Ausgabe 
29.1.1902
 
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Tanz, der gerade abgebrochen werden soll, noch einige Mi­nuten währen lassen kann.

Meistens wird auch diese Aufgabe mit einem Ernste ausgeübt, als ob es sich um Dinge handelte, davon das Wohl und Wehe vieler abhängt, und Vortänzer, wie der schmucke Gardeoffizier, Herr v. Leipziger, der auf den Festen am Berliner Kaiserhofe dieses Amtes waltet, werden auch gewiß nicht bereuen haben, daß Mutter Natur sie mit gesell­schaftlichen Talenten ausgestattet.

Beim Kotillon lockt ein reicher Sternenhimmel glänzen­der Orden, und niemand erhält deren soviel wie der Ordner. Auch hier hat der Luxus der Neuzeit seine mächtigen Hebel angesetzt. Aus Metall gestanzte und mit Glasimitatiou be­setzte Komturkreuze und Sterne sind vielfach an die Stelle unserer alten bescheidenen, mit Flittergold beklebten pa- P.iernen Ballauszeichnungen getreten, sodaß der Schein der Wirklichkeit täuschend nahe kommt, und man beschränkt sich auch keineswegs mehr auf Phantasiedekorationen: sondern die Fabrikanten langen mit flottem Griffe in den Ordens­schatz exotischer Staaten hinein und stellen Dekorationen wie den chinesischen Ordenvonk doppelten Drachen", den persischenSonnenorden", dasstrahlende Kreuz von Sansi­bar", das abessinischeSiegel Salomonis", den japauesischen Ordender aufgehenden Sonne", oder denChryscmthe- mumorden", den siamesischen Ordendes weißen Ele- phauten" oder der siamesischenKrone" großweise zur Ver­fügung. Auch die europäischen Staaten und 22 Königreiche und Fürstentümer sind vor dieser Plünderung nicht sicher.

So konnte ich bei einem Händler unter den Vorräten für die diesjährige Saison in allerliebster Ausführung bei mäßigen Preisen so ziemlich die wichtigsten Orden Europas, z. B. den Danebrogorden, das griechische Erlöserkreuz, Eng­lands blaues Hosenband, den Stern von Indien, Italiens Annunziatenorden, den niederländischen Löwen, Oesterreichs goldenes Vließ und Eiserne Krone, das russische Andreas­kreuz, natürlich auch den Medschidschije und den Saukt- Savaorden Milans seligen Angedenkens, ja sogar Preußens schwarzen Adler und Pour le merite, merkwürdigerweise aber nicht den Roten Adlerorden in seinen unzähligen Varia­tionen aus sauberstem Papier-Machö oder Celloidin ge­prägt sehen.

Darf man den iveiteren Schicksalen dieser Balltrophäen nachspuren, so zeigt sich noch eine weitere AehnlMett der­selben mit ihren echten Kameraden, welche bekanntlich nur verliehen" werden und eventuell nachdem sie an die Ordens­kommission zurückgegeben sind, neu aufpoliert und vergoldet nach Jahren an einen zweiten und dritten Inhaber ge­langen. Diese Ordenskommission ist nun für die Sterne und Kreuze der Ballnacht meistens eine ausgeleerte Zigarren­kiste, aus welcher Schwestern und Cousinen des dekorierten eine Anleihe zu machen Pflegen, in jenen Fällen, wo di« Damen selber Orden zum Balle mitbringen und das vom Herrn Papa zugestandene Taschengeld für glänzende Neu­anschaffungen gar zu knapp bemessen ist. Bei aufmerksamer Beobachtung kann man dann gewahren, daß auf diese Weise ein besonders schöner und widerstandsfähiger Orden durch mehrere Ballsaisons an der Heldenbrust der verschiedensten Herren glänzt, bis er gar zu arg mitgenommen ist, um noch weiter zu dienen.

Viel kurzlebiger sind die Blumensträußchen, mit denen die Ritter des Tanzes ihre Tänzerinnen schmücken. Bier- leicht noch einige Tage lang paradieren sie im Doppelfenster der elterlichen Wohnung, als ein wenigstens in der Klein­stadt nicht ganz unbeachtetes Zeugnis der Umworbenheit ihrer Eigentümerin; aber nach wenigen Tagen, wenn ihre Pracht verwelkt ist, erleiden sie int Küchenherd den Ver- vrennungstod, wenn nicht eine mitleidige Schublade ibnen noch ein Schattendasein gewährt, in die vielleicht nach längen Zähren, einmal ein Lichtstrahl und ein Blick der einstigen Ballkonigin fällt, an den sich oft genug hundert süß-schmerz- ltche und wehmutsvolle Erinnerungen an eine längst ent­schwundene Zeit der Jugendhoffttungen knüpfen mögen, die tue tn Erfüllung gingen.

