Ausgabe 
29.1.1902
 
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Nr. 16.

1902

Mittwoch den 29. Januar.

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oppelt lebt, wer auch baS Vergangene genießt.

Martialis.

Nachdruck verboten.

Verschollen.

Original-Erzählung von M. Ludolfs.

(Fortsetzung.)

Der Knabe blickte sie voll stolzer Befriedigung an, ihr Blick aber, den seinen verständnisvoll streifend, schweifte Wetter in dem Gemache umher, um sich zu versichern, ob ob man ihr leises Zwiegespräch auch nicht beachte.

Nein, allgemein war man von anderen Dingen in Anspruch genommen, nur einen Müßigen, einen Sinnen­den fand ihr Auge Nikolai Karin. Etwas verdeckt von einem der seidenen Vorhänge lehnte er neben einem Palmentisch still und schweigsam. Er hatte sie die ganze Zeit über beobachtet, nur ihrem Gesang gelauscht; jetzt begegnete sein Blick dem ihren, und Clarita erschrak davor bis ins Herz; denn dieser Blick, er sagte deutlich-, klar und wahr, dasselbe, was eben des Knaben Mund ge­sprochen:Ich liebe Dich, und werde Dich immer lieben!"

Es gab da kein Mißverstehen, der Augenblick hatte verraten, was bislang sorglich gehütet, und beherrscht in Nikolai's Brust gelegen, was Clarita wohl zuweilen blitzähnlich geahnt und gefürchtet, immer aber wieder ver­worfen hatte, als eine unbegründete Einbildung weiblicher Eitelkeit, lieber dergleichen mußte sie erhaben sein; keiner ihrer Gedanken durfte daran haften bleiben. So hatte sie sich gesagt. Danach hatte sie gehandelt. Nie hatte sie gesucht, gestrebt, zu gefallen im Gegenteil, sich zurück­gehalten, in Unnahbarkeit gehüllt, sobald ein oder der andere von Wera's galanten Gästen ihr huldigende Auf- rnerlsamkeit zu widmen suchte. Der Fall war wohl zuweilen eingetreten, da man die französische Gesellschafterin mit dem spanischen Typus interessant fand. Weil aber deren edles Mesen keine spielenden Artigkeiten znließ, so bequemte man sich in gewählterer Form die bescheidene Dame zu verehren, deren eigentümliche Schönheit immer mehr hervortrat, je öfter man sie sah, je länger man sie betrachtete.

Wera Sergewna war darüber längst zur Erkenntnis ihres Irrtums gelangt, jedoch zu spät, um noch eine Aeuderung herbeiführen zu können; denn Claritas Be­scheidenheit war tadellos sie konnte nicht daran mäkeln, deren Wesen war zu fein und edel, als daß sie dem gegenüber ihre kleinlichen Nörgeleien hätte entfalten können. Sie wußte es selbst kaum warum, aber sie konnte Made- mvlselle de la Para nicht behandeln wie Lisavettens Gou­

vernanten Madame Düflois und die englische Lehrerin Miß Bob. Endlich waren Claritas Leistungen auch so aus­reichend, daß sie selbe ungern in ihrem Salon vermißt haben würde, schon deshalb nicht, weil Claritas Talent dieselbe sicherlich rasch in einen anderen Salon der vor­nehmen Welt geführt hätte, wohin ihr vielleicht Nikolai Karin gefolgt Ware! Wera litt bereits innerlich aus Eifersucht, diese machte sie scharfsichtig, und ängstlich zu­gleich. Oft schon hatte sie auf dem Punkte gestanden, die ahnungslose Clarita zu entlassen, immer aber wieder sich damit begnügt, statt dessen ihre übrige Umgebung- durch Launenhaftigkeit zu quälen, und Karin zu beobachten. Es deuchte ihr leichter, die Eifersucht zu ertragen, Nikolai aber in ihrer Nähe festzuhalten, als es zu riskieren, daß derselbe andere Gesellschaftskreise aussuche. Diese Ge­danken und Erwägungen hatte Clarita freilich bisher noch nicht erraten, sie hatte nur zuweilen, wenn sie nicht umhin konnte, ihr gezollte Rücksichten anzuerkennen, Weras Unmut und Rastlosigkeit bemerkt. Doch weniger deshalb, als ihrer selbst wegen, erwuchs dadurch in ihrem Innern eine gewisse Unruhe.

Als Alexis Gattin mußte jede huldigende Werbung sie eher beleidigen als freuen, andererseits jedoch durfte Mademoiselle de la Para, für welche die Welt sie noch hielt, darüber zürnen? Das Geheimnis, in das sie die Wahrheit gehüllt, warf auch hier in bitterer Folgerung seine Schatten, die sie bedrückten, sie unsicher machten.

Sie konnte den errungenen Platz nicht fliehen, sie vermochte nur sich in kühle Zurückhaltung, in abweisende Kälte zu hüllen, mehr noch, sie wählte absichtlich weniger vorteilhafte Toiletten, und wenn sie auch in heroischer Selbstverleugnung nicht soweit ging, wie jener etruskische Jüngling, von dem die alten Sagen erzählen, daß er weil um seiner Schönheit tvillen jedes Weib für ihn in Liebe erglühte sich selbst das Antlitz durch Wunden verunstaltete, so that sie doch, jeder weiblichen Eitelkeit entgegen, alles, was in ihrer Macht stand, um ihrs ganze Erscheinung möglichst unscheinbar zu machen- Für ihren Zweck mochte dies das richtige Mittel sein, einen: Kreise oberflächlicher Menschen gegenüber. Zu jenen ge­hörte aber Nikolai Pawlowitsch nicht. Er fand gerade durch jene anspruchslose Bescheidenheit Clarita nur um so schöner, doch noch in innerm Zwiespalt mit sich selbst, hielt er sich fern von ihr. In edler Zurückhaltung hatte er bisher das, was in ihm erwachen wollte, zu unter­drücken oder doch zu verbergen gestrebt, bis heute sein sprechendes Auge das Gefühl seines Herzens verraten. Clarita völlig bestürzt dadurch, wandte sich hastig ab, und das Piano mit bebender Hand schließend, versuchte sie gleichmütig mit Feodor weiter zu plaudern, doch des Knaben Aufmerksamkeit war inzwischen von Lisavetta m Anspruch genommen worden, die sowohl ihm, tote Herr von Karin zurtef, ein. Älbumblatr in Augenschein W nehmen-