62
XIV.
Ins innere Land.
Die Hoffnung stehet mit mir auf Uud legt sich spät mit mir zur Ruh', Sie hemmet meiner Thränen Laus Und flüstert heimlich Trost mir M- Mly Gregor.
„Heilige Theodosia von Kiew, wie langweilig dies hier ist in den engen Zimmern! Ich vergehe vor Sehnsucht nach der freien Steppe, nach meinem lieben Ornatoffsko!" Es war Feodor, der so klagte in kindlichem Unwillen und Verdruß über die Enttäuschung, welche ihm selbigen Tages geworden. Gr hatte so sicher darauf gerechnet, die Ferien draußen auf dem Lande zu verbringen, daß er die Erklärung seiner Mutter, sie würden in der Stadt bleiben, vorerst überhaupt nicht mehr nach Ornatoffsko gehen, gar nicht zu fassen, nicht zu begreifen wußte. Und koch sollte er sich oarein ergeben.
Seine Mutter war entschlossen- „Sprich mir nicht von Ornatoffsko!" hatte sie seiner Bitte heftig entgegen- aesetzt; „nur daran zu denken, macht mich krank! Was sollten wir dort in der Steppeneinsamkeit? Ich würde mich langweilen zum Sterben- Auch für Dich wird Petsrs-
Feodor sprang munter ihr zu. Auch Nikolai trat zu der kleinen Gruppe, indes einzig, um einen Blick aus das erwähnte Bild zu werfen, und sich dann Clarita zu nahen-
Sie konnte ihm nicht ausweichen. Fetzt hatte sie es gern gethan, obgleich er ihr persönlich keineswegs uw- angenehm war. Ja, es hatte sogar eine Zeit gegeben, wo sie sich geneigt gefühlt, gerade dieses Mannes Freundschaft zu würdigen, ihm zu vertrauen, jedenfalls zu versuchen, durch ihn etwas über Alexis zu erfahren. Immer jedoch war ihr eine daraus bezügliche direkte Frage auf den Lippen erstorben. Zuerst hatten seine ihr etwas unverständlichen, unklaren Beziehungen zu Frau von Orna- toff sie zurückgehalten — später that dies die Furcht, seine Aufmerksamkeit mehr und mehr zu erregen-
Gott wußte, wie sehr Clarita solche Aufmerksamkeit scheute, und heute mehr denn je, seit sie den heißen Strahl seines Auges gesehen, der ihr mehr noch verraten, als sie befürchtet. Nikolai Karin durfte, und sollte sie nicht lieben. Sie empfing ihn kalt, gleichgiltig. Er schien innerlich erregt, gewann jedoch bei ihrem kühlen Wesen bald die gewohnte ruhige Selbstbeherrschung wieder- Er versuchte eine Unterhaltung, zerstreut hörte sie ihm einige Minuten zu, wobei sie ersichtlich mehr auf die jugendliche Gruppe um den Tisch achtete. Sie machte den Sprecher auf Lisavetten's musikalisches Talent aufmerksam, und zog sich mit einer flüchtigen Entschuldigung, häusliche Pflichten vorschützend, zurück-
Frau Wera hatte sich die ganze Zeit über mit ihren Freundinnen und Freunden lebhaft unterhalten, trotzdem war ihr der kleine Vorgang keineswegs entgangen. Innerlich erzürnt, weil Nikolai Pawlowitsch sich ihrer Unterhaltung nicht anschloß, hatten ihre unruhigen Augen ihn verfolgt, und nicht einen Moment ganz aus dem Gesichtskreis verloren. Dabei hatte auch sie mehr gesehen, als ihr lieb war. Krampfhaft zog sich ihr Herz zusammen, und während ihre hochmütigen Lippen lächelnd die gleichgiltigsten Dinge behandelten, sagte sie sich voll {stühender Leidenschaft gleichfalls innerlich: „Er darf, er oll jenes blasse, stolze Mädchen nicht lieben! Ich kann, ch vermag ihn nicht zu verlieren — ihn — den zu erringen ich soviel — selbst meiner Seele Ruhe geopfert!" "Ganz das gleiche wiederholte die beunruhigte Frau sich noch öfter in der tiefen Stille der folgenden Nacht, während sie voll rastlosen Unbehagens in ihrem prunkendem Schlafgemach auf und nieder schritt, dabei die weihen Hände wie in Angst und Furcht ringend. Zuweilen streckte sie dieselben auch wie abwehrend aus, als wolle sie ein Phantom, etwas Geisterhaftes zurückscheuchen! Ihre Augen leuchteten dabei wie blendende Irrlichter, aber um ihren stolzen Mund trat langsam, allmählich wieder jener kalte, entschiedene Zug hervor, der ein selbstsüchtiges hartes Herz bekundet-
„Nein, Du wirst, Du kannst Nikolai nicht verlieren- Wera Sergewna", — sagte sie endlich, jedes Wort betonend zu sich selbst, — „Du nicht, aber diese Clarita, sie muß aus dem Wege."
