63 —
Der Schmerz aber hatte sich an Clarita gerächt. Leise war er ihr nachgeschlichen durch Länder und Meere, und hatte nicht geruht, bis er sie gefunden, und sich hineingebohrt in ihr Herz^ Dort innen saß er nun tief und fest. Er war's, der ihr jetzt den Ausruf auf die Lippen drängte: „O, Feodor — wie gern möchte ich sie sehen, und kennen lernen Eure weite unendliche Steppe! Mit Ihnen möchte ich sie durchjagen auf schnellem Pferde, wie ich es einst in meiner fernen Heimat zu thun pflegte- Es wäre reiches Glück für mich- Ich hatte mich! mit Ihnen so sehr auf die großartige Einsamkeit drinnen im heiligen Rußland gefreut! — Ich wünschte, Frau v- Ornatoff ließe mich mit Ihnen und Lisavetta dort hinziehen, damit Sie daselbst Ihre Ferien verbringen könnten, wie Sie es so heiß wünschen. Ich wollte über Sie wachen, Sie hüten, für Sie sorgen, wie besser es Ihre Mutter selbst nicht Vermöchte."
„Wollten Sie das wirklich, mein liebes Fräulein?" sagte da plötzlich Wera's Stimme; sie klang diesmal nicht scharf, sondern weich, melodisch, und der launenhaften Dame Blick ruhte dabei auf ihres Knaben leuchtendem Gesicht.
Sie hatte seine Schilderung gehört, sein Geplauder voller Sehnsucht belauscht. Unbemerkt war sie in die Stube eingetreten, ungehört über den weichen, dicken Teppich geschlichen bis hinter Clarita's Stuhl. Diese wandte sich bei der unerwarteten Frage hastig um, doch Verlor sie ihre Fassung keinen Moment.
Lisavetta sah scheu ein aufziehendes Gewitter voraus- Feodor staunte verwundert, etwas starr seine Mutter an, Clarita aber erwiderte ruhig: „Gewiß, gnädige Frau, ich würde nach besten Kräften mein Wort wahr machen- so Sie Ihr Kind meiner Obhut anvertrauen, und uns die Ferienreise gestatten wollten."
„Gut — es sei!" antwortete Frau v- Ornatoff gelassen. „Ich vermute, daß Sie gern eine Reise ins Innere Ruß- Imio un tern ehmen?"
„Es ist dies ein heißer Wunsch von mir", bestätigte Clarita.
„Nun wohl — Sie sollen Ihren und Feodors Wunsch erfüllt sehen. Ich vertraue Ihnen meinen Knaben an Lisavetta mitsamt der alten Düslots mögen Sie gleichfalls mitnehmen- Sie werden bei der kleinen Reisegefell- schaft mich vertreten, Mademoiselle de la Para, und ich darf erwarten, diese Mission von Ihnen gewürdigt zu sehend
(Fortsetzung folgt.)
Kotillon.
Eine Ball- und Tanzplauderei, Bon Helmut Giese.
(Nachdruck verboten.)
Nachdem man sich in protestantischen Ländern schjon durch die letzten Herbstzeiten und den Winterbeginn durchgetanzt hat, tritt mit dem neuen Jahre und dem Drei- königstage auch in den katholischen Gegenden der Fasching mit seinen Freuden in volle Geltung. In den Tagen —i oder richtiger gesagt, in den Nächten, während welcher draußen im Freien der Winter mit unerbittlicher Strenge herrscht, entwickelt sich in den glänzend erleuchteten öffentlichen Festsälen und in den Prtvaträumen jener, die ein gastliches Haus führen und heiratsfähige Töchter haben, das rauschende Treiben des Karnevals. Alte, würdige Ballväter mit den an einem Goldkettchen aufgereihten Mtntatur- orden am Kragenumschlag, die froh sind, wenn sie sich sobald wie mögliche in ein verschwiegenes Seitenzimmer bei einem Glase Bier zu einer Skat- oder Whistpartie drücken können; Ballmütter, bekümmerten Hennen vergleichbar, die orgenvoll über die ersten Schritte ihrer Küchlein auf dem glatten Parkett wachen und zurzeit vielleicht keinen sehnsuchtsvolleren Wunsch haben, als daß ihr Töchterlein auch amtliche Nummern der Danzkarte besetzt hat. Und mitten >rin im Brennpunkte des ganzen Festes diese Küchlein selber, teils stolze, anspruchsvolle Schönheiten, welche in dem, erhabenen Selbstgefühl der Präsidententochter dem demütig vor ihnen stehenden Referendar, der ja seinen Pflichttanz abmachen muß, mit herablassendem Kopfnicken den erbetenen Tanz gewähren, teils bescheidene Veilchen und Tausendschönchen,, mit denen der von Vorgesetztengunst unabhängige
junge Tänzer die köstlichsten Viertelstunden verplaudern kann, die oft zum Anknüpfungspunkt eines Bundes fürs ganze Leben werden. Allüberall aber gerötete Wangen, lachende Gesichter, glänzende Augen und jugendsrohe Lebenslust, die ihren Höhepunkt erreicht, wenn der Tanzordner das Zeichen zum Beginn des Kotillons giebt, bei dem die herkömmliche Förmlichkeit unserer Bälle in besserenGesellschasts- kreisen einer gewissen Vertraulichkeit weicht.
