Ausgabe 
28.6.1902
 
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die Lehrer hatten ihn durchgedrückt. Nun füllte er bei den Garde du Corps eintreten.

Auf einem der letzten Waldspaziergänge kam es zwischen ihm und Traute zu einer Auseinandersetzung.

Sie waren über die Kettenbrücke tief in das Nonnen­holz gegangen. Armin und Lillian verloren sich im Ge­sträuch beim Blumensuchen, während Traute und Camill an einem Wildgitter stehen blieben. Traute setzte sich aus die oberste Latte des Geheges, und sah in ihrem kurzen, englischen Jackett, nut dem kleinen, runden Strohhut ganz besonders hübsch aus.

Camill stand vor ihr, sah sie bewundernd und ver­liebt an und seufzte.

,-Verflucht, daß ich fort muß!"

Es hatte geregnet, die Luft hing in feuchten, grauen Schleiern zwischen den knospenden Zweigen des Waldes, eine warme, wollüstige Treibhausluft. Rings umher ein Keimen und Treiben und süße, lockende Vogelstimmen.

Traute wandte plötzlich den Blick, der in die Waldes- ferne geträumt hatte, groß und voll auf Camill.

Was soll nun werden?"

Trennen müssen wir uns", war die Antwort.

Aus wie lange?"

O ich werde, so ost ich kann, mal herüber­kommen."

Ja aber wie lange bis.**

Camill verstand.

Tas ist vorläufig nicht abzusehen. Ich habe Dir gesagt, Schatz, daß ich, um alle Schwierigkeiten zu überwinden, ein freier Mann sein muß."

Wann wird das sein? Du mußt doch ungefähr wisserr, wann das sein wird."

«^in, denn es hängt von denr Tode meiner Tante Camilla ab. Sie ist eine alte Dame von siebzig Jahren und meine Pathe. Sie wird mir ihr ganzes disponibles Vermögen, das fast eine Million beträgt, hinterlassen. Tos S}, mir alsdann eine gewisse Unabhängigkeit, und es läßt sich eher etwas machen."

®üte ganze Million!" rief Traute mit ausleuchtender Hoffnung.

Das ist nicht allzuviel für unsereinen. Allein der Rennstall und das Gestüt meines Vaters kostet jährlich eine halbe Million. Und wenn ich Offizier bin, brauche ich enorm. Aber wir könnten daraufhin heimlich heiraten."

Heimlich!"

,chsa, Schatz, vor dem Tode meines Vaters und vor meinem Erbschaftsantritt können wir nicht an eine öffent­liche Ehe denken. Ich hätte nicht die Mittel, dieselbe standes­gemäß zu repräsentieren, und mein Vater würde mir im Zorn alle Mittel und jede Hilfe entziehen. Tu weißt, daß ich die Prinzessin Trachenberg heiraten soll, die ein großes Verniögen in Gütern und Liegenschaften hat. Mein Vater rechnet daraus, um unsere Familienverhältnisse wieder zu arrangieren, denn er hat etwas stark darauflos- gewirtschaftet und unser Vermögen empfindlich reduziert. Ach und ich habe ihm bis jetzt auch schon ganz nette Summen gerostet. Er ist aber noch in tzen besten Jahren, und ich sage immer, wenn meine Mutter heute stirbt, heiratet er morgen wieder."

Traute fühlte ein Unbehagen, als hätte sie plötzlich kemen Boden unter den Füßen, und schwebe mit ihren liebsten Hoffnungen in der Luft.

ängstlAh^ 1U'C fönnen wir heimlich heiraten?" fragte sie

Sehr einfach. Wir gehen nach London, dort kann man ohne Schwierigkeit gesetzlich heiraten. Deine Eltern können es im schlimmsten Falle erfahren, aber sonst muß das Geheimnis strengstens gewahrt werden."

weiß noch nicht, ob ich mich dazu entschließen werde, sagte Traute trotzig. Sie steckte die Hände in $ e und sah sehr energisch aus.

«Aber, bester Schatz, was sonst? Willst Du warten, bis Tu eine Mumie bist?"

So lange würdest Tu schwerlich aus mich warten. Aber giebt es denn keinen anderen Weg? Ein Mann wie Tu, kann älles, was er will."

Bloß nicht Wasser trinken, und trocken Brot essen."

Wenn ich ein Mann wäre, würde ich mir aus eigener Kraft erkämpfen, was ich will."

