Ausgabe 
28.11.1902
 
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genossen durchführt, hak uns Fritz Mau Muer in (e kn em über alles köstlichem BucheNach berühmten Mustern" und Brei Harte in denKondensierten Novellen" gezeigt. Tiefe beiden modernen Schriftsteller wurden zwar weniger bissig, dafür aber um so deutlicher, witziger, kürzer und schlagen­der. Sie wollten ja aber auch nicht den moralisch Ent­rüsteten spielen, sondern geistreich unterhalten, das heißt Humoresken schreiben, Karrikaturen zeichnen. Hauff be­müht sich dagegen, einfach nUr eine Geschichte ini dama­ligen Stile der elegant-frivolen Tagesromane zu bieten, Und hat dadurch feinen Zweck verfehlt. Was jedoch dem Satiriker nicht ganz gelang, gelang dem Pamphletisten um so besser. Ter Dichter mochte wohl selbst zu der Einsicht gekommen sein, daß feinMamv im Monde" das Ziel nicht getroffen habe, und daher das Bedürfnis empfinden, noch etwas eindeutiger zu werden. Dies that er in seiner mit Recht berühmtenKontroverspredigt", die mit zu dem Treffendsten zählt, was jemals über Modeschriftstellerei und Liebedienerei mit der Masse, über den Geschmack und die Bedürfnisse des Turchschnittspublikums gesagt ist. Scho­nungslos wird hier mit tiefem Verständnis von dem Wesen wahrer Kunst und mit echtem Tichterunmut, mit heiligem Ernst und flammender Liebe zum Guten, Schönen und Wahren die erbärmliche Mache gewisser Vielschreiber und ihr billiges Spekulieren auf die menschlichen, allzu mensch- lichen Schwächen der großen Lesewelt bloßgelegt. Solche Leute gießt es zu allen Zeiten. HauffsKontrovers- predigt" hat daher Ewigkeitswert.

Als Ganzes vermögen ferner die gleichzeitig mit dem Mann im Monde" entstandenenMemoiren des Satans" ebenfalls nicht recht zu befriedigen. Wir vermissen hier vor allem die künstlerische Geschlossenheit. Als Form ist ein­fach die Formlosigkeit eingesetzt. Und das kann natürlich, rein ästhetisch betrachtet, niemals hingehen, so geschickt der Verfasser auch sonst das Skizzenhafte des Werkes als Tage- buchblätter des Teufels zu begründen und den vermeint­lichen Herausgeber durch fingierte Einleitungen unb An­merkungen zu markieren versucht. Seinen Hauptzweck, die derzeitigen Verhältnisse in mehr oder weniger parodisti­schen Silhouetten zu zeichnen urid typische Gegenwarts­bilder in leichter Verzerrung zu geben: also Kritik und Glossar zu den sozialen Zuständen jener Kulturperioden zu liefern, ist im ersten Teil derMemoiren" noch am besten gelungen. Tie famosen Schilderungen des Stu­dentenlebens beruhen auf eigenen Anschauungen. Weniger geriet dagegen die Persiflage auf die bessere Gesellschaft. Tie Stellen, wo Satan den ewigen Juden, den er zufällig im Berliner Tiergarten getroffen, des Weitläufigeren instruiert, wie sich dieser bei dem ästhetischen Thee benehmen soll, und wo der ihnen als Führer dienende Dichter das geist­reichelnde Gethue und das ganze Milieu der Berliner Salons beschreibt, sind ja gewiß sehr ulkig. Leider hält aber nachher der Verlauf des Thees selbst nicht ganz das, was in der Einleitung versprochen wurde.

Hauffs Humor ist in denMemoiren" im ganzen noch ziemlich äußerlich und erreicht nicht die Tiefe und Schwer­kraft, wie später imLichtenstein" und in denPhanta- fieen". Er witzelt die Gegenstände mehr an, als daß er sie humoristisch durchleuchtet. Ten satten, urwüchsigen Humor, die humoristische Stimmung, und nun gar den in eine leise Lebenstragik ausklingendenHumor unter Thro­nen" kennt er hier noch nicht. Dafür ist aber feine komische Art sehr amüsant, feine Pointen eben als Produkte intellek­tueller Ueberlegenheit geistreich und schlagend. Er findet das Komische, Lächerliche, Widersinnige, ja, Perverse sofort an den Dingen Heraus, präpariert es mit leichter Hand und reicht es seinem Publikum unter einem Vergrößerungs­glase dar. Weil übrigens dieMemoiren" wegen der viel­fachen Anspielungen auf zeitgenössische, heute nicht mehr allgemein bekannte Litteraturwerke durchaus gebildete Leser verlangen, so finden sie in unseren Tagen kaum noch ein großes Pubnkum.