Jedenfalls hat die alte gute Sitte der billigen und zu nichts vervilichtenden Kotillongeschenke unendlich viel mehr

cW die kostspieligen Damenspenden der heutigen Elttebälle und die krhstallenen oder silbernen Geschenke, Welche bei Ballfesten in manchen reichen Häusern schreiend

zu verkünden scheinen, daß man es hier ja dazu hat. Esj ist dies das widerwärtige Prunken mit dem Reichtum, Witz es durch die amerikanischen Milliardäre groß gezogen wor­den ist und auf dem Umwegs über das stets nachahmungs­bereite Paris auch hier und da in Deutschland Eingang gefunden hat. Wirkt es aus diejenigen Familien, die nicht entsprechend mttmachen können und wollen, eigentlich wie ein Vorwurf, so erhöht es gewiß auch in den Kreisen der Reichbegüterten keineswegs das Vergnügen, und ist das sicherste Mittel, die Freuden des Balles zu so kostspieligen zu machen, daß der mäßig bemittelte seinen tanzfreudigen Töchtern das Vergnügen auf ein oder zwei Male im Winter beschränken muß.

Unsere Eltern und Großeltern waren jedenfalls in diesem wie in vielen andern Punkten größere Lebenskünstler als wir anspruchsvollen Kinder der Gegenwart, denen auch auf dem Gebiete der Ballfreuden durch die Sucht, die Gewohnheiten der sehr Reichen nachzuahmen, immer neue Luxusbedürfnisse künstlich anerzogen werden. Aber wo es auch fein möge,; ob in den palastartigen Räumen der Berliner Philharmonie, des Wiener Rathaussaales, des Kölner Gürzenich oder in den bescheidenen Hotelsälen der kleinen Städte und in Privaträumen: immer kann man gerade bei den Touren des Kotillons beobachten, daß der Mensch der Jetzzeit im Grunde genommen doch nicht so blasiert ist, als er sich den Anschein zu geben sucht. Jugendfrohsinn und Lebenslust durchbrechen hier noch immer zum Heile der tanzlustigen jungen Welt die herkömmlichen Schranken, und manches süße Geheimnis, das beim Kotillon sich anspann, findet seine Fortsetzung tags darauf auf der spiegelnden Fläche der Eisbahn, bis am Osterfeste eine goldgeränderte Berlobungs- anzeige vermeldet, daß der eigentliche Leiter des KotillonH Gott Amor war.

Vöglein im Schnee.

Vöglein sitzt auf schwankem Ast, Blickt sich staunend um Weiße Flocken ohne Rast Fallen rings herum.

Dicht und überall zugleich Sie hernieder weh'n Solche Federn, zart und weich, Hat's noch nie geseh'n-

Prüft sie mit dem Schnäbelein Spielt damit zum Scherz, Bis vor Schreck, dem Vogel klein Bang doch pocht das Herz,

Immer dichter deckt sich's weiß Ueberall o weh!

Hänschen sieht vom dürren Reis Seinen ersten Schnee.

Wie er zu die Körnchen deckt, Alle, weit und breit Jedes Krümchen tief versteckt Nun kommt schwere Zeit!

Und die klugen Aeuglein fleh'u

In der großen Not:

Menschenkind, hast du's geseh'n?

Bitte, gieb mir Brot!

Und das große Menschenkind

Nickt dem Vöglein zu:

Nur nicht bange so geschwind Hab ich, hast auch du!

Anna Theiß (Alzey).

Wortspiel.

(Nachdruck verboten.)

Schoa, Torte, Emil, Ruh, Siam, Salbe, Duo, Riese.

Von jedem der vorstehenden Wörter ist durch Umstellung der Buch­staben ein anderes Hauptwort zu bilden. Die Anfangsbuchstaben der neuen Wörter müssen im Zusammenhang einen großen Entdecker bezeichnen.

(Auflösung in nächster Nummer.)

Auslösung des Anagramms in vor. Nr.: Nische Schein.

Redaktion: E. Burkhardt. Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen UniversttätS-Buch- und Steindruckerei (Pietsch Erben) in Gießen.