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ruderte. Die Haut sprang ihm von den schwieligen Handflächen. Er ruderte mit blutenden Händen iveiter gegen Sturm und Seegang.
Endlich knirschte der Kiel über Grund. Er warf Anker. Tann nahm er den Riemen und lotete. Der Schlick war an der Landungsstelle, die Tobias gewählt hatte, nicht ganz so tief; der Riemen wies vier Fuß. Ta sprang er über Bord. Das Wasser ging ihm bis an den Hals. So rasch er konnte, schwamm und watete er vorwärts. Bald hatte er die Brust frei; noch ein paar Schritt, er sank nur bis zu den Knieen ein. Aber hier wurde das Vor- wärtskommen mühsam. Er bewegte sich nicht mehr im Wasser, sondern in Schlamm, zähem, grauem Schlamm, der wie Pech klebte, sich wie Zentnergewicht ihm um die Füße hing und ihr Hervorziehen zu einer schweren Anstrengung machte. Doch durste er nicht stehen bleiben, nicht den Bruchteil einer Sekunde, nicht um Luft zu schöpfen; der tückische Brei schlang in bodenlose Tiefe hinab, was auch nur auf Augenblicke auf ihm weilte. Drum, wie auch der Sturm mit übermächtiger Wucht sich dein Keuchenden entgegenlegte, und ob auch seine Kniee fast brachen vor Ermüdung, vorwärts, vorwärts rang er sich. Es galt das Leben, galt mehr! Tie Vergeltung ! Bald wußte Tobias Breeden nicht mehr, war's Seewasser, waren's Schweißtropfen, was ihm unter den Haaren hervorrieselte. Seine Brust röchelte, sein Gesicht war blaurot. Feine Blutströpfchen perlten auf der harten Haut der Wangen, die Wind und Kälte, Hagel und Salz- wasser aufgerissen hatten. Und er watete vorwärts.
Auf einmal warf der Sturm ihm stechend wie Nadelspitzen eine Handvoll Sandkörner ins Gesicht. Trotz des! Schmerzes hätte er fast aufgeschrieen vor Freude. Fünf Schritte noch, und der mörderische Schlick war überwunden, er stand auf ehrlichem Dünensand. Zum erstenmale wandte er das Gesicht aus dem sausenden Nordwest und versuchte Atem zu schöpfen. Ein widriger Geruch machte ihn stutzen. Richtig! Dort lag der tote Ochse, ausgecfnollen, mit offenem Maul, die Beine fehlten. Und mit widerwilligem Kreischen stob ein Schwarm Vögel auf, der den Angefchwemmten fast bedeckt hatte, Mantelmöwen mit den grauen Flügeldecken, tveißschilternde Silbermöwen, die dunkleren Regenpfeifer, Seeschwälbchen und Strandläufer. Wie eine Wolke schwirrten sie um den Kopf des unwillkommenen Störers und kehrten zurück zum leckeren Mahl. Platt wie ein Tisch lag die Insel vor Tobias. Nur im Südosten, dort, wo das Seezeichen seine phantastische Form an den tiefhängenden Himmel zeichnete, erhoben sich die kleinen Dünenhügel. Dazwischen Sand, im Sturm wirbelnder Sand stundenweit. Gegen Nordwesten streckte das Riff seinen Fangarm tief in die offene See hinaus. Blendend weißer Gischt spritzte hoch daran empor und zeichnete seine Lage weithin ° in der grauschwarzen Flut. Dicht wie Muscheln bedeckten es seine Siegestrophäen, die Ueberreste der gestrandeten Schiffe, ein Wald von Wracks, ein Leichenfeld, wie die gefahrvolle Küste vielleicht kein Weites aufznweisen hatte. Wer hier entlang wanderte, dessen Fuß trat aus zerschmetterte Hoffnungen, zerschelltes Menschenglück.
