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„Wirf doch das Balg zum Haufe hinaus!" sagte Frau Janisch, mit der Faust auf den Tisch schlagend- daß die Blumenschale in der Mitte klirrte. „Best Du denn nicht hier die Herrin?"
„Du kennst Paul schlecht!" höhnte Alma, „erst ist er zehnmal der Herr hier, ehe ich einmal die Herrin bin!"
„Er wird schon noch was erleben an seiner Natter!" lachte Frau Stroppa hämisch-
„Na, ich wüßte, ivas ich an Deiner Stelle thäte", sagte Fran Janisch, indem sie. die fetten Schultern und die Augenbrauen hochzog und mit den Händen aufgeregt über die knisternden Falten ihres schweren Seidenkleides strich. „Ich begreife Dich nicht. Du hast keine Energie."
„Ach, was ivüßtest Du — gar nichts weißt Du, sonst würdest Du nicht so sinnlos reden", schrie Alma ihre Mutter au mit einer heftiger: Gebärde, und Traute zog sich jetzt zurück."
In der Einsamkeit ihres Zimmers fiel ihr all das Peinliche, Trostlose der obwaltenden Verhältnisse mit verdoppelter Schwere auf ihr Herz zurück.
Zweiunddreißigstes Kapitel.
Die Sterbeglocken läuteten. Wie ein Angstruf hallte der dumpfe, eherne Klang durch das Dorf, über dem sich ein unheimliches Wetter zusammenzog. Totenstille war in der Lust. Ein schwerer, graugelber Himmel lastete auf der Erde, unter dem sich die Hitze wie in einer Retorte sammelte, während sich am westlichen Horizont eine Wetterwand, schwarz tote Tinte, zusammenzog.
Langsam bewegte sich der Leichenzug die staubige Dorfstraße hinunter, an der die Kastanien- und Lindenbäume, fast schou entblättert, braun und aschgrau standen, während der gänzlich ausgetrockrrete Teich große, klaffende Risse in seinem fast zu Cement verhärteten, kalkweißen Grunde zeigte.
„Jesus meine Zuversicht" sang der Chor der Schulkinder, der dem Sarg voraufschritt, in dünnen, langgezogenen Tönen, die nur durch den tremulierenden Baß des Kantors zusammengehalten wurden, und so langsam schrttten die keuchenden Träger des Sarges, daß es oft den Eindruck machte, als wollte der ganze Leichenzug mit fernem wunderlichen Gefolge von Bauern und Arbeitern, alten Mütterchen, Frauen und Mädchen, von denen viele aussaheu, als wären sie aus Urgroßvaters und Mutters Truhe ausgepackt, stehen bleiben, oder kämen nur mühsam vom Fleck.
Gleich hinter dem Sarge schritt Traute mit Frau Graumann. Ein trostloser Jammer hatte sich ihrer bemächtigt. Trockenen Auges starrte sie auf den Sarg, der, mit Eichenlaub und Georginen bekränzt, vor ihr herschwankte.
Leben und Sterben in diesem Bilde des Leichenzuges, der sich über das holprige Pflaster der verstaubten Dorfstraße hinquälte, begleitet von dem Sterbelied der schrillen scharfen Kinderstimmen und dem winselnden Weinen der Trauernden, hatten etwas so Klägliches, Erbärmliches, daß chr öde und elend zu Mute wurde. Die ganze Misere der Vergangenheit und das Unglück der Gegenwart wollten sie ersstcken.
Da, war in ihrem Leben und scheinbar auf der ganzen Welt nichts Großes, Erhebendes, kein erhabener Schmerz und kein erschöpfendes Glück, alles Sehnen und Streben wurde tnt Keime erstickt durch jämmerliche, kleinliche Thor- heit. und Schwäche, durch gemeine Alltäglichkeit und all- tägstche Gemeinheit, alles quälte sich so mühsam hin durch den Staub, dem Grabe entgegen wie dieser Leichenzug.
Ter schmutziggraue, drückende Himmel Hatte kein erlösendes Wetter. Die häßlich war die ganze Farce, die sich dort nn Herrenhaus abspielte! Wie erniedrigend das Ge- hank der Frauen und der schmähliche Betrug, der ein trüb- seltges Ende nehmen wird. Natta wird schließlich über Alma siegen, Alma muh schweigen, um der Schmach willen, und unbewußt wird ihr Gatte die Fessel der entehrten Ehe werter schleppen.
,, , Md, wer kann sich vor Erniedrigung retten? Wie tief bis m den Staub gedemütigt ist sie selbst!
, ®tebt es wohl ein Menschenleben, dem nie die kleinste Schande das unauslöschliche Mal auf die Stirn gezeichnet
^wbt es wohl ein Menschenherz, dem ein anderes in Liebe und Treue ganz zu eigen gehört in allen guten Und bösen Tagen? Giebt es wohl im Jenseits, in jenem Lande, von dannen kein Wanderer wiederkehrt, eine Erlösung von jedem brennenden Schandmal, von der fürchterlichen Sehnsucht des glücklosen, ungeliebten Lebens?
