379
Und Tiefe des Gefühls, das Trautens Seele durchzitterre Md selbst die Untreue gegen sich selbst adelte.
Traute hatte in dieser verhängnisvollen Stunde den Schritt vom sorgenlosen Kinde zur Reife des Weibes gethan. Sie hatte zum ersten Male die ganze Schwäche imb die ganze Stärke des Weibes empfunden.
Vierzehntes Kapitel.
Der April brachte trübe Tage für die Familie ^Selten.
„Papa muß in schlimmen Verlegenheiten sein", sagte Armin eines Morgens mit niedergeschlagener Miene zu seinen Schwestern, als er diese allein in ihrem Zimmer fand. „Er hat mal wieder die Zuckerkrankheit und spricht davon, daß ich aus dem Korps treten müsse."
„Ach, weißt Tu denn nicht, daß er die Quartalszinsen für die Hypotheken noch nicht auftreiben konnte?" seufzte Hulde. „Einige Wohnungen stehen leer, es gab einen bösen Ausfall in der Mietseinnahme, dazu mutzten ein paar hohe Rechnungen für Wohnungsreparaturen bezahlt werden. Wenn Papa bis zum 15. nicht Hilfe schasst, kommt das Haus zur Subhastation."
„Mir ahnte so etwas. Wenn Papa anfängt, homöopathische Tropfen zu schlucken, und Mama so viel in der Bibel liest, dann ist immer Holland in Not."
Armin ging mit starken Schritten im Zimmer auf und ab.
„Ter arme Papa!" schluchzte Traute, die bereits rot- verweinte Augen hatte; denn am frühen Morgen war Camill Stanffen abgereist.
„Es ist ein Skandal, daß niemand mehr Geld hergeben will", schimpfte Armin, „warum wendet sich denn Papa nicht an seine alten Freunde?"
„Ist bereits geschehen, aber ohne Erfolg", erwidert^ Hulde.
„Gemeine, knickrige Bande!" sagte Armin mit tiefer Verachtung.
„O —" schluchzte Traute, „ich kann Papas Jammer gar uicht mehr mit ansehen — es zerreißt mir das Herz! — Ter arme Papa! Er hat schon von ErMeßen gesprochen wenn — wenn —"
„Ihr dürst ihn nicht allein lassen, und verfließt nur alle Waffen und Mordinstrumente", sagte Armin wichtig.
„Mein Gott, die Papierscheere liegt noch auf seinem Schreibtisch!" rief Hulde 'erblassend, „den Pistolenkasten hat Mama sorgfältig verschlossen." '
„Mit der Papierscheere kann man sich doch nicht umbringen", bezweifelte Traute hinter ihrem Taschentuch.
„Na, man kann nicht wissen — besser ist besser —i versteckt lieber auch die Papierscheere, es haben sich schon Menschen mit einem Federmesser oder mit einem Pfropfenzieher umgebracht", behauptete Armiu, obgleich er für den Pfropfenzieher kein thatsächliches Beispiel wußte.
Hulde ging darauf Und verschloß gewissenhaft diePapier- fcheere, sämtliche Pfropfenzieher, Federmesser und sogar das Küchenbeil.
(Fortsetzung folgt).
Die Plaudertasche.
Von Hieronymus Ivens.
Nachdruck verboten.
Es gießt einen Menschen, der von Zeit zu Zeit in Unserer Redaktion erscheint, angeblich um uns interessante Mitteilungen zu machen, in Wahrheit aber nur zu dem Zwecke, unseren Chefredakteur von der Arbeit ckbzuhalteu. Ter Mensch läßt sich aber nicht ohne weiteres abweisen,) denn er steckt immer voll interessanter Anekdoten, und hat man ihm erst zu reden gestattet, so ist man schon in seiner Gewalt. Ja, es Hat Fälle gegeben, daß unser ganzes Redaktionspersonal sich um den Mann versammelte, um ihm eine Stunde lang oder noch länger zuzuhören, sodaß der Faktor unserer Druckerei, der auf Manuskript lauerte, in arge Verlegenheit kam. Um diesen: Uebelstande ein für allemal zu begegnen, haben wir unseren Redaktionssekretär beauftragt, alle Anekdoten dieser unverbesserlichen Plaudertasche zu- stenographieren und sie nach Beendigung seiner ^Sprechzeit" in die Druckerei zu geben. Auf diese Weise rst mm dieses Feuilleton entstanden, welches unsere Freunde hoffentlich mit einigem Interesse lesen werden. Unsere Plaudertasche aber soll davon Notiz nehmen, daß ein Redak
teur ein vielgeplagtes Wesen ist, das man nicht zwecklos von seinen dringenden Arbeiten abhalten darf.