Ten Anfang machte die Seitenwand einer Brigg; pechschwarz, mit Miesmuscheln überzogen, stand sie senkrecht im Weißen Schaum der Brandung. Zwanzig Schritte weiter hatte ein ostfriesischer Kutter'sich in den Sand gewühlt; die Planken des Rumpfes waren längst in Stücke geschlagen, die mächtigen Rippen starrten in bie Luft wie die Gräten eines ungeheuren Fisches. Sein Nachbar, ein schwedischer Schooner, lag völlig auf der Sette, ein stattliches Schiff, und bis auf den zersplitterten Bug Wohl erhalten; an seinen fast wagerecht in die Luft gestreckten Masten flatterten noch Fetzen von Tauen und Segeln im Sturrw Tann kam eine holländische Küss, eine Galiote, ein Fischerboot, eine Jacht, mehr noch, immer mehr! Eine unabsehbare Straße des Todes, ein Gräberfeld ohne Ende. Tiefes, feierliches Schweigen brütete darüber, die Einsamkeit der Wildnis. Nur der Novembersturm sang sein Totenlied, sein Siegesliod; nur die See peitschte mit triumphierenden Rauschen die elenden Reste ihrer Beute, ihres Spiel-
Tobias stand, und sein scharfer Blick durchwühlte gleichsam die Insel. Wo barg sich Jan Jürgens? Er suchte ihn am Land, auf dem Meer, am Himmel. Und plötzlich durchzuckte eine wahnsinnige Freude sein Herz: aus dem Wrack
des schwedischen Schooners stieg Dampf, ein leichtes blaues Wölkchen nur, gegen den schwarzen Himmel; Seemannsaugen gehörten dazu, um es zu erkennen.
Ter Schiffer fühlte keine Ermüdung mehr. Er warf die Stricke iiber seinen Rücken und schritt durch den tiefen; Sand auf das Fahrzeug zu. Nach einer halben Stunde stand er vor dem schmalen Wasserstreifen, der es zur Ebbezeit von der Insel schied. Mit Befriedigung sah er ihn wachsen, anschwellen, sich verbreitern. Die Flut stieg rascher, als fie pflegte. In einer halben Stunde brach sie über den Unterschlupf des Verfehmten herein. Die Hände in! den Taschen, stand Tobias und wartete.
Nach kaum zehn Minuten hob sich die Fallthür auf dem Teck. Ein Kopf erschien, ein angstverzerrtes Gesicht, das jählings wieder untertauchte.
Tobias legte seine Hände an den Mund und überschrie! die Brandung.
„Jan Jürgens! Jan Jürgens! Kumm herut! Tin Tip is afloopen!"
Ta schlug der Flüchtige die Klappe vollends zurück; er hatte erkannt, daß es nur einer war, der, ihn suchte.^ Er trotzte.
„Ick will di wat hosten, oll Snüffler, du! Kumm un haal mi, denn heft mi. Ick bliv."
„Bliv, Jan Jürgens. Tenn steihst du in 'ner Stürm' vör Gottes Richterthron, statt dem der Minsken. Mi is ’t recht."
„Scher' di tom Düwel, Karnaille."
, Tobias rührte sich nicht.
„Ick scheet di öwer'n Hoopen as 'n Kreih!" knirschte Jan und zog eine Feuerwaffe hervor. Die Verzweiflung! stieg ihm zu Kopf. Hinter ihm die unerbittliche See, vor ihm der unerbittliche Rächer! Er drückte ab. Ein Flämmcheu blitzte aus, ein schwacher Knall verpuffte, erstickend in der! schweren Luft; — die Patrone war im durchnäßten Lauf stecken geblieben.
Eine Sturzsee brach über den Schoner. Da schwang sich Jan Jürgens mit einem Fluch vom Deck herab. Laufend durchmaß er das Wasser, die Arme eingestemmt, den Kopf gesenkt wie ein junges Rind, das seinen Gegner überrennen will. In seiner Faust blitzte ein Messer.
„Tat schall beegen o'er breeken!" (Fortsetzung folgt.).
Festrätsel.
Nachdruck verboten. Eins Zwei am hohen Himmelszelt, Du führtest einst zum Licht der Welt! Du hast in mancher dunklen Nacht Dem armen Herzen Trost gebracht. Eins-Zwei (verbunden), holde Mär Dringt durch die Welt vom Himmel her! Es sagt der Glocken hehrer Klang, Daß Leben doch den Tod bezwang.
(Auflösung in nächster Nummer.)
A r i t h m o g r i p h.
(Nachdruck verboten.)
123456785439 10 42 11 ein Wunsch an unsere Leser.
2 5 4 7 11 deutscher Strom.
3 5 2 4 11 Körperteil.
4 7 11 5 3 2 11. fabelhaftes Tier.
5 4 6 6 4 2 alte Münze.
6 7 10 7 11 Stadt in Rußland.
7 6 6 4 2 Fluß.
8 5 6 3 2 7 10 Mineral.
5 7 2 9 4 Pflanze.
4 7 8 5 4 Baum.
3 9 10 4 11 Himmelsrichtung.
9 10 3 2 8 5 Zugvogel.
10 5 3 11 3 11 Stadt am Genfer See.
4 6 6 4 altes Maß.
2 3 9 4 11 Blumen.
11 4 2 3 römischer Kaiser.
(Auflösung in nächster Nummer.)
Redaktion: E. Burkhardt. — Rotationsdruck und Verlag der Brübl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei (Pietsch Erben) in Gießen.


