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genossen durchführt, hak uns Fritz Mau Muer in (e kn em über alles köstlichem Buche „Nach berühmten Mustern" und Brei Harte in den „Kondensierten Novellen" gezeigt. Tiefe beiden modernen Schriftsteller wurden zwar weniger bissig, dafür aber um so deutlicher, witziger, kürzer und schlagender. Sie wollten ja aber auch nicht den moralisch Entrüsteten spielen, sondern geistreich unterhalten, das heißt Humoresken schreiben, Karrikaturen zeichnen. Hauff bemüht sich dagegen, einfach nUr eine Geschichte ini damaligen Stile der elegant-frivolen Tagesromane zu bieten, Und hat dadurch feinen Zweck verfehlt. Was jedoch dem Satiriker nicht ganz gelang, gelang dem Pamphletisten um so besser. Ter Dichter mochte wohl selbst zu der Einsicht gekommen sein, daß fein „Mamv im Monde" das Ziel nicht getroffen habe, und daher das Bedürfnis empfinden, noch etwas eindeutiger zu werden. Dies that er in seiner mit Recht berühmten „Kontroverspredigt", die mit zu dem Treffendsten zählt, was jemals über Modeschriftstellerei und Liebedienerei mit der Masse, über den Geschmack und die Bedürfnisse des Turchschnittspublikums gesagt ist. Schonungslos wird hier mit tiefem Verständnis von dem Wesen wahrer Kunst und mit echtem Tichterunmut, mit heiligem Ernst und flammender Liebe zum Guten, Schönen und Wahren die erbärmliche Mache gewisser Vielschreiber und ihr billiges Spekulieren auf die menschlichen, allzu mensch- lichen Schwächen der großen Lesewelt bloßgelegt. Solche Leute gießt es zu allen Zeiten. Hauffs „Kontrovers- predigt" hat daher Ewigkeitswert.
Als Ganzes vermögen ferner die gleichzeitig mit dem „Mann im Monde" entstandenen „Memoiren des Satans" ebenfalls nicht recht zu befriedigen. Wir vermissen hier vor allem die künstlerische Geschlossenheit. Als Form ist einfach die Formlosigkeit eingesetzt. Und das kann natürlich, rein ästhetisch betrachtet, niemals hingehen, so geschickt der Verfasser auch sonst das Skizzenhafte des Werkes als Tage- buchblätter des Teufels zu begründen und den vermeintlichen Herausgeber durch fingierte Einleitungen unb Anmerkungen zu markieren versucht. Seinen Hauptzweck, die derzeitigen Verhältnisse in mehr oder weniger parodistischen Silhouetten zu zeichnen urid typische Gegenwartsbilder in leichter Verzerrung zu geben: also Kritik und Glossar zu den sozialen Zuständen jener Kulturperioden zu liefern, ist im ersten Teil der „Memoiren" noch am besten gelungen. Tie famosen Schilderungen des Studentenlebens beruhen auf eigenen Anschauungen. Weniger geriet dagegen die Persiflage auf die bessere Gesellschaft. Tie Stellen, wo Satan den ewigen Juden, den er zufällig im Berliner Tiergarten getroffen, des Weitläufigeren instruiert, wie sich dieser bei dem ästhetischen Thee benehmen soll, und wo der ihnen als Führer dienende Dichter das geistreichelnde Gethue und das ganze Milieu der Berliner Salons beschreibt, sind ja gewiß sehr ulkig. Leider hält aber nachher der Verlauf des Thees selbst nicht ganz das, was in der Einleitung versprochen wurde.
Hauffs Humor ist in den „Memoiren" im ganzen noch ziemlich äußerlich und erreicht nicht die Tiefe und Schwerkraft, wie später im „Lichtenstein" und in den „Phanta- fieen". Er witzelt die Gegenstände mehr an, als daß er sie humoristisch durchleuchtet. Ten satten, urwüchsigen Humor, die humoristische Stimmung, und nun gar den in eine leise Lebenstragik ausklingenden „Humor unter Thronen" kennt er hier noch nicht. Dafür ist aber feine komische Art sehr amüsant, feine Pointen eben als Produkte intellektueller Ueberlegenheit geistreich und schlagend. Er findet das Komische, Lächerliche, Widersinnige, ja, Perverse sofort an den Dingen Heraus, präpariert es mit leichter Hand und reicht es seinem Publikum unter einem Vergrößerungsglase dar. Weil übrigens die „Memoiren" wegen der vielfachen Anspielungen auf zeitgenössische, heute nicht mehr allgemein bekannte Litteraturwerke durchaus gebildete Leser verlangen, so finden sie in unseren Tagen kaum noch ein großes Pubnkum.