Ein Hausierer zog die Schelle an einem Hause und fragte das öffnende Dienstmädchen, ob er nicht die Dame des Hauses sprechen könnte.
„Sie kauft doch nichts von Hausierern", erwiderte das Mädchen.
„Eine Dame der Gesellschaft, die einige Häuser entfernt wohnt, hat mich hierher geschickt", sagte er, und als in diesem Augenblick die Hausfrau erschien, fuhr er zu dieser fort: „Gestatten Sie mir, Ihre Aufmerksamkeit für eine der sinnreichsten Erfindungen unserer Zeit zu erbitten."
„Was ist es denn?"
„Eine patentierte Thürdecke mit zivei Klappen, Madame. Auf der einen steht „Willkommen", aus der anderen „Nicht zu Hause". Diese Klappen werden von den: Vorraum aus durch zwei Schnüre bewegt.
An Tagen, an denen sie vorbereitet sind, Besuch zu empfangen, bringen Sie das Wort „Willkommen" auf der Decke an, und wenn Sie nicht wohl oder auf irgend eine Weise verhindert sind, so zeigen Sie den etwaigen Besuchern die Klappe „Nicht zu Hause". Ich habe schon eine Menge von diesem Artikel verkauft.
„Ich möchte solch ein Ding uicht bei mir im Hause wissen", bemerkte die Dame.
„Wirklich nichjt?"
„Nein. Es ist vielleicht neu, aber ebenso unpassend. Nehmen Sie es wieder mit."
„Aber, Madame, so viele von Ihren Nachbarn haben es gekauft, und ich versichere Sie, eA wird sehr beacht werden."
„Ich will es nicht sehen."
„Alle Vorstellungen nützen nichts?"
„Nicht das Geringste."
„Seien Sie vorsichtig, Madame, oder Sle zwingen mich. Ihnen ein Geständnis zu machen."
„Das ist gar nicht nötig. Machen Sie mit Ihren Decken, daß Sie fortkommen, weiter verlange ich nichts."
„Nun, meinetwegen, Sie wollen es ja nicht anders. Also Ihre Nachbarin gegenüber kaufte mir vorhin eine von meinen Decken ab und sagte, sie hätte nur eine Veranlassung, das zu thuu."
„Und welche wäre das?"
„Sie sagte, sie brauche gerade solche Decke auf der Thürschwelle, damit Sie nicht jede Stunde herübergelaufen, kämen, um über andere Leute zu klatschen. Adieu, Madame; Sie hätten wirklich gut gethan, auch eine solche Decke zu Ihrer Verteidigung zu kaufen."--
Ein w ohlb ekannter Politiker, welcher etwas schwerhörig ist, versucht zuweilen, sich vor Belästigungen zu schützen, indem ,er sich noch tauber stellt, als er in Wirklichkeit ist.
Bei einer Versammlung sah' er einen Bekannten auf sich zukommen, von dem er Grund hatte zu befürchten, daß er ihn mit endlosen Leidensgeschichten langweilen würde. Ter Mann sagte mit leiser Stimme, sodaß die anderen es nicht hören konnten: „Willst Du mir gütigst 20 Mark borgen?"
„Was sagst Tu?" fragte der Politiker in einem Ton, der den Bittsteller abschrecken sollte, sein Ansuchen in Gegenwart so vieler Personen zu wiederholen. Doch der Mann schrie so laut, daß jeder, der sich in Hörweite befand, aufmerksam wurde:
„Willst Tu so gut sein, mir 100 Mark zu leihen?"
Der Politiker genierte sich, die Bitte abzuschlagen. „Aber gewiß", sagte er, und gab dem andern das Geld.
Als der Borger abging, sah ihm sein Freund tief- betrübt nach, und seufzte:
„Das soll mir eine Lehre sein. Ich hätte rund 80 Mark gespart, ivemt ich ihn gleich das erste Mal gehört hätte!"--
Ein sehr träger Mann wurde von seiner Fran gebeten, die Kartoffeln im Garten zu graben. Er willigte ein, und nachdem er einige Minuten gegraben hatte, kam er wieder ins Hausund sagte, er hätte eine Münze gefunden. Er wusch dieselbe ab, und es zeigte sich, daß es eine halbe Krone war. Er steckte das Geld in die Tasche und ging wieder an die Arbeit. ,
Bald kam er wieder hinein und sagte, er hätte wieder ein Geldstück gesunden.' Diesmal war es ein Zweimarkstück. Er steckte es in die Tasche.


