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samen Lebensweg." Aber ihre Seele hatte die Sprache verloren und ihr Mund fand nur inhaltlose Phrasen.
An der Hausthür trennte sich ihr Begleiter von iHv mit einer konventionellen Verneigung.
„Ich sehe Sie hernach noch, wenn Sie fortfahren, in einer halben Stunde wird der Wagen vor der Thür sein", sagte er und lieh Traute allein nach ihrem Zimmer hinauf- gehen.
(Fortsetzung folgt.)
Venedig ohne den Campanile.
Venedig, 19. Juli.
Ter erste Anblick des Trümmerhaufens au dem Markusplatze pflegt die Frage Hervorzurusen, ob denn der ganze mächtige Campanile aus Gußmasse, Kalk und Mörtel aufgebaut gewesen sei. Tie staubgraue, ja weißliche Farbe des hohen 40—50 Meter im Durchmesser haltenden Schutthügels veranlaßt häufig die verwunderte Frage, wo die gewaltigen roten Ziegelmauern samt den steinernen Pfeilern und Wänden der Glockenstube und der Attika geblieben seien. Offenbar sind sie im Innern des Schutthügels verborgen. Auf seiner Oberfläche haben sich die durch die Gewalt des Zusammensturzes nach oben gedrängten leichteren Teile des Baumaterials und der zu Staub gewordene Mörtel und Bewurf niedergelegt, was den Anschein erweckt, als habe man einen Schutthügel vor sich,
Ten besten Ueberblick genießt man von der Außen- gallerie über der Vorhalle der MarNuskirche, von wo die vier bronzenen Rosse aus Konstantinopel auf den Platz hinabschauen. Man sieht hier auch größere zusammenhängende Stücke des Mauerwerks den Rand der, einer Schutthalde im Gebirge gleichenden Trümmermasse umsäumen und kann die an der Thür der Basilika angeh eftet-s Behauptung des Patriarchen begreifen, daß die Kirche sich eines ganz besonderen höheren Schutzes zu erfreuen gehabt habe. Denn bis dicht an die Säulen der Südwestecke sind zentnerschwere Teile der Turmbekrönung und der Loggia Sansovinos geschleudert worden. Sie umgeben diese Ecke auf beiden Seiten, lehnen sich an den Fuß der Säulen, die den leichten, graziösen Oberbau der Fassade tragen und haben dieser nicht den geringsten Schwaden zugefügt.
Ein schwerer Schaden hat die gegenüberliegende Ecke der Bibliothek, des jetzigen königlichen Palastes, betroffen. In beiden Stockwerken sind vier Arkaden zerstört; die anstoßenden, einschließlich der architektonisch berühmten Eckewerden gestützt werden müssen, bevor man an die Wegräumung der Schiuttmassen geht, die gegenwärtig allein ihnen Halt verleihen dürfte. Man nimmt an, daß die bis jetzt nur durch ein Dutzend Geniesoldaten in Angriff genommenen Aufräumungsarbeiten besser fortschreiten werden, nachdem der König, der aus der Rückreise aus Peters!- burg heute hier erwartet wird, das Schguspiel wird betrachtet haben.
Ta eine große Menschenmenge dem Einstürze beigewohnt hat, so ist es Nicht schwer, Augenzeugen zu finden, die gern und mit der den Venetianern eigenen Kraft des Ausdrucks über ihre Wahrnehmungen berichten, die natürlich in Einzelheiten vielfach abweichen. Am wirkungsvollsten erschien mir die Erzählung eines Cafökellners am Markusplatze, der seinen Beruf schon 30 Jahre ausübt und damit begann, daß er lächelnd aus seine weißen Haare deutete und sagte: „Daß ich einmal an der Piazza sterben würde, habe ich manchmal gedacht, aber daß ich sie noch ohne den Campanile sehen würde, ist mir nie eingefallen." Tie Einstellung des öffentlichen Konzertes am Sonntag Abend ohne Angabe des Grundes hatte nur die Wirkling, noch mehr Publikum nach dem Markusplatze zu locken, das sich in mannigfaltigen Vermutungell erging und, da mancher schon von den Beratungen der Techuiker bezüglich des Turmes gehört hatte, sich namentlich um diesen betrachtend und debattierend ansammelte. „Man sprach", erzählte der Kellner, „von einem Mordanschlag auf den Zaren und den König Wiktor Emanuel, von einer verfrühten Niederkunst der Königin, vom Tode des Königs von England, von Explosionen und Eisenbahn-Zusammenstößen — nur nicht davon, daß der Campanile uns allen auf die Köpfe fallen könnte. Tenn wer konnte denken, daß man die Venetianer ruhig auf der Piazza flanieren ließe, wenn Gefahr war, daß sie wie die Mäuse unter den Ziegelsteinen endeten? — Am
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andern Morgen, als wir öffneten, sah man Architekten uns Arbeiter am Turm beschäftigt, weshalb sich wieder viel Publikum ansammelte. Unsere Tische waren leer, und ich setzte mich hier an den Pfeiler (unter den neuen Pro- kurazien) und sah ein Stündchen zu. Es hieß, es sollten eiserne Bänder und Klammern angelegt werden. Feuerwehrleute kamen mit Leitern; andere schleppten Stangen- Bretter und Taue herbei. Ungefähr um halb so hörte man laute Rufe und Befehle. Tie Leute stiegen rasch von den Leitern und kamen aus der Turmthür gelaufen. Man trieb das Publikum nach Möglichkeit zurück und jagte die Ladern besitzer hier an der Ecke der Prokur,vzien hinaus. Tann wurde rasch mit ein paar Pfählen und Stricker: eine Umzäunung 30 Schritt vom Turme hergestellt. Ich glaube- man war noch nicht fertig, da schrie alles auf. Der Turm wankte — und dann war es Nacht!"
