edelste Schmuck der Frau ist. Je länger Thomas sie ansah, desto mehr söhnte er sich mit ihrer Magerkeit und ihrer grauen Hautfarbe aus. . ~

Am Grabe fand Rudolf Gelegenheit, ihr em Tennyson- sches Trosteswort ins Ohr zu flüstern natürlich m eng­lischer Sprache: i ,

T 18 better, to have loved and lost, than never to have loved at all.

(Fortsetzung folgt.)

Aus Liebe.

Novellette von C. Gerhard.

(Nachdruck verboten.)

Sie liegt ans dem Ruhebett, das Köpfchen mit den gold­braunen Löckchen in die Kissen gedrückt, die Augen ge­schlossen, so daß die dunkeln Wimpern wie ein Schleier auf den Weißen Wangen ruhen, die Hände, an denen kostbare Ringe blitzen, über dem schlichten Weißen Kleide gefaltet.

Plötzlich fährt sie empor, sie hat das Zufallen der Hausthür vernommen. Kehrt ihr Gatte schon heim? Nein, es ist nur der Diener. Meder liegt sie regungslos, aber die wunderschönen, seelenvollen Augen schweifen im Zimmer umher, das mit künstlerischem Geschmack eingerichtet ist. Jedes der geschnitzten Möbel ist sehenswert, die Wände, die Decke sind von einem berühmten Meister mit Malereien versehen, aus Gruppen von Blattgewächsen tauchen die marmornen Leiber von Göttergestalten auf, dieser An­blick soll die junge Frau ablenken von ihrem Leiden, mit dem Abglanz unvergänglicher Schönheit ihr stilles Dasein erfüllen."

Durch die Portiere schaut sie in ein zweites Zimmer, in dem ein geöffneter Blüthner steht, umgeben von Büsten der Meister der Tonkunst. Marines Licht, durch rote Schleier gedämpft, fällt auf diese herrlichen Räume, die ein süßer Beilcheuduft durchzieht.

Bor der Kranken auf einem Tischchen steht in einem mit altvenezianischer Goldfiligran-Arbeit umrankten Glase ein Strauß köstlicher Rosen; die .Ruhende zieht eine La France heraus und führt sie an die Lippen. Ihr Gatte hat sie ihr heute, wie alle Morgen gebracht. Wie gut ist er doch! Wohl hat sie ihn während ihres kurzen Brautstandes und ersten berauschenden Ehejahres innig geliebt, aber recht verstehen, ihn bewundern hat sie erst gelernt, seitdem sie durch die Geburt eines Kindes, das kaum eine Stunde gelebt, ihre Gesundheit eingebüßt. Als inan die zarte Blüte der Erde übergab, raste sic in Fieberphantasien, eine Krankheit nach der andern brachte sie dem Tode nahe, aber endlich siegte ihre Jugend. Doch eine nervöse Lähm­ung der unteren Glieder war eingetreten, die allen Heil­versuchen spottete.

Seit vier Jahren ist Margarete hilflos, und dennoch beklagt sie nicht ihr Geschick. Denn Eberhard überhäuft sie mit seiner 'zärtlichen Liebe und Sorgfalt; vom Schlaf­zimmer trägt er sie in den Salon und wieder zurück; nie ist er ungeduldig, nie zu müde, mit ihr zu plaudern, ihr vorzu­lesen,' oder zu spieleu. Und doch ist er so lebensfreudig, doch könnte ihm eine gesunde Frau so viel sein!

Das ist das Bitterste für sie, daß sie ihm nicht die sorgende Hausfrau, die Gefährtin sein kann, wenn er sie auch das Glück, den Inhalt seines Lebens nennt. Eine Thür wird geöffnet. Margarete hört einen schnellen Tritt, sie preßt die Hand auf das Herz, ihre Wangen färben sich, noch immer errötet sie wie eine Brant, wenn ihr Gatte sich naht.

Und nun beugt er sich zu ihr nieder und küßt sie. Sein starker Arm richtet sie empor, ihr Kopf liegt an seiner Brust, mit strahlenden Augen sieht sie zu ihm auf.

Lieber, Geliebtester, wie glücklich bin ich!"

Ach, Du armes Bögelchen! Glücklich und kannst nicht die Flügel regen!"

Du trägst mich, in Deiner Liebe ruhe ich!"

Mein holder Liebling!"

Sie streicht ihm das aschblonde Harr aus der breiten Stirn, die im Verein mit dem markigen Kinn dem Gesicht den Stempel der Energie und Bedeutung verleiht, während die Augen oft einen träumenden Ausdruck anuehmeu.

Weißt Du, welch ein Tag heute ist, Margaretleiu: Bor fünf Jahren gewann ich Dich mir. Du standest im

Garten, rupftest die Blättchen eines Maßliebchens ab und flüstertest: Er liebt mich liebt mich nicht, er liebt mich! Weißt Du es noch?"

