten können, wohlweislich, bei dem besprochenen Rendezvous im Atelier zu fehlen. Es bedeutete dies für sie eine Art Delikatesse, ein Fest beinahe, in dies bis dahin verschlossene Atelier zu dringen, aus dem sonst ein Meisterwerk hervorging, das zu beurteilen niemand berufen war — das niemand hatte entstehen sehen.
Sie kamen alle fünf so ziemlich um dieselbe Stunde und wurden sofort bei dem Meister vorgelassen. Bertha batte anfangs bei Georg bleiben und ihm helfen wollen, im Atelier die Honneurs zu machen, das heißt, sie wollte anwesend sein, um die Enthüllungen mit anzuhören, die sie bestimmt erhofften. Aber ihr Bruder machte sie aufmerksam, daß chre Gegenwart seine Besucher beeinflussen könnte, daß sie, falls sie das Original wirklich kennen sollten, und sie über dasselbe zufällig etwas Nachteiliges zu sagen wüßten, in ihrer Gegenwart zu reden kaum wagen würden. Sie fügte sich diesen Gründen und hatte sich deshalb zurückgezogen.
Zuerst zeigte ihnen Georg das Gemälde, das, wie er sagte, für die Ausstellung des Klubs bestimmt war: seinen Gladiatorenkampf. Jeder bewunderte, und jeder, seinem Empfinden nach, bewunderte der eine mit aller Freiheit und großer Wärme, andere andere hingegen wieder weniger ausdrucksreich mit Zurückhaltung, und dritte wagten sogar eine leichte Kritik; .aber alle kamen darin überein, diesem neuen Werke einen großen Erfolg vorauszusagen.
Hierauf zerstreute sich die kleine Besucherschar, um neugierig das Atelier zu durchstöbern. Sie beguckten sich die Wände, untersuchten die abseits stehenden Staffeleien, suchten einen Entwurf oder eine Skizze eines schon bekannten Gemäldes herauszufinden, oder auch, einige jener Studien zu entdecken, die ein Atelier niemals verlassen und an denen des Meisters Herz hängt, von denen sich zu trennen er sich nicht entschließen kann.
Scheinbar gleichgiltig, in Wirklichkeit aber voll Unruhe und gepreßten Herzens — denn der große Moment war nahe — ließ sie Georg ruhig .gewähren, gab Antworten auf ihre Fragen und folgte ihrem Rundgange durch das Atelier. Er hatte absichtlich das Porträt, das er gesehen haben wollte, das Einzige, woran ihm jetzt etwas lag, hinter einige andere Bilder gestellt, als ob er demselben keinerlei Wichtigkeit beilegte. Er wußte recht gut, daß sie es doch schließlich entdecken würden, und hätte sie im Notfälle, falls sie sich davon entfernt hätten, ünmerklich darauf hingeleitet.
„Sieh da", rief plötzlich Eduard A. , ., der nach allen Seiten herumgestöbert hatte, und auf seiner Forschungsreise weiter gekommen war, als alle anderen, „Sie sind also auch Porträtmaler!"
„Das ist kein Porträt", antwortete Georg mit einer Stimme, die er ruhig erscheinen lassen wollte, „es ist bloß eine Studie, deren ich mich später zu einem Gemälde bedienen will, das ich noch im Kopfe habe."
„Wo finden Sie denn, Mensch, Modelle wie dieses da? Das Weib ist ja herrlich, an Körper sowohl, wie an Gesicht."
t „Dazu hat mir kein Modell gesessen. Meine Phantasie hat eines Tages diesen Körper erzeugt und das Gesicht erträumt, und so warf ich's auf die Leinwand."
„Wirklich? Bloß Ihre Phantasie?" sagte der Graf von $. . ., vorkommend. „Sagen Sie wenigstens: Ihre Erinnerung, lieber Freund."
„Wieso meine Erinnerung?"
„Na, ganz entschieden. Sie sind diesem herrlichen Weibe irgendwo begegnet, im Tiergarten, in der Gesellschaft oder im Theater. Ihr Anblick hat Sie jedenfalls frappiert, vielleicht ohne daß Sie selber es recht wußten, — das will ich ja gerne zugeben, — und so haben Sie einfach nichts anderes als ihr Porträt gemacht."
„Sie glauben ?"
„Ich bin dessen ganz sicher; das Original existiert." Dabei wandte er sich gegen seine Freunde, welche infolge dieser Unterhaltung näher getreten waren: „Nun, meine Herren, ich rufe Sie als Richter an. Ist dies nicht das Porträt der Gräfin Olga Dorvukofs?"
„Ganz entschieden", sagte der Graf von F. . . ., indem er näher trat.
„Es ist frappant getroffen", fügte Baron von B. . . Lei.