Meine Frage, ob der Boden stark gezittert habe, verneinte der Gewährsmann. Auch das Getöse des Einsturzes sei nicht sehr erheblich gewesen. Aber eine dichte Staubwolke hüllte einige Minuten alles ein. „Keiner sah mehr den Andern", berichtete er, „und man glaubte ersticken zu müssen. Ratlos tappte man hin und her, nicht wissend, was noch erfolgen könne, und wohin man sich retten solle. Als es wieder Heller wurde, lag dort der Trümmerhaufen, so wie jetzt, vielleicht noch etwas höher; wir sahen weiß aus wie die Müller, und überall lag der Staub zollhoch-
Ter Besitzer eines anderen Kaffeehauses — unter den alten Prokurazien — berichtete sehr beredt, wie die Hauptsächlich nach jener Richtung flüchtende Menge, die sich gegenseitig überrannte, zwischen den draußen stehenden Tischen und Stühlen zu Falle gekommen sei. Viele suchte» nachher ihre Hüte, Stöcke, auch die Jacken und Röcke, Tücher und Shawls, die sie sortgeworfen hatten, um sich rascher zü retten. „Tann stürmte alles in mein Lokal, um sich zu stärken. Jeder ergriff, was ihm zunächst war und trani darauf los. Es gab ja viel Staub hinunterzuspülen, und wir gönnten es den armen Leuten; aber mancher hätts auch zahlen können. Nun — wir waren froh, daß der Turm uns nicht auf die Köpfe gefallen war; er ist im letzten Augenblicke noch galantuomo gewesen."
Auf einer Ladenthür beim bischöflichen Palaste sah ich eine rohe Kreidezeichuüng des einstürzenden Turmes. Vermutlich hatte ein Augenzeuge damit seine Erzählung illustriert. Sie stimmte mit den Angaben anderer überein. Danach hatte sich zunächst die schwere Glockenstube mit de» steinernen Attika vom Türme losgelöst und nach der Markus- kirche zu geneigt, um sich dann wiederum gerade zu richten und mit dem in sich zusammenfallenden Türme vertikal herabzusinken — woraus die Rettung der umliegenden Gebäude erklärlich wird. Betrachtet man Zeichnungen der vorher beobachteten Beschädigungen der Campanile und der an demselben vorgenommenen Veränderungen, so wird' jener Hergang völlig verständlich- Auf der — dem Uhr türm zugewendeten — Nordseite und zwar dicht an der Ostecke- befand sich die Reihe kleiner OeffnUngen, die der Jnnen- rampe Licht gaben. Längs der Linie dieser Fenster ev- streckte sich der alte, zuletzt länger und breiter gewordene Mauerrih vom Gesimse unter der Glockenuhr bis genau« zur Anfatzlinie der an die Ostturmwand gelehnten Loggia Sansovinos herab, über der eine lange und breite Sterne platte das Ziegelwerk des Turmes durchzog. Diese Platts war in letzter Zeit entfernt worden, worin viele den letzten Anstoß zu der Katastrophe erblickten. Jedenfalls hat der Mantel des Turmes gerade aus dieser Seite bis zu de« Riß zwischen den Fenstern der anstoßenden Seite begonnen, sich abzulösen, sodaß der Oberbau sich nach dieser Serie neigen mußte. Gleichzeitig hat der Rest des Turmes, fernen Halt verlierend, sich „niedergesetzt" und zwar rascher als der an der Sansovinischen Loggia einigen Widerstand finden!^ Mantel der Ostseite, weshalb der umkivpende Oberbau sich nicht hierher überschlug, sondern wieder aufrichtete un8 in das Innere des Turmes stürzte. Nur dies hat drs Marlnsiirche gerettet. Ihre unvergleichliche Fassade würde verloren gewesen sein, wenn nur wenige der Säuley, auf denen sie ruht, fortgerissen worden wären. .
Da sich auch die örtlichen Parteileidenschaften der Frage nach der Verantwortung bemächtigen, so wird diese, ohnehin äußerst schwierig festzustellen, schwerlich gereckn und unparteiisch zwischen Regierungs- und Munizipalbehorden und den verschiedenen technischen Stellen verteilt werden. Für jetzt haben der konservative Architekt Saecardo, Setteti


