Samstag den 28. Junk.
Nr. 95.
1902.
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S ist vollkommen richtig, daß einen großen Geist, der seine Ideen der Welt kund thnt. immer ein Golgatha erwartet.
Robertson.
(Nachdruck verboten.)
Manneswert.
Roman von Marie Stahl.
(Fortsetzung.)
Es zeigte sich aber bald, daß das Reck für die kleine, korpulente Dame viel zu hoch war. Hopkins holte mit Gemütsruhe einen Stuhl herbei und half ihr hinauf.
Miß Buxton hatte das Gefühl, als solle sie an den Galgen, aber wie unter einer Suggestion stehend, folgte sie den Anordnungen des Geistlichen.
Sie stieß einen kleinen, schwachen Schrei aus, als er ihr jetzt den Stuhl unter beit Füßen wegzog. und sie sich Unter entsetzlichen Unbequemlichkeiten in der Luft schwebend fühlte. Ihre Kleidertaille war zu eng und platzte krachend in allen Nähten, alles Blut stieg ihr zu Kopf, und ihre weichen, jeder Anstrengung ungewohnten Hände vermochten die Last des schweren Körpers kaum zu tragen.
Sie nahm alle Kraft zusammen, um die anbefohlenen fünf Minuten in dieser qualvollen Lage zu verharren, und Mr. Hopkins hatte sich eben behaglich, zurechtgesetzt, und John Bunyan aus seiner Tasche hervorgeholt, als sie plötzlich krampfhaft mit den Füßen zu zappeln anfing, wodurch das Reck in Schwingungen geriet. Jetzt versagten ihre Hände den Dienst, und mit einem Hilseschrei flog sie dem erschrockenen Geistlichen, der ihr beistehen wollte, in, die Arme, ihn mit der ganzen Schwere ihres Körpergewichts zu Boden werfend.
In demselben Augenblick hatte Frau Welten an die Thür geklopft und war eingetreten, um Miß Buxton einen Brief zu bringen. Sie sah mit maßlosem Erstaunen die dicke Gouvernante wie vom Himmel herab in Mr. Hopkins Arme fliegen, und beide darauf sich gegenüber am Boden sitzend, erschrocken einander anstarrend. Der Anblick hatte etwas überwältigend Komisches, aber Frau Belten war voll Angst und Teilnahme, Miß Buxton könne zu Schaden gekommen fein.
Es stellte sich heraus, daß Miß Buxtons Toilette am schlechtesten dabei weggekommen war, beide Taillenärmel waren ausgerissen, und sämtliche Knöpfe über dem Busen abgeplatzt, sodaß die Gouvernante einen durchaus nicht mehr salonfähigen Eindruck machte, und vor Entsetzen über die Blößen, die sie sich gab, nach der nächsten Tischdecke griff, um sich hineinzuhüllen. Mit dieser notdürftigen Draperie ergriff sie die Flucht uach ihrer Schlafftube, und Frau Belten lief, um ihren homöopathischen Leitfaden und
die kleine Apotheke zu holen. Beide, Miß Buxton und Mr. Hopkins, mußten auf Frau Bellens dringenden Rat Arnikatropfen einnehmen, um allen bösen Folgen ihres Schreckens vorzubeugen.
Tie Gouvernante lag nach diesem verunglückten Experiment etwas blaß und angegriffen auf dem Sofa, ließ sich aber jetzt gern die Lektüre von John Bunyan durch Mr. Hopkins gefallen. „ r 1
Armin hatte seinen Zweck erreicht, die deutsche Stunde blieb ungestört. Miß Buxton hatte zwar von Stund an eine unüberwindilche Furcht vor einem Hängereck, aber Mr. Hopkins wußte sie zu einer milderen, weniger wag-, hastigen Art von Zimmergymnastik zu überreden.
Nach Anleitung der Broschüre für „Stubengymnastik und kalte Abreibungen" lehrte er sie regelrecht marschieren und allerlei körperliche Uebungen machen. Sie mußte, die Arme in die Seite gestemmt oder auf dem Rücken ver-- schränkt, zuweilen auch horizontal ausgestreckt, mit gebogenen Knieen um den Tisch herumhüpfen, abwechselnd den rechten und den linken Arm wie ein Mühlenrad drehen und andere gefahrlose Experimente unternehmen. Zum heimlichen, unendlichen Werguügen von Armin und Lillian hüpfte und exerzierte Miß Buxton bald mit Leidenschaft« da sie sich einbildete, die segensreichen Folgen dieser Kur bereits an ihrem Körper zu fühlen.
Mr. Hopkins mit seinem gesegneten Appetit und seinem Mangel jeder überflüssigen Körperfülle war em so glänzendes Beispiel für die Zweckmäßigkeit seiner Lehren und Ratschläge, daß die kleine, fette Gouvernante mit ihrem schwachen Magen und ihren steten Indigestionen glaubte, nichts Besseres thun zu können, als ihm zu folgen und eifrig "ach^rw Lillian und Armin unter dem Deckmantel der deutschen Sprachstunde, so genossen Traute und Camill Stauffen bei Gelegenheit häufiger Spaziergänge em ungestörtes Beisammensein. ,
Man ging zu dreien von zu Hause fort, Lillian, Armm und Traute, das war ganz harmlos, und niemand hatte etwas dagegen. _ _ „ , ,
Draußen traf man zufällig Graf Stauffen, der sich dem Spaziergang anschloß. Zuweilen kam auch, Stauffen, Armin abzuholen, und wenn dann Lillian und Traute die jungen Leute begleiteten, so war auch nichts dagegen em-, zuwmden. Ma« einmat draußen im Rosenthal oder im Nonnenholz, so ging jedes Pärchen seinen Weg, und an bestimmter Stelle traf man sich wieder.
Zuweilen blieb man auch zusammen, und war sehr übermütig und heiter. „
Die Tage und Wochen des März flogen dahin, und plötzlich war der erste April vor der Thür.
In den ersten Tagen des April wollte Stauffen Leipzig verlassen und M seiner Familie ^urückkehren. Kurz vor Ostern hatte er das Examen gemacht, oder wie er sagte«