bürg unterhaltender sein. Du sollst hier Deine Ferien reichlich genießen, und wenn Du in's Institut zurückgekehrt bist, gehe ich den Sommer wieder in's Ausland- Der Arzt hatte mir eine Badekur augeraten, die Nerven Deines Mütterchens sind angegriffen. Ich bedarf der Kräftigung, der Erheiterung, darum — sei gut, mein Knabe, und quäle mich nicht. Ich mag, und will von Ornatoffsko nichts, gar nichts mehr hören — also füge Dich, Lieber!" — Alle die schönen Worte verfingen bei Feodor nicht; er hörte aus ihnen nur das Nein für seinen Wunsch heraus. Gr gab das Bitten auf, ging aber trotzig davon. Sein junges Herz konnte die Sehnsucht nach all den: heimischen Freuden nicht bannen, reden mußte er wenigstens davon. Er that's bei Clarita und Lisavetta. Sie saßen in dem sogenannten Schulzimmer; auf dem Tisch rauschte! der Samowar. Clarita bereitete für die Kinder und sich den Thee. Alle drei waren zufrieden, heute aus dem Salon wegbleiben zu dürfen, Feodor aus Trotz, Lisavetta! aus Kummer, da ihre Schwester wieder einmal mit ihr schmollte, Clarita aus sinkender Kraft. Der Beschluß/ daß man nicht nach Ornatoffsko gehen werde, hatte sie! völlig niedergedrückt, alle die darauf gesetzten Hoffnungen verschwanden nun im Nebel. Statt ihrem Ziele näher, rückte sie ihm ferner, all' ihre stille Ausdauer, ihr Harren und Warten schien nicht allein vergeblich, es mochte zwecklos sein. Die Geduld wollte sie verlassen, innere! Zweifel peinigten, ihr armer Kopf schmerzte sie.
Dies letztere vorschützend, hatte sie bei der Herrin die Erlaubnis erbeten, den Abend für sich bleiben zu dürfen, Wera bewilligte gern, daß Mademoiselle de la Para! sich schone und Miß Bob deren Stelle mnnehme- Es förderte dies trefflich ihren Zweck: es war der beste Anfang, Clarita unmerklich zu entfernen, jeden werteren Verkehr zwischen ihr und Nikolai abzuschneiden. Dres, mußte geschehen, nur über das Wie war die ferne Jntrr- qantin sich noch nicht völlig klar, einstweilen redoch be- ; friedigte sie Claritas eigener Wunsch, dem Salon fern zu bleiben. Das machte sie gnädig. „Sie sehen rn Wahrheit schlecht aus, meine Liebe" sagte sie lässig — „bleiben : Sie den Abend für sich — achten Sie nur ern wenig aus ; Lisavetta, die ich heute abend nicht sehen wrll-
Der letzte Wink wurde absichtlich gegeben. Clarita verstand vollständig Wera's Egoismus. Lisavetta, das heranblühende, hübsche Mädchen, dem war dre ertle Fran nicht hold, dasselbe sollte, und mußte oft genug seins ; Abhängigkeit empfinden, um bescheiden rm Hintergrunds zu blerben. Aus Laune verbannte dre Schwester sie h.uts aus dem Salon, während sie Feodor fernes Trotzes wegen dispensierte. Es war das, was letzterm gefiel; er suhlt« sich viel behaglicher bei Clarita, der er erzählen konnte,- von allem, was man ihm jetzt versagte, und was dreser- halb seine Phantasie in noch leuchtenderen Farben sah-! Selbst Lisavetta vergaß darüber ihren Trübsinn, und er-, fragte dies und jenes über die ländlichen Herrlichkeiten von denen sie nur eine dunkle Erinnerung besaß, da sie- bisher selbst ihre Ferien hinter den Jnstitutsmauern verlebte. Madame Düflois, entrüstet darüber daß Miß Boh in den Salon war gerufen worden, hatte sich aus ihr eigenes Zimmer zurückgezogen. Clarita vergaß chreu schmerzenden Kopf, ihre schwindende Kraft, und ihres Herzens Sorge über dem Interesse, das Feodors Geplauder iür einflößte, der bis ins Detail Hinern, Ornatoffsko beschrieb, und mit Jugendlust die Wonne schilderte, auf schnellem Pferde hinaus zu jagen rn dre herrliche, weite/ endlose Stepps er eifrig, - „Sie wiss^
nicht, wie wunderbar die ftere grüne Steppe ist! Es gießt nichts Schöneres auf der Welt. O, dre Steppe, drei Steppe — man glaubt auf fernem Tiere dahrn zu fliegen/ bis wo die Sonne untergeht!"
Des Knaben Wangen hatten sich hoch gefärbt, sim Antlitz leuchtete, seine Stimme Melte, sein Geist war aanz daheim bei dem fliegenden Rrtt durch die unabsehbare Steppe. Und Clarita verstand ihn; auch sie gemachte eines Rittes auf schnellem Roß;sie in ihren spanischen Damenmantel gehüllt,, getragen von ihrem edlen Tiere an Alexis Seite in nächtlicher Stillg das schöne Land von Teneriffa bis zu dem Hafen von Vera-Cruz durchjagen voll heißer Lebenslust ernem neuen I Leben entgegen, unbekümmert um den zurückgelassenen I Schmerz,


