Ausgabe 
29.3.1902
 
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is'r ook

Rinseild? Klooksnacker! Seild! Wer Lett' denn seild, he?"

Gegen zwei Uhr kam er an daN Häuschen auf hoch­ragender Düne, in dem der Pächter der fiskalischen Wiesen mit seiner Familie wirtschaftete. Er fand den Mann anr Wattstrand, wo er, bis an die Hüften im Wasser stehend, fern angepflöcktes Boot betrachtete und beklopfte. Gegen­über, nur durch einen schmalen Meerarm getrennt, lag das Notland, die werdende Insel, fahl und kahl unter dem niederen schwarzen Himmel.

Tobias hatte nichts gefunden. Ihn fror, er war sehr müde, sehr niedergeschlagen. Er blieb stehen und sah zu.

Süh so, Krischan Pott. Wo geiht di't?"

Mutt god sien."

Ter Pächter sah verdrießlich aus, und fuhr fort, sein Boot tut Wasser zu umkreisen.

,... Ja9te Tobias,de hett'n groten Hümpel Water in t x,tef. Water treckt dat Kropptüg von Booten iümmers."

Bun een Dag up'n nich an to fin'nen."

ward dat Water 'r woll rinseild sien, Krischan

oem Dienst in Emden war's man en klatrigen Kram. Das geht^nich in 'nen hohlen Baum, was ich mir da gekribbelt

Jo, jo. Ost un West, to Huus is't best. Na, denn Hal mi mal glieks 'n mojen Happen Braden un 'n Ge­never."

Jehs', das süht ja aus, wie'n Mrmesessen. Sie sind wohl ausnehmend auf Ihrem Schick, Tobias Breeden?"

Jo, Trina, ick freu' mir."

Das Mädchen war ihm etwas Aehnliches, wie den Fischerflotten im Herbst die eigentümlichen schwarzen Fische, die immer den Heringszügen voranschwimmeud, gleichsam als Herolde ihr Nahen verkünden. Während er tafelte, überlegte er. Konnte jemand auf der Insel so gewissenlos sein, den Verbrecher bei sich aufzunehmen? Er ging die einzeliten Familien durch!; außer Marinkamöh besaß Jan Jürgens keine Blutsverwandten. Nein, da war niemand, dem er die Nichtswürdigkeit zutraute. Wer vielleicht ver­barg Jan sich in den Dünen, die jetzt, nachdem die Fremden sie nicht mehr kreuz und quer durchstreiften, oft Wochen- und monatelang unbetreten lagen, und die rote Füchsin ver­sorgte ihn mit Speise und Trank? Ein unwirtlicher Aufenthalt zur Novemberzeit war's. Wer ein Verzweifelter tvie Jan Jürgens mochte immerhin dort eine Zeit lang aushalten, bis:er Gelegenheit fand-, einen der auf hoher See vorüberfahrenden Ozeandampfer zu erreichen.

Ehe der späte Strahl des nächsten Tages dämmerte, war Tobias zur Suche gerüstet. Die Stricke, die den Mörder binden sollten, auf der Schulter, ein Stück Brot in der Tasche, zog er ostwärts. Er ging den Strand entlang und erklomm die Höhen. Er durchstöberte jede Senkung nach einem Menschen, der Spur nach einer menschlichen Lagerstätte. Es war ein rauher Tag. Brüllend schlugen die Wogen den Strand, unheimlich weiß unter den tief­hängenden schwarzen Wolken blinkte ihr Schaum. Einzelne Regenböen, vermischt mit scharfen Hagelkörnern, gingen nieder. Wer der Stitrm, der eisig daherfegte, sog die Feuchtigkeit sofort wieder auf und trieb den losen Sand in wildem Wehen über die breite Strandfläche, daß es sich ausnahm wie ein Schneetreiben dicht über dem Boden, als wollten der graue Himmel, die graue Erde, die graue See ineinanderfließend, ihre einzelnen Bestandteile zurück­mischen zu dem formlosen Chaos, aus dem Gottes Schöpfer­wort sie hervorzauberte.

Laut kreischend stoben Möven intb Strandläufer vor dem einsamen,Wanderer «s, strichen mit schwerem Flügel- schlag über die Wellen, und kehrten an ihren Standort zurück. Und jetzt brandete die See gradqus vor Tobias Breedens Füßen. Weiter hinaus führte kein Weg. Er stand an des Eilandes äuß!erster Ostspitze. Unb er hatte nichts gefunden.

Er gönnte sich keine Rast. In einem Dünentrichter verzehrte er sein karges Mittagsmahl und wanderte weiter, zurück jetzt, uach Westen. Der Sturm, den er nun grade entgegen hatte, trieb ihm alle paar Schritte Thränen in die Augen. Er wischte sie mit dem Aermel fort, wanderte weiter und suchte. Er erreichte das Dorf, sein Haus, von dem er am Morgen ausgezogen war, und wanderte, vorüber, westwärts, immer westwärts.

Dat weet ick doch nich."