Wie könnt ich's je vergessen! Plötzlich standest Tu hinter mir und sagtest: Ja, so ist es! Und dann nahmst Tu mich in Deine Arme, und das verwaiste Mädchen gewann ein Herz und eine Heimat."

Zum Andenken an die selige Stunde habe ich Dir dieses MargaretenblümleiN mitgebracht."

Er nimmt ans einem Etui ein Medaillon aus edlen Steinen in Form eines Maßliebchens, das sein Bild ent­hält.

Tausend, tausend Dank! Bist Du nun ferne von mir in Deinem Kontor, so soll das Maßliebchen und Dein Portrait mich trösten. Bitte, willst Tu mir nun etwas spielen?"

Er nickt und schreitet zum Flügel, Und daun erbraust Beethovens Appassionata, jenes erschütternde musikalische Seelengemälde unter seinen Händen, vollendet vorgetragen.

Als er zu seiner Frau zurückkehrt, ist ihr Antlitz von Thränen betaut.

Du weinst? Ich hätte heute diese tragische Sonate nicht spielen sollen."

Doch, ich liebe sie sehr, wenn mich auch dcr'Ausdruck leidenschaftlichsten Schmerzes stets ergreift Und meisterhaft hast Tu gespielt! Wie schade, daß Du die Welt mit Deinem Talent nicht beglücken kannst, Dich selbst durch Hingabe an Deine Kunst!"

Ich beklage es nicht mehr. Freilich, als mein älterer Bruder starb und mein Vater mich ans den erfolgreichsten musikalischen Studien an seiner Stelle ins Geschäft berief, brauste ein Sturm durch meine Seele. Damals habe ich die Appassionata verstehen gelernt. Schwer nur trug ich mein Joch. Doch jetzt preise ich meinen Beruf; er ge­stattet mir, bei Dir zu sein, Dich zu pflegen, während die Virtuofeulausbahu mich von Dir getrennt hätte. Statt für die Welt spiele ich nun für Dich, mein Lieb, das ist Glückes genug."

Du denkst immer nur an mich. Du bester der Menschen! Aber heute gehst Tu in den Klub, Du versprichst es mir?"

Wenn Tu es wünschest, gehorche ich."

Doch als sie gemeinsam gespeist und die Kranke gebettet ist, denkt Eberhard nicht mehr des Versprechens. Ter Glanz in seinen Zügen ist erloschen, eine tiefe Falte gräbt sich in seine Stirn, er sitzt an seinem Schreibtisch und rechnet, rechnet. Tas Blut steigt ihm in den Kops, es muß sich doch ein Ausweg finden, ein Mittel, die verlorenen Sum­men wieder einzubringen, damit er fein krankes Vögelchen in gewohnter Weise hegen und pflegen kann. Als er Mar­garete zum Altäre führte, war er reich; er hatte sich schnell eingearbeitet, ja, der überseeische Handel interessierte ihn. Wohl verschlang der großartige'Zuschnitt des Hauses, die Kur eil, Reisen, zahlreiche Aerzte, die Pflege der Kranken bedeutende Summen, aber er hatte auch viel verdient. Doch vor einigen Wochen war er einem Diebstahl auf die Spur gekommen. Aus dem Geldschrank, zu dem nur er und der Kassierer den Schlüssel besaß, waren Papiere verschwunden, die den dritten Teil seines Vermögens ausmachten. Tie Flucht des Kassierers bewies dessen Schuld. Der Verlust schädigte Eberhards Kredit, eine Schwierigkeit erwuchs ihm nach der andern. Was thuu: Als er sich endlich zur Ruhe legt, hat er einen Entschluß gefaßt, doch den Schlaf findet er nicht.

Ter Sommer vergeht mit seiner Blütenpracht, der Herbst singt sein Klagelied, der Winter beginnt mit Eis und Schnee. In' der Geschäftswelt ist man erstaunt, daß Eberhard Altenburg seit geraumer Zeit, entgegen den Traditionen feines Hauses, spekulierte. Niernaild ahnt, was ihn dieses Thun, das er selbst niedrig, verächtlich findet, kostet. Zuerst gewann er, bann verlor er, und diese Verluste treiben chn, immer wieder neues zu wagen, nicht um seiner selbst, nur um Margaretes willen. Und er giebt sich fast übermensch­liche Mühe, ihr, die auch von dem Diebstahle nichts weiß, seine Sorgen, seine Verstimmung zu verbergen. Augen­blicklich hat er sich an einem großen Unternehmen be-, teUigt. Glückt es, so ist Margarete für alle Zeit gesichert, und er kann zu den soliden Geschäften der früheren ^ayre zurückkehren.

IN fieberhafter Spannung verlebt er die nächsten Wochen. Endlich kommt die Entscheidung: ©te sit siM ungünstig, er hat den Rest seines Vermögens verloren.