/,Phrase, Schatz- Phrase. Wer als Löwe geboren ist, kann nicht als Hauskater Mäuse sangen. Bedenke doch.

ich lasse Deinetwegen die Lori Trachenberg mit ihren Schätzen schwimmen. Dafür kannst Du mir schon das Opfer der heimlichen Ehe bringen. Ich könnte die ersten Partien im Lande machen. Mein Vater ließe mich sofort ins Irren­haus sperren, wenn er wüßte, daß ich ein bürgerliches! Mädchen ohne Namen, Stellung und Geld heiraten will/«

Traute nagte an der Unterlippe, und sah immer noch widerspruchsvoll aus.

Wo blieben die Illusionen, in denen sie erzogen worden war, gegenüber dieser entnüchternden Wirklichkeit? Sie war mit einer so unbändig hohen Meinung von ihrer Familie und sich selbst und mit so unwahren^ romanhaften Anschauungen des Lebens ausgewachsen/ daß sie plötzlich das Gefühl eines Sturzes aus den Wolken hatte.

Ihr sehr empfindlicher Stolz empörte sich gegen die demütigende Zumutung, die ihr Camill in dem Ton von etwas Selbstverständlichem machte, er forderte eine energische Zurückweisung.

In den meisten Romanen, die sie gelesen hatte, war die Heldin nichts als jung und schön, aber selbst wenn sie blutarm und abhängig war, lagen ihr die höchstgestellten und vortrefflichsten Männer zu Füßen, und rissen sich um die Ehre, sie zu ihrer Gattin machen zu dürfen.

So etwas Aehnliches hatte sie stets von der Zukunft erwartet. Ihre Romanheldinnen hätten in einer ähn­lichen Situation einen Bewerber wie Camill Stausfen mit edler Entrüstung zurückgewiesen, und in dem Verlauf der Geschichte hätte der Held später unerhörte Opfer ge­bracht, und wäre der stolzen Geliebten auf den Knieen nachgerutscht, nachdem er ihren vollen Wert begriffen, um sie schließlich in alle Rechte seiner Gattin und Königin seines Herzens einzusetzeu. Wer sie kannte Camill jetzt schon zu genau, um zu wissen, daß nichts dergleichen passieren würde.

Er liebte sie ja aber ganz anders als ihre Romanhelden liebten er würde weder jahrelang auf sie warten, noch ihr auf den Knieen nachrutschen war er viel zu verwöhnt sie würde ihre ganze Kraft und ihren Verstand zusammeunehmen müssen, um sich seine Liebe und Treue zu erhalten, und das Opferbringeu würde auf ihrer Seite sein.

Stolz und Ehrgefühl empörten sich gegen ein so ungleiches Verhältnis, und zum ersten Mal empfand sie mit bitterem Schmerz den Widerspruch zwischen den An­sprüchen, mit denen sie erzogen worden war, und ihrer traurigen Lage. Wie herrlich muß es sein, frei, stolz und gleichberechtigt lieben zu dürfeu!

Sie sah Camill prüfend an. Mit Centnerlast legte sich die Ahnung auf ihr Herz, daß dieser Augenblick entscheidend sei für die Zukunft, daß sie an einem Scheidewege stand.

Auf der einen Seite die Ideale ihrer Kindheit und frühen Jugend, auf der andern reales Erdenglück, um den Preis der Untreue gegen sich selbst, gegen das Allerheiligsts ihres bisherigen Daseins. Der Konflikt war einschneidend, und die Qual malte sich in ihren Zügen.

Da legte Camill den Arm um sie, er hob sein schönes, männliches Gesicht liebeflehend zu ihr empor, mit dem sieg-, haften Blick seiner blauen Augen, der ihr das Herz ge­stohlen hatte, und in einem Rausch wachsender Liebesalut flüsterte er ihr süße Worte zu.

Eine Amsel sang tm Tannengehege, und ein warmer, duftschwerer Lufthauch strich von den Wiesen herüber, so daß der Wald schauerte und leise seufzte wie in verhaltener Wonne. Wie ein gewaltiger, alles überflutender, alle Dämme niederreißender Strom brach die Liebe hervor in dem Herzen des jungen Mädchens.

Ein starker, tiefgehender Strom. Wie Strohhalme ließ er alles auf seiner Flut tanzen, was bisher Wehr und Schutz ihres Lebens gewesen war. Sie fühlte sich verloren, ertrinkend in seinen reißenden Wogen, aber es war, als würfe sie eine alte, ausgewachsene Hülle von sich, einen zu eng gewordenen Körper, und sei plötzlich frei und neugeboren.

Sie legte beide Hände auf Camills Schultern, sah ihn mit einem unaussprechlichen Lächeln an und sagte nur leise:

Camill riß sie stürmisch an seine Brust. Vielleichjt fühlte er sich in diesem Augenblick über sich selbst hinaus­gehoben, Md wie durch Suggestion .etwas' von der HMe