Tie kunstfreudige Menge pflegt sich lieber au seine übrigen Dichtungen zu halten, an seine für alle Zeiten dem Wolke zugehörigen „Märchen", an den trotz offenkundiger Schwächen liebens- und lobenswerten „Lichtenstein" und an seine „Skizzen" und „Novellen". Hauff gehört hier zu den jüngeren Romantikern, die von den Wunder-Erzählungen und Legenden des Mittelalters sich mehr zur realen Menschheit, zur Gegenwarts-Gesellschaft wenden und statt des äußerlich Wunderbaren, den Schwerpunkt auf die
Regungen und Gegenregungen des Seelenlebens, des innerlich Wunderbaren, legen. Als die weitaus beste aller Hauff'schen Novellen muß „Das Bild des Kaisers" gelten. Sie 'gehört durch die Abgeklärtheit und Grazie ihres Stils und die Reife in der künstlerischen Turch^- führung, durch ihre wundervolle sprachliche Form und innerlich folgerichtige Komposition neben wenigen Schöpfungen von Tieck, Hoffmann, Gottfried Keller und natürlich Goethe zu den schönsten Leistungen in deutscher Prosa. Sein auch sonst bethätigtes eminentes Geschick, das Thun und Lassen einzelner Personen in einem Stück allgemeiner Zeitgeschichte aufgehen zu lassen, zeigt sich ganz hervorragend in dieser Hauffs'schen Meistererzählung, die hierdurch eigentlich schon so etwas wie eine Mittelsgattung zwischen Roman und Novelle darstellt. Dazu sind die Gegensätze in den Charakteren und Situationen glänzend cherausgearbeitet, die verschiedenen Persönlichkeiten, trotz des geringen Unterschiedes in der Art ihrer Dialektik, scharf umrissen. Tie Charakterisierung geschieht mehr durch das, was sie sagen, als durch die individuelle Manier, wie sie es sagen. Tie Kunstfertigkeit, die äußere und innere Sprechtechnik des Einzelnen zur Charakterisierung mit heranzuziehen, war erst einer späteren Zeit Vorbehalten. Die Romantiker konnten und wollten das gar nicht. Dazu mußte von neuem der Naturalismus in die Lande gehen. Tie in des Dichters Heimat noch heute sehr beliebte Novelle vom „Juden Süß" kann dagegen als Kunstwerk lange nicht den gleichen Rang beanspruchen. Ter geschloffene Ernst des ganzen Vorwurfs, überhaupt der ganzen Zeit, wurden nicht genügend zum Ausdruck gebracht, wenigstens nicht überall festgehalten. Tie Liebesgeschichte will ans dem schweren, politischen Hintergrund nicht passen, so gefällig sie auch erfunden und dem Ganzen eingefügt ist. Sonst hat aber Hauff auch diese Geschichte wieder brillant erzählt. Ten größten Leserkreis unter seinen sämtlichen Novellen findet aber doch wohl noch immer „Tie Bettlerin vom Pont des Arts", die mit ihren Süßlichkeiten und sentimeutalischem Aufputz zweifellos als die bei weitem schwächste an gerufen werden muß. Natha- niel Sichel hat sie gemalt. In vielen Backsisch-BoudocrA hängt sie: diese Dame in Trauer mit dem koketten Spitzenschleier und den tellergroßen Augen. Ganz so schlimm, wie dies fürchterliche Bild, ist die Novelle nun aber doch nicht: trotz der mangelhaften Technik im Aufbau, trotz der vielfachen Exmrse, die nicht dahin gehören, trotz der recht gewaltsamen Kviistruktion des Ganzen und mancher Unans- geseiltheiten in der Charakterzeichnung behält sie immer als flott hingeschriebene, spannende Geschichte einen gewissen Wert.
Konnte der gewissenhafte Beurteiler bei fast allen bisher erwähnten Werken Hauffs neben all den großen und schönen Vorzügen doch einige mehr oder weniger fühlbare Mängel nicht ganz unterdrücken, so hat die absprechende Stimme bei einer Schöpfung ganz zu schweigen. Sein herrlicher Schwanengesang, die „Phantasieeu im Bremer Ratskeller" sind menschlich und künstlerisch in gleicher Weife ohne Fehl. In diesem Scheidegruß verehren wir zunächst die graziöseste, liebenswürdigste Spukgeschichte unserer deutschen Litteratur, man möchte sagen, der Weltlitteratur überhaupt. Selbst E. Th. A. Hoffmann muß hier zurücktreten. Aber noch mehr. In der Lebendigmachung des toten Kellers, in der meisterhaften inneren und äußeren Charakterisierung der Apostel, des Bacchus und der Rose als Personifikationen der im Weine schlummernden Geister, in dem feinsinnigen Abschattieren der verschiedenartigsten Stimmungen von: dem jeder Sentimentalität baren feierlichen Ernst, der wehmutvollen Rückschau auf die vergangene Jugend bis zur bacchischen Zechlust, zur höchsten, ungezügeltsten Sinnen- sreude, offenbart sich etne Gestaltungskraft und ein poetischer Zauber — die ganze Anlage und konsequente Turch? führung des Gedichtes zeigt ein so erstaunliches Kunstvermögen, die äußere Form einen so hervorragenden Meisterer der Sprache, daß wir diese köstlichen Blätter als die abgerundetste künstlerische Gabe der gesamten romantischen Sitte* raturpemode überhaupt bezeichnen müssen.
Wenn man jetzt zum hundertsten Geburtstag wieder einmal etwas von Hauff lesen will, dann hole jnan sich die „Phantasieen" vom Regal herunter.-


