Ausgabe 
28.7.1902
 
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Nr. 111.

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(Nachdruck verboten.)

Manneswert.

Roman von Marie Stahl.

(Fortsetzung.)

Traute batte sich vor dem Wiedersehen mit alten Bekannten gefürchtet, aber der Takt und das warme Ent­gegenkommen der Kieselharts liehen sie bald die Scheu überwinden. Es dauerte nicht lange, so fühlte sie sich in ihrem Element und, durch die liebenswürdige Unterhaltung der Gäste aufs angenehmste angeregt, etwas befreit von dem Zwang und Druck, den sie sonst in diesem Hause auf sich lasten fühlte. Und dieses gesellige Zusammensem hatte den schmerzlichen Reiz für sie, Paul Lehmigke einmal m seiner Würde als Hausherrn und Wirt beobachten zu können.

So übertrieben Alma in ihrem lauten, ungenierten Wesen sich- zeigte, so einfach und ruhig benahm sich ihr Gatte. Er war zuvorkommend als Wirt, ohne tnt geringsten die allgemein übliche Höflichkeit zu überschreiten, und Traute fühlte sofort heraus, mit welcher Achtung man chm be- aeanete, während man seine Frau nur tolerierte.

In der allgemeinen Unterhaltung fand Traute auch wieder Gelegenheit, zwanglos mit ihm zu sprechen, und wenn ein Thema beide interessierte, schien es, als könne er auf Augenblicke fast vergessen, was zwischen ihnen lag. Und das waren Lichtblicke für Traute, ihr ganzes Wesen belebre sich. Lehmigkes Unterhaltung, die stets von vielseitiger Er­fahrung und reichen Kenntnissen zeugte, fesselte sie in hohem Grade, und es war, als ob ihr verständnisvolles Erfassen seiner Ideen den Bann seiner Zurückhaltung und Schweig­samkeit bräche und ihn mitteilsam machte. Auf dem neu­tralen Gebiet allgemein menschlicher Interessen begegneten sie sich wieder ohne Verstimmung. Traute wünschte Heim­lich-, der Abend möge kein Ende nehmen, und ganz hm- genommen durch die Konversation mit. den Gästen und dem Hausherrn, achtete sie wenig auf das, was um sie her

vorging. Mendessen, nachdem man sich- wieder im Salon versammelt hatte, stahl fi* Natta davon. Auch Herr von Löschnitz fehlte, der sich gleich im Eßzimmer empfohlen und mit Geschäften entschuldigt hatte. Als Natta den Salon verlassen wollte, rief ihr Alma nach-, he solle bleiben, aber Natta lieh sich nicht zurückhalten, sondern erwiderte tnit einem spöttischen Lächeln:O, ich komme gleich tviebciV'

Alma wurde rot vor Zorn und gab Frau Stroppa einen Wink mit den Augen, worauf diese nach einer kleinen Weile dem jungen Mädchen folgte. Als sie zurückkehrte, teilte sie Alma etwas mit, was diese ganz aus der Fassung brachte. Sie konnte sich nur mühsam so weit beherrschen, um ihre Pflichten als Wirtin nicht auffallend zu vernachlässigen.

Sn dem Augenblick, als Kieselharts sich empfahlen, kam

Natta aus dem Garten über die Veranda zurück. Kaum! war man wieder unter sich-, als Alma mit allen Zeichen heftigsten Zornes Natta anfuhr:Wo bist Du gewesen? Warum läufst Du weg, wenn ich Dir sage, Du sollst bleiben? Wozu treibst Du Dich in der Nacht allein herum?"

Natta war mit heißen Wangen und mit einem hellen Leuchten in den sonst stets träumerisch verschleierten Augen aus dem Park gekommen, das ihr reizend stand.

Sie hatte wieder das spöttische Zucken um die Lippen,, als sie begann:Verzeih ich"

Lüge nicht!" schrie Alma, sie wutbebend unterbrechend,- Du bist in den Park gelausen, Frau Stroppa hat es- gesehen."

Natta richtete sich zur ganzen Höhe ihrer schlankes Gestalt auf:Warum soll) nicht in den Park laufen? Giebt es da vielleicht Fuchsfallen oder Meuchelmörder? Hätte ich eine Ahnung gehabt, daß Frau Stroppa mir dis Ehre erweist, mir nachzugehen, wäre ich natürlich hoch/ beglückt gewesen, den Spaziergang an ihrer Seite zu machen. Ich dachte nicht, daß Herr und- Frau von Kieselhart mich schmerzlich vermissen würden, ich- war wirklich zu bescheiden,- das anzunehmen." v r

Aber Sie haben mich ja gesehen, als Sie so sehr eilig nach dem Teich liefen", sagte Frau Stroppa mit einem bösen Blick. Und zugleich rief Alma:

Sei nicht noch unverschämt obendrein! Ich werde schon auf Deine Schliche kommen!" , ,

®3 schickt sich jedenfalls nicht für ent junges Mädchen, sich nachts allein herumzutreiben", bemerkte Frau Jänisch ^^Natta sah die drei Damen der Reihe nach mit, un­verhohlenem Spott an, dann wandte sie sich mit entern schmeichelnden Lächeln an ihren Onkel.

Onkel Paul, ist es wirklich ein großes Verbrechen, in Deinen Park zu göhen? Es war so langweilig fnr mich bei Euch alten Herrschaften im Salon."

Paul Lehmigke, der mit einem Stirnrunzeln der An­gelegenheit zugehört hatte, sagte:Ich sehe wirklich Nicht ein, warum das Kind nicht lieber in den Garten gehen soll, statt sich bei uns zu langweilen. Komm, kleine Natter, ich- gehe gleich- noch mal mit Dir, wenn Du Lust hast. Und jedes weitere Wort abschneidend, ging er Mit seiner Nichte zur Balkonthür hinaus. r .

Wie gern wäre Traute mitgegangen, aber sie wagte es nicht ohne seine Aufforderung. Sie mußte statt dessen das Strafgericht der Zurückbleiben über dieses unerhörte Benehmen mit anhören. . , .

Da hast Du's!" schrie Alma ihrer Mutter zu, indem sie mit dem Fuße stampfte,das muß ich mir bieten lasten! Und dieses Gör verspottet mich, weil es weiß, wo es Schutz tUtbRatter!" wiederholte Frau Stroppa, indem sie die Augen verdrehte,ja, da hat er em wahres W-ort ö.e* sprochen, eine richtige, kleine Ratterst--