Ausgabe 
29.9.1902
 
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Lgö^gr-aufg. H.NO1

1902. Nr. 145.

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(Nachdruck verboten.)

Die Viper.

Nach dem Französischen bearbeitet von H. Revel.

(Fortsetzung.)

Am andern Morgen begab er sich- nur um sein Gewissen zu beruhigen denn während der Nacht war er ganz der Ansicht seiner Schwester geworden nach Nummer 42 der Seydelstraße und erhielt die Auskunft, daß in ihr weder eine Baronin, noch sonst jemand des Namens Halpern wohnte. Er durchschritt alle Höfe, studierte das ganze Haus und konnte sich leicht den wirklichen Fall erklären: um sich eines unbequemen Begleiters zu entledigen, hatte sie die Toppelausgänge des Hauses, das ihr jedenfalls schon lange bekannt war, und worin sie vielleicht irgend einen Bekannten wohnen hatte, benutzt.

Er war aber immer noch nicht im stände, sich von einer letzten Illusion loszureißen.Sie wollte mich weder ihren wahren Namen, noch ihre Adresse erfahren lassen", dachte er sich,aber vielleicht kommt sie doch zu dem mir gegebenen Rendezvous, um sich mit mir über deu armen Franz zu bereden tuti> mit mir das Mittel zu suchen, ihn zu retten."

So begab er sich denn gegen zwei Uhr nach Friedenau in die einsame Villa. Tas Haus träumte noch, öde und verlassen; doch die Möbel, die sie gestern in Unordnung gebracht hatten, waren wieder an Ort und Stelle gerückt. In den Kandelabern waren die halb niedergebrannten Kerzen durch neue ersetzt worden. Nirgends war die Spur eines Stäubchens zu entdecken. Tie unsichtbare Wirtschaf­terin mußte also schon in aller Frühe ihren Dienst ver­sehen haben, um sich hieraus diskret zurückzuziehen.

Voll Angst, Unruhe und Sehnsucht, sie zu sehen, wartete er zuerst im Schlafzimmer, wo sie sich 'zuerst begegnet waren, da sie aber nicht kam und die Zeit verstrich, begab.er sich, nur um den Platz zu wechseln und seine Ungeduld hinwegzutüuschen, in das Toilettenzimmer.

Kaum befand er sich darin, als ihn die Neugierde überkam, nachzusehen, ob die Wirtschafterin d.en Schrank ebenso aufgeräumt hatte wie die Zimmer, und ob die Spitzen- und Seidenhemden, die er am gestrigen Mend beim Geräusch der unten geöffneten Thür rasch wieder in die einzelnen Fächer geworfen hatte, wieder an Ort und Stelle läge».

Wohl, da lagen drei Stöße, symmetrisch nebeneinander gelegt, da die Spitzen-, da die Battist-, da die Seiden­yemden. Auch der Morgenrock hing an gewohnter Stelle, kalt und regungslos. Georg überraschte sich selbst dabei, als er ihn von neuem betrachtete, und er sah dann infolge seiner seit 24 Stunden überspannten Einbildungskraft wieder feine Unbekannte vor sich, plastisch, lebendig. Jeder Maler mehr oder weniger ist stets versucht, in irgend einem

schönen Weibe ein Modell zu erblicken, und er schmückt im Geiste schon aus professioneller Angewohnheit, aus Liebe für die Kunst und alles Schöne.

22. Kapitel.

Er wartete noch eine volle Stunde, bei jedem Geräusch aufhorchend.

Endlich aber mußte er sich entschließen, wegzugehen. Er begab sich eiligen Schrittes und tief verstimmt zu Fuß nach Hause. Er war wütend auf die, die ihn so getäuscht hatte, wütend gegen sich selbst, daß er mit sich hatte spielen lassen, wie mit einem Kinde, und zerbrach sich ununter­brochen darüber den Kopf, wer sie sei und wie er sie auf- sinden könnte, als ihn urplötzlich ein Gedanke durchzuckte. Er beschleunigte seinen Schritt noch mehr und kam beinahe im Laufschritt atemlos daheim an.

Nicht wahr, sie ist nicht gekommen?" empfing ihn seine Schwester.

Nein, sie ist nicht gekommen", sagte er hastig;aber sie wird kommen, sie muß kommen, das schwör' ich Dir! Binnen drei Tagen werde ich wissen, wer sie ist. Sie soll mich nicht mehr zum Narren haben! Jetzt habe ich sie!"

Da fie ihn erstaunt anblickte, eben im Begriff, ihn zu befragen, war er schon hinausgestürzt und stürmte in aller Hast die zwei Treppen hinauf/ die ihn in sein Atelier brachten. Seine Schwester war ihm gefolgt und sah ihm wortlos zu. Aber als sie ihn aus einer Atelierecke eine neue große Leinwand nehmen, diese abmessen, zuschneiden und auf eine Staffelei stellen sah, konnte sie sich nicht ent­halten, auszurufen:

Was! Tu willst jetzt arbeiten! Wenn Tn wenigstens ein schon begonnenes Bild fvrtsetzen wolltest; aber ein neues in Angriff nehmen ?"

Ja, ein neues", rief er aus,und das vielleicht nicht das schlechteste werden dürfte!"

Wie Tu das sonderbar sagst! Was hast Tu für eine Idee? Sollte es sich etwa um--?"

Ja", wandte er sich lebhaft gegen Bertha,es handelt sich d arum, meinen Freund, Deinen Bruder zu retten."

Indem Tu ein Bild malst?"

Ja, und zwar das Porträt jener Frau, jener Unbe­kannten, die uns betrogen und ihn im Stich läßt." i Ah! Hast Tu sie denn genügend in Erinnerung?" Ob ich sie habe! Ta, vor mir sehe ich sie, meiner Staffelei gegenüber, in einer Flut von Licht. Ich sehe sie vom Scheitel bis zur Sohle. Ich werde weder einen Zug ihres Gesichtes noch eine Linie ihres herrlichen Körpers, vergessen. Ich habe den Ton ihrer Haare, ihrer Haut^ ihrer Altgen, ihrer Lippen. Tu scheinst erstaunt. , Gott, habe ich nicht schon öfters aus freiem Gedächtnis ge­malt, und warst Tu nicht jedesmal überrascht von der Aeynlichkeit?"

Tas ist wohl wahr. Aber dieses Porträt wird Tor viel Zeit rauben."