Freitag den 28. November.
Nr. 177.
1902
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Mit dem Abdruck des fesselnden Romans
Kinder des Ostens
von Georg Buß beginnen Mir in nächster Rümmer. Redaktion der „Gießener Familienbl."
Wilhelm Hauff.
(Zu des Dichters 100. Geburtstage.) Bon Tr. Karl Hagemann.
(Nachdruck verboten.)
Wilhelm Hauffs Name gehört zu denen, die man nicht ohne Rührung nennt; sein Bild — dieser frische, offene Jünglingskopf mit dem natürlich fallenden Haar, den schalkfrohen, fein gezeichneten großen Augen und dem zum Plaudern, Scherzen und streiten immerdar aufgelegten schmalen Mund — unter die Reihe von Künstler-Typen, die man nicht wieder vergißt: selbst, wenn man das ganze Bilderbuch des Herrn König, diese leider immer noch bekannteste, aber durchaus rückständige, zusammengeklitterte Geschichte der deutschen Dichtung damals als halbwüchsiger Mensch im Drange nach Liiteratur-Kenntnis und -Erkenntnis in einem großen Zuge verschlang. Fast will es scheinen, als ob das gewinnende Aeußere dieses sympathischen Kunstjüngers, als ob das traurige Geschick des zu Größtem Berufenen den Genuß seiner Werke steigerte und die zersetzende Kritik zurücktreten ließe. Tas tragische Los des so früh aus vollem, erfolgreichstem Schaffen Abberufenen stimmt uns milder. Man rechnet die vorhandenen Schwächen seiner Leistungen der schnell-fertigen, zu vorsichtiger Selbstkontrolle wenig aufgelegten Jugend an, entschuldigt sie und scheidet sie danlit gleichsam mehr oder weniger aus. So genießt denn Wilhelm Hauff auch noch heute nach mehr als sieben Dezennien eine echte, durch nichts zu erschütternde Volkstümlichkeit. Tie hundertste Wiederkehr seines Geburtstages wird daher Tausende und Abertausende wieder zu seinen Dichtungen greifen lassen, um mit einer gewissen Wehmut dieses oder jenes Lieblingsbuch des schon im 25. Jahre Verstorbenen, oder doch wenigstens diese oder jene schöne Stelle nochmals wie zu einer stillen Gedenkfeier vorzunehmen und dankbarst zu genießen. Zwar nicht lange dürfte es in den meisten Fällen bei dieser Stimmung bleiben. Einige wenige Sätze aus den „Memoiren", aus den „Phantasieen", oder gar aus dem ,Mchtenstein", und der Frohsinn, der aus diesen Schöpfungen quillt, die lebenswarme Heiterkeit und Gegenwartsfreude, die über diese Druckseiten hinzittert, gießt uns bald ganz dem Leben wieder — dem Leben, wie es Hauff gelebt, tote er es geschildert und dadurch zur Nacheiferung empfohlen hat. Es imrd Sonntag, wenn man seine Bücher
Hauff ist ausschließlich Epiker. Man muß ihn sogar! ohne weiteres zu den besten Erzählern rechnen, die sich jemals ln deutscher Sprache vernehmen ließen. Abgesehen von einer seltenen Vollendung der äußeren Form und einer wohlthuenden Glätte oer Diktion, lacht eine sonnig« Taseinslust aus all seinen Phantasieen, liegt ein jugendlich-schillernder Glanz über seinem Wesen und Schaffenr denn er ist Süddeutscher — spricht aber auch eine Ehrlichkeit der Empfindung, eine Offenheit seines Menschentums, und nicht zuletzt das prächtigste, jedoch etwas verhaltene Gemüt aus all seinen Schöpfungen: denn er ist Schwabe...
Im Drama hat er sich niemals versucht, und auch seine wenig zahlreichen Gedichte vermögen höheren Ansprüchen nicht stand zu halten. Ihm fehlt als Lyriker jede persönliche Eigenart. Er machte Gedichte, weil er darum gebeten wurde und weil es zum guten Ton gehörte, daß Romanschriftsteller bei Gelegenheit auch einmal Verse auf- einauderreimen. Besonders unbedeutend sind seine Liebesstrophen. Aber auch die Freiheits- und Turnlieder, die er nach der Art unseres Körner und Ernst Moritz Arndt verfaßte, wurden damals von vtelen anderen wohl ebenso gut und bester geliefert, und die Burschen- uno Trinkgesänge bekommt ein poetisch angehauchter Verbindungsstudent unserer Tage zur Not ebenfalls noch in der Güte fertig. Voll seinen Soldatenliedern haben dagegen vor allem zwei eine ausgesprochene Volkstümlichkeit erreicht und verdient. Giebt sich das sehr beliebte „Steh' ich in finstrer Mitternacht" noch etwas sentimental und allerweltsmäßig, so gehört das stimmungsvolle, tief empfundene Morgenlied des zur Schlacht ausziehenden Reiters, dem das glutvolle Frühvot zum Sterben auf dem Ehrenfelde voran- leuchtet, zu unseren schönsten Volksliedern: die wunderbar schlichten, aus den einfachsten Ausdrücken für einfachste Gedankengänge zusammengesetzten Strophen zeigen mit ihrer stillen, ergreifenden Tragik den Typus der deutschen volkstümlichen Lyrik.
Von seinen epischen Schöpfungen inachte wohl derzeit die Satire auf die platten Sudeleien des unter dem Pseudonym H. Clauren schreibenden Berliner Hofrats Heun, wenn auch mehr durch die äußeren Begleiterscheinungen, das größte Aufsehen. Diese erste parodistische Leistung des unheimlich schnell produzierenden Dichters ist aber eigentlich doch recht schwach — so schwach, daß die Mattigkeit seiner Persiflage tmd die Salzlosigkeit des karrikierenden Elements später sogar bei einigen Litterarhistorikern die Ansicht aufkommen lassen konitte, Hauff habe zunächst einfach einen Roman nach dem Geschmack der Menge gcschrre- ben und erst nachher auf Vorhaltungen seiner Freunde hin durch Aufsetzen einiger satirischer Lichter das Ganze als Parodie aus Clauren ausgegeben. Dem ist nun aber nach den neuesten Forschungen nicht so. Dem Tochter tst seine Absicht hier einfach nicht ganz geglückt. Wie man ; solche Parodieen anlegt und zum Jubel der lesenden Zett-


