Ausgabe 
29.3.1902
 
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für Sie, Gerda!" sagte die Frau Muhme mit listigem Lachen.

Gerda lachte noch viel lauter.

Wie viel Mädchen der wohl schon Artigkeiten gesagt hat! Nein, so ganz Laudgänschen bin ich doch nicht!"

Wer eines Tages, als er schon ausgehen konnte, du hatte er Plötzlich an der Quelle, die so frisch und ursprüng­lich aus dem Gestein brach, und bei deren murmelnden Rauschen sie so gent sah, da hatte er plötzlich vor ihr gestanden, und sie hatte dunkelrot und befangen seinen Gruß erwidert, über ihre buntfarbige Stickerei gebeugt.

Darf ich mich zu Ihnen setzen?" hatte er gefragt.

Sie konnte kaum antworten vor Herzklopfen.

Und ohne weiteres hatte er nach ihrer Hand gegrtzfen. Sie wollte sie aus der seinen reihen, aber er ließ nichk lvÄ

Nein, Fräulein Gerda, wenn man so gefangen ist, wie ich eS bin, daun wird man rachsüchtig und gönnt auch anderen die Freiheit nicht. So geht's mir mit Ihnen. Sehen Sie mir einmal in die Augen" er hielt inne, und sie mußte es wirklich thun, sie mochte wollen oder nichts und es waren leuchtende blaue Augen, aus denen Liebe und Leben sprühtenglauben Sie, daß ich mich aufs Lügen verstehe? Nein! Denn so deute ich mir Ihr leises Kopfschütteln; nun, denn lüge ich auch jetzt nicht, wenn ich Ihnen sage, daß auch ich manchem Mägdlein in die Augen geschaut und hier und da auch eins geküßt habe aber so riesig, riesig lieb gehabt habe ich bis dahin noch keine, d. h. so, daß das ganze Herz mitgeht, wenn ich mir diese Liebe ausreißen wollte. Wer jetzt ist es so. Und hier sitze ich neben Dir, Gerda, ich Johann Siegfried Möller, Landschafts­maler, und frage Dich, Du süßes, reizendes, wonniges Mädel: willst Du mich haben?"

Sie hatte gar nichts sagen können vor Glück; die Quelle schien ihr nur unheimlich laut zu rauschen, und der Specht, oer da im Forst einen Baum anschlug, der mußte mit einer Axt arbeiten. Und schließlich sand sie sich in seinen Armen wieder, wie sie halb erstickt sagte:Herrgott, ja!" Und er zog ihr den Pfeil aus dem Haar.Wie bist Du süß. Du liebliches Mädel Du! Machst Du es mir. zu Ehren immer los?" Es wurde an jenem Sommertage sehr spät, ehe sie nach Hause kam. Wer ihr Buch und ihre Stickarbeit mit den Rosen hatte sie an der Quelle liegen lassen.

Als der Maler am nächsten Tage kam, um um Fräulein Gerdas Hand anzuhalten, da sahen Vater und Mutter gar nicht sehr zuvorkommend aus. Er stand breitspurig, kräftig, gesund, ehrlich vor ihnen, und versprach, alles, was sie wollten. Endlich sagte der Vater:Nehmen Sie's mir nicht übel, wenn ich Ihnen sage, daß Ihr Vertrauen mich ehrt, und daß ich sehr gern glaube, daß Sie in meine Gerda sterblich verliebt sind! Das genügt mir aber beides nicht. Ich kann meiner Tochter nichts mitgeben, und Sie haben nichts und sind nichts, worauf Sie heiraten können. Ruhig! Ich kenne das, was Sie sagen wollen! Also: wenn Sie bis heute übers Jahr mir aufzeigen können, worauf Sie Ihr Haus bauen wollen Hann soll's gelten! Am 15. August nächsten Jahres' ist mein Mädel wieder frei. Ich will Ihnen das Schreiben Nicht durchaus verbieten, denn das würde am Ende nichts nützen; aber mein Wort gilt! Am 15. September nächsten Jahres schicke ich mein Mädel nach Chieago zu ihrer Tante Tilly. Gott befohlen! Und hoffentlich erlaubt Ihnen Ihr Fuß bald zu reisen."

Damit mußte er gehen. Der Vater war von einer ge­wissen ruhigen Grobheit, die Tochter und Schwiegersohn gleichmäßig imponierte. Als dieser Abschied nahm, hätte er Gerda beinahe umgebracht; es war wieder draußen au der verschwiegenen Quelle und auf ihre sehr atemlose Frage:Wer wie kommen wir bloß zusammen?" hatte er nur geantwortet:Liebe vermag alles!" Und jeder Brief schloß nach tausend Liebesschwüren mit demselben Wort.