Tie kunstfreudige Menge pflegt sich lieber au seine übrigen Dichtungen zu halten, an seine für alle Zeiten dem Wolke zugehörigenMärchen", an den trotz offenkundiger Schwächen liebens- und lobenswertenLichtenstein" und an seineSkizzen" undNovellen". Hauff gehört hier zu den jüngeren Romantikern, die von den Wunder-Erzähl­ungen und Legenden des Mittelalters sich mehr zur realen Menschheit, zur Gegenwarts-Gesellschaft wenden und statt des äußerlich Wunderbaren, den Schwerpunkt auf die

Regungen und Gegenregungen des Seelenlebens, des innerlich Wunderbaren, legen. Als die weitaus beste aller Hauff'schen Novellen mußDas Bild des Kaisers" gelten. Sie 'gehört durch die Abgeklärtheit und Grazie ihres Stils und die Reife in der künstlerischen Turch^- führung, durch ihre wundervolle sprachliche Form und inner­lich folgerichtige Komposition neben wenigen Schöpfungen von Tieck, Hoffmann, Gottfried Keller und natürlich Goethe zu den schönsten Leistungen in deutscher Prosa. Sein auch sonst bethätigtes eminentes Geschick, das Thun und Lassen einzelner Personen in einem Stück allgemeiner Zeitgeschichte aufgehen zu lassen, zeigt sich ganz hervorragend in dieser Hauffs'schen Meistererzählung, die hierdurch eigentlich schon so etwas wie eine Mittelsgattung zwischen Roman und Novelle darstellt. Dazu sind die Gegensätze in den Charak­teren und Situationen glänzend cherausgearbeitet, die ver­schiedenen Persönlichkeiten, trotz des geringen Unterschiedes in der Art ihrer Dialektik, scharf umrissen. Tie Charakteri­sierung geschieht mehr durch das, was sie sagen, als durch die individuelle Manier, wie sie es sagen. Tie Kunst­fertigkeit, die äußere und innere Sprechtechnik des Ein­zelnen zur Charakterisierung mit heranzuziehen, war erst einer späteren Zeit Vorbehalten. Die Romantiker konnten und wollten das gar nicht. Dazu mußte von neuem der Naturalismus in die Lande gehen. Tie in des Dichters Heimat noch heute sehr beliebte Novelle vomJuden Süß" kann dagegen als Kunstwerk lange nicht den gleichen Rang beanspruchen. Ter geschloffene Ernst des ganzen Vorwurfs, überhaupt der ganzen Zeit, wurden nicht genügend zum Ausdruck gebracht, wenigstens nicht überall festgehalten. Tie Liebesgeschichte will ans dem schweren, politischen Hinter­grund nicht passen, so gefällig sie auch erfunden und dem Ganzen eingefügt ist. Sonst hat aber Hauff auch diese Geschichte wieder brillant erzählt. Ten größten Leserkreis unter seinen sämtlichen Novellen findet aber doch wohl noch immerTie Bettlerin vom Pont des Arts", die mit ihren Süßlichkeiten und sentimeutalischem Aufputz zweifellos als die bei weitem schwächste an gerufen werden muß. Natha- niel Sichel hat sie gemalt. In vielen Backsisch-BoudocrA hängt sie: diese Dame in Trauer mit dem koketten Spitzen­schleier und den tellergroßen Augen. Ganz so schlimm, wie dies fürchterliche Bild, ist die Novelle nun aber doch nicht: trotz der mangelhaften Technik im Aufbau, trotz der vielfachen Exmrse, die nicht dahin gehören, trotz der recht gewaltsamen Kviistruktion des Ganzen und mancher Unans- geseiltheiten in der Charakterzeichnung behält sie immer als flott hingeschriebene, spannende Geschichte einen ge­wissen Wert.

Konnte der gewissenhafte Beurteiler bei fast allen bis­her erwähnten Werken Hauffs neben all den großen und schönen Vorzügen doch einige mehr oder weniger fühlbare Mängel nicht ganz unterdrücken, so hat die absprechende Stimme bei einer Schöpfung ganz zu schweigen. Sein herrlicher Schwanengesang, diePhantasieeu im Bremer Ratskeller" sind menschlich und künstlerisch in gleicher Weife ohne Fehl. In diesem Scheidegruß verehren wir zunächst die graziöseste, liebenswürdigste Spukgeschichte unserer deut­schen Litteratur, man möchte sagen, der Weltlitteratur über­haupt. Selbst E. Th. A. Hoffmann muß hier zurücktreten. Aber noch mehr. In der Lebendigmachung des toten Kellers, in der meisterhaften inneren und äußeren Charakterisierung der Apostel, des Bacchus und der Rose als Personifika­tionen der im Weine schlummernden Geister, in dem fein­sinnigen Abschattieren der verschiedenartigsten Stimmungen von: dem jeder Sentimentalität baren feierlichen Ernst, der wehmutvollen Rückschau auf die vergangene Jugend bis zur bacchischen Zechlust, zur höchsten, ungezügeltsten Sinnen- sreude, offenbart sich etne Gestaltungskraft und ein poeti­scher Zauber die ganze Anlage und konsequente Turch? führung des Gedichtes zeigt ein so erstaunliches Kunstver­mögen, die äußere Form einen so hervorragenden Meisterer der Sprache, daß wir diese köstlichen Blätter als die abge­rundetste künstlerische Gabe der gesamten romantischen Sitte* raturpemode überhaupt bezeichnen müssen.

Wenn man jetzt zum hundertsten Geburtstag wieder einmal etwas von Hauff lesen will, dann hole jnan sich diePhantasieen" vom Regal herunter.-