Na, ick ook nich. Tunnerslagl"

Sich schüttelnd wie ein nasser Pudel, watete Kriscban Pott jetzt ans Land.

Tobias, glövst du an Spät?"

Nee, doh ick nich."

Ick segg di äwer, hier geiht et üm, Tobias, 't Boot is vull Water all't tweete Mal, un't Tauwerk is heel ver- tüdert, un dar is feen enfel Minsk mit seild. Un de anner, Nacht bei Vullmand, as mien Fru na'n kranke Koh seihen wull, kommt se flatterig as en Schötteldok in de Kammer torüglopen. Krischan! up'n Notland steiht een. Rappelt't di? segg ick. Nee, seggt se, 't is en Matros. Ward woll sien Liek sien andreven kamen. He böhrt sien Händen itp un bittet um en christlich Grab. Ick kam denn ook to Gang, un mit'n Fernkieker na buten. Da is en swarten Klecks up den Witten Sand, Tobias Brecden, en groten smarten Klecks. Un as ick'n mi gemakelik dör't Glas besehen will, treckt di so'n verflixtige Wolk öwer den Mattd. Weg was mien Klecks, as hctrr'n een wegpust't. Ämtern Dags het 'r eit hoben Ochsen legen, äwer wat mihr na Baben. Un nu steiht 't Boot vull Water, un toi hebbt doch nich seild. Tat's mi to hoch. Ick kannt nich spitz kreegen."

Durch Tobias Breedens Glieder rann ein Zittern. Zweimal hatte er angesetzt, um den Redenden zu unter­brechen, die Aufregung schnürte ihm die Kehle zu. Wenn's wäre! Wenn Gott ihm den Schurken in die Hand gäbe, dort in der Einöde, Mann gegen Mann, wo jeder Gedanke an Flucht ersterben muß! Er packte des Pächters Arm mit schmerzendem Griff und seine Stimme klang heiser:Kri­schan Pott, um Gottes willen, borg mi dien Boot!"

Krischan sah ihn betreten an.Büst en Schipper, Tobias Breeden, un snackst so'n Tüg! De Tide*) kummt Klock fif. Un denn is't all stockdustre Nacht."

Wat, Tide! Glieks mutt't sien."

Tat het noch feen utprobiert, bi Ebbe nan Notland öwertosteken. Da kummt ook keen Heu. 't Strand is Slick. Minsk un Boot mutt'r versichert."

De Schaden deiht, mutt Schaden Betern. Krischan, ick betaal di 't Boot. Willst du stüren?"

Nich vör düsend Dahlers! Tobias Breeden, du baust mi leed. Wat sall Jan Jürgens up'n Notland. Wör he 'r äwer, denn kunn di 't flecht to Paß kamen. He dreiht di 'n Kragen üm."

Tobias stand schon im Boot, löste es von seiner Boje und zog mit raschen Griffen das Großsegel auf. Das Fahr­zeug neigte sich schwerfällig vor dem daherbrausenden Nordwest, machte eine halbe Drehung, und schoß hinaus in die totlb aufspritzenden Wogen.

Der Wasserarm Wischen beiden Küsten war schmal. Wär's fester Boden gewesen, ein Fußgänger hätte ihn in einer Viertelstunde durchmessen können; bei ruhiger See glitt ein Ruderboot in zehn Minuten hinüber. Aber wenn der Nordwest so steif aus seiner Ecke blies/ die See hohl ging tote heut, und die Wassermassen sich in dem engen Durchgang stauten, dann setzte Leib und Leben ein, wer die Uebersahrt wagte. Tobias hatte den Wind gerade ent­gegen. Dreimal war er zurückgeworfen. Dann gewann er endlich den richtigen Winkel und kreuzte auf.

Die kleinen, kurzen Wellen des Wattmeeres, das in Sommertagen träg und blinkend wie eine polierte Stahl­fläche unter dem Sonnenhimmel lag, hoben sich heut laut aufrauschend bis über die Mastspitze empor. Gleich senkrechten Wänden von grünem Glas schoben sie sich dem kämpfenden Schifflein entgegen, uno wenn sie platschend in sich zusammensanken, überschütteten sie es mit den Schaummassen ihrer Kämme. Tobias Breeden war nach zwei Minuten so durchnäßt, als hätte er die Strecke schwimmend zurückgelegt. Er fühlte es nicht. Er Stte den Sturm nicht, der ihn bis auf die Knochen chtvehte. Ein inneres Fieber hielt ihn warm. Mit einer Hand umklammerte er das Steuerruder, mit der andern bewegte er den Punchenschwengel, um das Wasser abzuwehren, das bei jedem Niedertauchen des Bootes eimerweise über Bord spülte. Was er in seinem langen Leben an Seefahrer kunst, an zäher Energie erworben hatte, er setzte es ein auf dieser Fahrt. Immer heftiger wütete der Sturm. Auch das verkleinerte Segel war nicht mehr zu brauchen. Er riß es herab, faßte die Riemen und

*) Flut.