Ach Tu lieber Gott!" seufzte Gerda wieder und trat vor den Spiegel; und gerade wie die Mutter zum dritten Male rief, schon etwas sehr ungeduldig, da flog das Töchter­lein, ohne ihrer zu achten, an der Küchenthür vorbei aus die Hausthür zu, an der eben der Postbote klingelte. Er lachte verschmitzt:Hier Fräulein!" Seine Handschrift! Und auf einem Holzkistchen. Der Bote bekam einen ganzen Groschen. Gerda stürzte auf ihr Zimmer.

Ach was!" sagte sie,Mutter kann warten mit der Hammelkeule!" Ihre Wangen glühten, ihr Busen flog. Wie pink die feinen Finger waren! Jetzt hob sie ein großes!

Osterei aus dem Kistchen; weiße, köstlich bemalte Seide überzog es; sein Werk! Sie küßte das meisterhafte Werk der Rosen mit heißen Lippen. Im Ei lag ein Brief. Sie riß ihn auf und las und las sie griff mit einem Male hinter sich und fuhr mit der anderen Hand ins Haar und riß den Pfeil heraus wozu? dann legte sie beide Hände an die Stirn und wie ein Reh eilte sie un­gestüm den Gang hinunter, sprang die Treppe hinab und brach wie ein Sturmwind in die Küche, daß die Mutter vor Schreck die Spicknadel fallen ließ:Herrgott, was ist los? Mädel, wie siehst Du aus?" Das dunkle Haar wogte in langen, üppigen Strähnen um das bleiche Gesicht:Lies doch, Mutter, lies!"

Sie stützte sich rücklings mit beiden Händen auf den Küchentisch und senkte das Haupt, daß ihr Haar ihr Gesicht flutend verhüllte. Ihr Atem ging schnell. Die Mutter las halblaut:Fröhliche Ostern, Geliebte! War einst so stolz auf meine Freiheit, nun bin ich gründlich eingefangeu, von Dir! Und sonst noch! Habe mein Zeichenlehrerexameu ge­macht und trete am 16. April in Quedlinburg am Gym­nasium an; Möchte aber vorher gern Hochzeit machen. Kauu'I denn wohl in acht Tagen sein? Hnrrah! Und morgen komme ich! Liebe vermag alles."

Da Huben unten im Dorf die Glocken an, die das Oster­fest einläuieten. Gerda hob die Hände, warf das Haupt zurück und ries jubelnd:O mein Gott! Die Glocken läuten so hell!"

(Nachdruck verboten.)

Tobias Breeden.

Von Luise Westkirch.

de

Tas Wort traf den kräftigen Alten dergestalt, daß er schwankte wie ein Birkenstämmchen im Sturm.

; Wat seggt Se da? Ebba! Min lütt' Ebba!"

Es stieg ihm heiß in die Augen, in die Kehle. Dm Mutter mutzte es doch wissen!

,Ja, dat's so", nickte die Frau, schloß die Thür und tauchte zurück in Dunkel und Sturm.

Zähneknirschend starrte der alte Mann zum Himmel. Un die auch zu Grund gerichtet! Die auch M schänden gemacht! ,So'n smucke, leeve Deern! Un keine Vergeltung bei dir, Gott im Himmel!"

Es litt ihn nicht mehr in seiner sturmum'heulten Wohnung. Er setzte seine Mütze auf und ging ins Dors &Ur Im Thürrahmen von des Eschenwirts J

er wie versteinert stehen: Trina bediente die spärlichen Gälte cVfrm schoß es siedend heiß durch den Sinn:Wenn een' von de Argenssche Fruensküe nütz richtig inn Koppe is, denn is dat nick Ebba."

Sich fassend, trat er ein.Sich, süh, Trina! All wedder mal! Ick segg, de Welt is lütt!"

Die Frau is meine Pate, Tobias Breeden. Än mit

*) dämmerig.

(Fortsetzung.)

Ter alte Mann ballte die Faust.Wo wo heiß

Keerl sick verkrupt?"

Ick weih nich."

O, Mäken, heft di denn nich na em nmsehn?"

Nee. Ick harr' Angst." Sie begann wieder unruhig hiiiter sich zu schauen und rechts und links.Du mußtest das wissen, Tobias Breeden. Un nn adjüs. 's wird all schummerig *) Und mir läuft der Tod Übers Grab. 5mb meiner Tage nicht gewußt, was Angst war. Un nn hab ich Angst immer, immer, so lang als Jan ^urgens! lebt .Adjüs! Wjüs auch, Tobias Breeden."

Scheu, flüchtig, wie gejagt huschte sie hinaus. Er um­schloß den Zettel mit seiner Hand und dachte nach.Wo, wo krieg ick em to säten?" . B

Bald schon klopfte es an der Ttzür Mutter Marinkas! schwarzumrahmtes Gesicht schaute herein.

Is mten pochier hier west, Nahber?'

"Wat ^se ent ook verteilt hett, Tobias Breeden, dar is nix achter. Bersteiht he?" Die Frau fuhr sich mit bezeich­nender Gebärde über die Stirn.Se is nich richtig in'u