Wenn der Kotillon heute den Schluß und nach dem Gesetze der dramatischen Steigerung den Gipfel der Tanzfreuden bildet, so begann man zu Ludwigs XIV. Zeiten mit ihm den Ball, sodaß er also ungefähr die Rolle der heutigen Eröffnungspolonaise spielte. Man führte ihn damals mit einer beliebigen Anzahl Personen — zum mindesten aber mit acht Paaren in der Art aus, daß man mit einer großen Ronde begann, an die sich eine oder mehrere Quadrillen- touren (Chaine en quatre, Croisse), anschloß, nach welchen jedesmal um den Saal herumgewalzt wurde. Das vortanzende Paar fügte daran andere, möglichst überraschende Touren, welche der freien Phantasie und der galanten Erfindungsgabe reichlichen Spielraum ließen, und indem man in diese Touren kleine Maskeraden, Scherzspiele, Veralt reichung von Orden, Bouketts und anderen, kleinen Geschenken nach freier Wahl der Tanzenden einführte, wurde der Kotillon zu dem, was er heute ist, nämlich zu jenem! Gesellschaftstänze, bei dem man sich nicht erhitzt, sondern im Gegenteile nach den gern ertragenen Ballanstrengungen soweit abkühlt, daß man ohne Gefahr der Erkältung durch die frostige Winternacht nach Hause gelangen kann. Er gestaltete sich aber dabei gleichzeitig auch zur reizvollen Gelegenheit, wobei sich die Beziehungen gleichgestimmter Seelen am besten anspinnen, und bei welcher Herren und Damen in taktvoller unaufdringlicher Weise kundthun können, wen sie bevorzugen, und wo schließlich auch Raum vorhanden für die praktische Ausübung des Sprichwortes: „Was sich, liebt, das neckt sich."
Haben Sie sich, meine verehrten Damen, schon einmal die Frage vorgelegt, woher der gewiß auch von Ihnen bevorzugte Kotillon seinen Namen erhalten hat? Eigentlich ist es schrecklich, dieses Thema zu berühren; aber der gewissenhafte Geschichtsschreiber darf auch vor der Mitteilung nicht zurückschrecken, daß cotillon, im Mittellateinischen cotta, cote, Kutte nichts anderes ist als die Kleiderschicht, welche! Sie zunächst unter Ihrem von Atlas, Seide und Zephyr- stoffen schimmernden Ballkleide tragen, also auf gut Deutsch der „Unterrock". Der Kotillon ist nämlich! schon in den fernen Zeiten des frühen Mittelalters entstanden, wo «teilt in vielen Beziehungen, besonders aber im gesellschaftlichen Leben viel harmloser und urwüchsiger war, und während die Damen von Anno dazumal beim Tanzen die Spitzen ihrer Gewänder graziös lüfteten, wie sie es auf einem Bilde von Watteau und anderen Verherrlichern des Rokokko und an eien regime sehen können, sangen sie ein SchelmeM liedchen, dessen Verse auf den Kehrreim ausgingen:
Ma commere, quand je danse, Mon cotillon va-t-il bien?
Frau Gevatter, läßt beim Tanze Meinem Kotillon nicht schön?
Der Ordner des Kotillons gehört, wenn er nicht schnöderweise eine gemietete und bezahlte Kraft ist, was in Er- mangelung eines besseren auch zuweilen der Fall ist, zu den bevorzugtesten, aber auch zu den am meisten gequälten Personen der Welt, in der man sich vergnügt.
Besonders, wenn der mit den entsprechenden gesellschaftlichen Talenten begabte junge Herr von der Gastgeberin mit der stereotypen, sanft und berückend geflöteten Redensart: „Nicht, wahr, Sie sind doch so liebenswürdig, die Sache wieder in die Hand zu nehmen", auch mit betn! Oberkommando über die anderen Teile des Hausballes betraut wird, ist er eine Art höfischer Ceremontenmeister, ein ausgleichendes Element, dem es obliegt, aus der Herreninsel und den Gruppen der tanzfaulen, blasierten Eckensteher mit Kennerblick die Opfer herauszufischen und zu den Mauerblümchen zu dirigieren, deren Tanzkarte noch eine gähnende Leere aufweist. Er ist dadurch aber auch für die Tauer der schnell verrauschenden Festesstunden eine Macht, mit der selbst die junge Damenwelt rechnen muß, ein König in seinem Reiche, der Wer den Klavierspieler und die Kapelle! gebietet, uno aus einen bittenden Blick aus schönen Augem deren Besitzerin sich! eben im feurigen Walzer wiegt, den