„Sie haben recht, meine Herren", rief jetzt auch Eduard A. . . „Jetzt erkläre ich mir auch, weshalb mich das Bild sofort anzog, als ich es da in dem Winkel entdeckt hatte."
„Meine Herren", bemerkte der Graf von X. . ., „wir müssen uns bei unserm Wirt entschuldigen. Mr begehen dadurch, daß wir uns. bei diesem Bilde aufhalten, unbedingt eine Indiskretion. Die Gräfin, die die Ihrigen jedenfalls damit zu überraschen beabsichtigt, kommt ganz gewiß in aller Heimlichkeit hierher zu den Sitzungen.^
„Aber nein, meine Herren, ich versichere Sie--—",
wandte Georg lebhaft ein.
„Ah, lieber Freund, weshalb wollen Sie das vor uns leugnen? Trotz aller Ihrer Geschicklichkeit und Ihres großen Talentes, das ja die ganze Welt bewundert, hätten Sie ohne ein paar gute Sitzungen eine solche vollkommene Aehnlichkeit niemals Hervorrufen können."
„Ich versichere Sie, meine Herren, die, von dir Sie sprechen, die Gräfin---"
„Olga Doroukoff", ergänzten einige Herren den Namen.
— — hat noch nie einen Fuß über meine! Schwelle gesetzt; auch bin ich niemals bei ihr gewesen, noch habe ich die Ehre, sie zu kennen."
„Na, dann haben Sie sie gesehen. Gestehen Sie wenigstens das ein, daß Sie sie irgendwo gesehen haben"
„Es mag sein. Ich weiß es nicht- Es ist nicht das erste Mal, daß mir dergleichen passiert. Die Einbildung ist ja oft nichts anderes, als eine unbewußte Erinnerung. Man denkt selbst zu schaffen, und reproduziert nur. - Aber wissen Sie, meine Herren, Sie machen mir grost Lust, die Frau, deren Anblick mich, wie Sie behaupten, derart angeregt haben muß, näher kennen zu lernen."
„Das ist ein sehr begreiflicher Wunsch," lächelte Eduard A. . . „Sie brauchen ihr bloß zu sagen: ,Frau Gräfin, ich habe, ohne es zu wollen, Ihr Bild vollendet. Man findet es von einer frappanten Aehnlichkeit. Woll Sie es haben?"
(Fortsetzung folgt.)
Leutnant Pearys Expeditionen.
Leutnant Robert E. Peary, dessen Rückkehr aus den Polargegenden dieser Tage kurz gemeldet wurde, ist vier Jahre der Zivilisation ferngeblieben. Er ist int Juni 1898 abgefahren, erreichte int August Kap Pork am Eingang des Smithsundes, wo er die Eskimofamilien und Hunde, die er schon im Sommer vorher in Dienst genommen hatte^ an Bord nahm. Im folgenden Frühling wollte er mit Hundeschlitten nach dem Pol zu gelangen suchen und die Eskimokolonie als Basis benutzen und während seiner auf fünf Jahre berechneten Abwesenheit auch den unbekannten Norden Grönlands erforschen. Peary war, wie kaum ein anderer, zu dieser kühnen Reise geeignet. Er hat schon eine ganze Reihe von Erfahrungen in diesen Gebieten hinter sich. Im Herbst des Jahres 1885 besuchte er einen alten Bücherladen in Washington und fand einen Artikel über das große Inlandeis von Grönland. Seine Phantasie wurde davon ergriffen, er las eifrig alles, was über den Gegenstand geschrieben worden war und kam zu dem Schluß, daß es zwei Wege gäbe, das Inlandeis zu erforschen. Im Sommer 1886 unternahm er eine Rekognoszierung der Gegend und drang weiter vor, als bis dahin je ein Weißer gekommen war. 1891—92 hielt er sich dreizehn Monate in Nordgrönland auf und bewies, daß Grönland eine Insel ist. 1893 bis 1895 erstreckte sich sein Aufenthalt über 25 Monate, und er ging zum zweitenmale über das beständige Eis. Diesmal studierte er auch sorgfältig die Eingeborenen des Whalesundes und entdeckte die berühmten Meteorsteine auf Cap Port, von denen einer 90 Tons wog. 1896 und 1897 brachte er den Sommer wieder in Grönland zu und bereitete die große Expedition vor. Im Jahre 1891 hat Mrs. Peary ihren Gatten auf seinen Reisen begleitet. Ehe Peary zu der jetzt beendeten Expedition aufbrach, veröffentlichte er ein Buch, das die Geschichten seiner früheren Reisen erzählt. In diesem Werk „Northward" entwirft er von dem Innern Grönlands folgende fesselnde Schilderung: „Alles, was von Land in Grönland ist, ist ein Küstenstreifen von 5—25 und an einer ober zwei Stellen von 60—80 Meilen Breite, mit Bergen, Thälern und tief einschneidenden Fjorden, umgeben vom nordischen Eismeer


