Ausgabe 
29.9.1902
 
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Allerdings wenn ich es! ausführen, wenn ich daraus ein Gemälde machen wollte. Wer hier handelt es sich Kloß um eine Skizze. Ich will nur die markantesten Züge Niederwerfen, bloß das zur Geltung bringen, das mir als Linie und Farbenton am meisten auffiel. Zwei oder drei Tage werden genügen."

Und dann?" fragte sie.Was willst Tu dann damit thun?"

Begreifst Du denn nicht? Errätst Tu es denn nicht? Diese Unbekannte ist eine Frau aus der Welt, der Gesell­schaft, eine große Dame. Davon sind wir beide fest über­zeugt, Tu mmv t'cf). Dann werden ihr wohl 'auch schon Lebemänner begegnet sein und werden diese wohl auch ihren Namen wissen."

Jedenfalls. Und dann?"

Ich lade, sobald das Bild fertig ist, alle jene meiner Freunde, die am meisten in Berlin herumkommen, die an allen Festlichkeiten teilnehmen und alle Salons be­suchen, ein. Wenn sie dann auf meiner Staffelei dieses Porträt erblicken, werden sie mir dann sagen:Tas ist Frau von So und So."

Jetzt begreife ich!" ries sie nach kurzem Nachsinnen. j,Die Idee ist gut."

Nicht wahr?"

Aus die Art kannst Tu sie kennen lernen und ihren wirklichen Namen erfahren. Was willst Du thun?"

Tann will ich zu ihr hingehen, denn daraufhin wird sie mich wohl empfangen müssen, und werde ihr sagen: Sie haben mich scheußlich hintergangen. Das thut aber nunmehr wenig zur Sache; denn ich habe Sie entdeckt. Wollen Sie ihn retten und sprechen, ja oder nein? Nicht? Gut denn, so werde ich ihn retten."

Gut, vortrefflich!" rief Bertha, sich in die Arme ihres Bruders werfend.

Seinen Kopf noch belebt von seinen Erinnerungen, ferne Einbildung noch entflammt, machte er sich sofort daran, seinen Plan auszuführen.

Sie setzte sich einige Schritte hinter ihn, hochbegierig, aus dieser toten Leinwand allmählich das Bild jener Frau sich entwickeln zu sehen, jener Frau, die ihren Geist seit Jestern so sehr in Anspruch nahm.

Ws der Wend hereinbrach, konnte Georg bei elek­trischem Licht an seiner Skizze weiterarbeiten. Er unter­brach seine Arbeit nur, um rasch einige Bissen zu sich zu nehmen und die Wendblätter zu durchfliegen. Leider brachten sie die Nachricht, daß Franz von Sempach im Laufe des Nachmittags nach Plötzensee übergesührt und daselbst in Jsolierhaft gesetzt worden war. Jedes Blatt erging sich in anderer Meinung. Einige Blätter hielten ihn für einen ganz gewöhnlichen Mörder; andere hin­gegen bloß für einen "Totschläger, der in einem Anfall von Zorn die That vollbracht hatte; aber kein einziges Blatt nahm sich seiner Verteidigung an, ergriff Partei für seine Unschuld oder schien anzunehmen, daß die Justiz eine falsche Fährte eingeschlagen habe.

Und sie kann das alles lesen?" rief Bertha aus.Sie hat den Mut, zu all dem stillzuschweigen, dem nicht zu widersprechen?"

Sie wird dem wohl widersprechen und ihn retten müssen", gab Georg zur Antwort mit der Ruhe, welche Arbeit und Ueberzeugung, sein erträumtes Ziel zu erreichen, verschaffen.

Unter seinem geschickten und kühnen Pinsel ward das Werk, das anfangs noch in Umrissen verschwommen war, immer deutlicher, wurde nach und nach lichter und Heller und wuchs förmlich empor.

Um 11 Uhr, als er anfgehört hatte, zu arbeiten, waren bereits die Hauptzüge auf der Leinwand fixiert. Sollte etwa tags darauf die Erinnerung an jene Frau schon etwas verblaßt sein, so genügte dieser Entwurf, dieselbe wieder in vollster Schärfe zu erwecken, das Bild von neuem in seinem Geiste erstehen zu lassen.

Aber am nächsten Morgen stand sie wieder so lebhaft vor ihm wie tags zuvor, und sofort setzte er die begonnene Arbeit fort.

Am Nachmittag plötzlich trat er einige Schritte von der Staffelei zurück und zeigte seiner Schwester das wohl noch unvollendete, aber bereits lebende Bild.

Nicht wahr, sie ist schön?" fragte er.