Jetzt bog Der Zug kN vle offene Kirchhofspforte, vor der sich ein Trupp noch nicht schulpflichtiger Kinder, Mütter mit Säuglingen auf den Armen, und Mägde, die von der Arbeit weggelaufen waren, versammelt hatte.
Auf dem Kirchhof, am offenen Grabe wartend, stand Paul Lehmigke.
Es war das erste Mal, daß er an einer Leichenfeier! im Dorfe teilnahm, es war die letzte Rücksicht, die er Traute erweisen wollte. Dann würden sich ja ihre Wege trennen für immer.
Ein großer, sprechender Blick aus Trautens tieferblaßtem Gesicht war ihm begegnet, als diese an Frau Graumanns Seite ihm gegenüberstand am Grabe, und eine seltsame Bewegung pochte an sein Herz. Der Blick war wie ein Hilferuf: „Ich bin in Todesnot, rette mich!" Und über das offene Grab hinüber flog es wie ein Funke des Erkennens von einer Seele zur andern: „Wir sind beide gleich unglücklich und elend." Aber dieser Funke glich nur dem schwachen Blitz, der eben zum ersten Mal die schwarze Wand im Westen zerriß- Gleich darauf war das Dunkel ebenso drohend und undurchdringlich wie vorher.
Ein kalter Schauder ging Traute durch Mark und Bein bei dem Schurren und Kratzen der Stricke, die unter dem Sarge emporgezogen wurden, als dieser in die Erde gesenkt war, und bei dem hohlen, dumpfen Poltern der ersten Erdschollen auf seinen Deckel. Laut aufweinend klammerte sich Frau Graumann an sie, aber sie konute sich selbst nur mühsam aufrecht halten, und ihr schwindelte, als sie sich nach einer Handvoll Erde bückte.
Endlich war alles überstanden, und sie ging mit Paul Lehmigke zurück. Sie wollte gleich abreisen, es war alles bestimmt und abgemacht und sie hatte sich schon vorher von Frau Graumann verabschiedet. Sie gingen nicht die Dorfstraße hinunter, sondern einen Fußpfad entlang, der zwischen Dorf und Feld durch den Park nach dem Herrenhause führte, da dies der kürzere und angenehmere Weg war.
Dies war also das letzte Mal, daß sie mit ihm zusammen sein und an seiner Seite gehen durfte. Das letzte Mal im Leben. Seltsam, zu denken, daß sie beide weiterleben und doch für einander gestorben sein würden. Ihr Herz hämmerte, ihre Schläfen pochten. Sie rang nach einem erlösenden Wort, sie wollte ihm sagen, daß es ihr schwer werde, zu scheiden, ihm danken für seine Gastfreundschaft, ihn bitten, ihr ein freundliches Andenken zu bewahren, sie nicht mißzuverstehen oder falsch zu beurteilen, aber es war, als drücke ihr jemand die Kehle zusammen.
Da sagte er ruhig und trocken: „Ich habe es mir überlegt, Fräulein Velten, daß es besser ist, wenn Sie Ihre Arbeit in Kienberg sofort aufgeben und gar nicht wieder anfangen, da Sie das Interesse für dieselbe doch verloren haben müssen. Ich werde so schnell wie möglich für einen Ersatz sorgen und dem Fabrikinspektor dementsprechend Instruktionen senden. Dann können Sie Ihre neue Stellung sofort oder wann Sie wollen antreten, jedenfalls sind Sie von heute an frei und unser Kontrakt existiert nicht mehr."
Sein geschäftsmäßiger Ton legte jede Gefühlsregung in Bann, und mit einer erzwungenen Phrase dankte ihm Traute für diese Rücksicht und für seine Gastfreundschaft.
Rechts von ihnen dehnte sich ein weites Stoppelfeld, von einer pappelbepflanzten Fahrstraße durchkreuzt, und am Eingang dieses Weges begegnete ihnen Herr von Löschnitz, der grüßend an ihnen vorüber wollte.
„Gehen Sie zu den Ochsenpflügern?" rief ihm Lehmigke zu.
„Nein, in die Lehmgrube, um zu sehen, ob die Arbeiter noch da sind. Der Ziegelbrenner braucht sie, ich soll sie herbestellen", war die Antwort, worauf man weiterging.
Traute und ihr Begleiter traten jetzt unter das Laubdach des Parkes. Auch hier erstickende Schwüle, überall färb- und klangloses Grau, unheimliche Stille. Plötzlich in weiter Ferne ein dumpf aufgrollender Donner.
„Das Wetter kommt herauf, es wäre gut, wenn Sie noch vorher zur Bahn tarnen", sagte Lehmigke, und während sie von der bevorstehenden Abreise wie von einer alltäglichen Spazierfahrt redeten, sagte eine Stimme fortwährend in Trautens Herzen: „Für immer. Leb' wohl, für immer. Du siehst die Hetmat, Du siehst ihn nie, niemals wieder! Niemals!" Sie hätte aufschreien mögen in ihrer Seelennot, sie hätte ihn mit gerungenen Händen anflehen mögen: „Erbarme Dich, laß uns nicht ohne ein Trostwort scheiden, ein einziges, kleines Trostwort auf den langen, langen ein-