Ja, sehr schön", erwiderte Bertha, das Bild mit den Augen durchbohrende

Und trotzdem ließ ich ihren Mund' noch nicht sprechen; ihr Lächeln ist kaum angedeutet; auch haben rhre Augen in Wirklichkeit viel mehr Ausdruck, auch ihr Teint mehr Glanz. Das will ich morgen alles ausführen. Jetzt für den Augenblick bin ich gezwungen, in den Klub! zu gehen. Ich bin aber bald wieder zurück- Auf Wieder­sehen, liebe Schwester!"

Er ging. Sie blieb noch eine Weile im Atelier vor dem 93116e stehen, das sie wider ihren Willen feuchten Blickes, mit zusammengeschnürtem Herzen bewundern mußte.

Kaum war Georg Rakenius in seinem Künstler-Klub! eingetreten, als er rasch umringt wurde. Einige Mit­glieder wußten von seiner engen Freundschaft mit Franz von Sempach und hofften nun, durch ihn nähere Nach­richten über ihren unglücklichen Klubgenossen zu erfahren. Georg behauptete, nichts zu wissen, versicherte sie aber der Schuldlosigkeit seines Freundes, und unterhielt sich, als wäre ihm dieses Thema zu schmerzlich, über Kunst und Malerei.

Ich habe dieser Tage", begann er plötzlich,ein Gemälde vollendet, das ich für unsere nächste Ausstellung bestimmt habe. Ich möchte aber vorher die Ansicht ver­schiedener Personen hören, z. B- auch die Ihrige, meine Herren."

Bei diesen Worten wandte er sich speziell an den Grafen von X. . . ., den Baron von N. . ., an Eduard A. . . und an den Grafen von F. . ., die größten und bekanntesten Lebemänner unter seinen Kameraden, die nicht allein ganz Berlin, sondern auch das auserwählteste selected Berlin" kannten.

Unsere Ansicht?" sagte Eduard A. . .Wir sind gern bereit, sie Ihnen auszusprechen, und ich speziell fühle mich sehr geehrt, daß Sie die meinige auch hören wollen. Wer wo können wir denn das bewußte Werk in Augen­schein nehmen? Ihr Atelier ähnelt nicht den anderen. Es ist sowohl für die Kinder der Welt, als auch für uns stets hermetisch verschlossen."

Allerdings bangte mir immer vor Besuchen", lächelte Georg Rakenius,die mich von der Arbeit abzogen. Wer heute wünsche ich mir dieselben, das heißt: ich wünsche die Ihrigen, meine Herren. Ich möchte wirklich gern wissen, welche Wirkung mein letztes Machwerk erzielt."

Also, mein Lieber, verfügen Sie ganz über uns", rief der Graf von X. , .Wir werden entzückt sein, in Ihr bisher so verschlossenes Heiligtum eindringen zu dürfen." Und gleichzeitig sich an seine Freunde wendend, fragte er sie:Ist es Ihnen recht, meine Herren, wenn wir uns gleich hinbegeben?"

Mit Vergnügen," begann der Graf von F. , .;wir wollen alle zusammen hingehen, und so unfern Freund weniger derangieren. Sind Sie morgen frei, meine Herren?"

Ja, vollkommen", riefen mehrere Stimmen.

Welche Stunde ist Ihnen am liebsten, Rakenius?" Die Ihnen beliebt. Ich gehe des Tages niemals aus."' Also gut! Sagen wir um drei Uhr." Gut, um drei Uhr", riefen alle einstimmig.

Meine liebe Jury", sagte Georg,Sie sollen mir willkommen sein."

Was für einen Gedanken behandelt Ihr letztes Ge­mälde?" fragte Eduard A. . . den Maler, der eben im Begriff stand, sich zu verabschieden.

Nn Sujet, das man oft findet, das ich aber zu modernisieren versuchte, einen Gladiatorenkampf in einem römischen Zirkus."

Es war dies auch wirklich sein letztes Gemälde, das er eben beenden wollte, als er unterbrochen wurde, da er das Porträt der Unbekannten beginnen mußte. Er hatte sie zwar aufgefordert, seinen Gladiatorenkampf zu besich­tigen, doch sollte man in einem Atelierwinkel wie aus Zufall das Porträt jener Frau finden, deren Namen er sehnsüchtig zu wissen wünschte.

23. Kapitel.

Die ganze Entstehung und Gründung des Künstlerklubs, die große Anzahl von Künstlern, die zu dessen Mitgliedern gehörten, seine Gemäldeausstellungen, die ganze Luft, die man in diesem KlÜb einatmete, der Wirkungskreis, worin jeder lebte alles das hatte es bewirkt, sämtlichen Klub­mitgliedern, selbst den Unkünstlerischsten, Geschmack für die Kunst und Liebe zum Schönen beizubringen und ein* Kuslößen. Auch hüteten sich Georgs Kameraden, die selbst