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kommt, die letzte Und große Frage unseres Lebens, wenn alles andere in der Welt — Sozialismus, Nationalökonomie und das Ganze — so unendlich nichtssagend für uns wird, ist: wie wir ihn schließlich empfangen, ob wir die Stirn erheben und sagen können: ,Jn Gottes Namen, komm'!"
„Kannst denn Du das?"
„Es hat Augenblicke gegeben, in denen ich es zu können glaubte; aber ich will auch ehrlich gestehen, daß es Stunden giebt, wo mich die Angst- überkommt. Nicht zu allen Zeiten vermag man sich über den siebzigtausend Klaftern Wasser zu halten, von denen Kirkegard redet; aber ich bin sicher, daß der Herr mir helfen wird, wenn meine Stunde kommt." „Ja, ja — weißt Du eigentlich, daß wir heute Mondfinsternis haben?"
„Und trotz meines Kleinglaubens steht es für mich fest, daß das Christentum, es mag heutzutage noch so viel heruntergerissen werden, dennoch mit seiner Kraft und Schönheit, mit seiner erhabenen Sittenlehre die einzig haltbare Grundlage für das Menschenleben ist, die einzige Macht, die u ns zu einem wirklich versöhnenden Blick auf das Leben erheben kann."
„Na, jetzt gehe ich. Laß Dir's gut gehen, alter Junge."
Helene kam unterdes wieder herein und setzte sich auf einen Binsenschemel zu Böjes Füßen.
Ach, dieser Unglaube, dieser Unglaube, meinte sie, der sei doch das größte Unglück unserer Zeit. Er breite sich mit seinen tausenderlei Verzweigungen und Leichtsinn über die moderne Welt aus und mache den ganzen Organismus krank.
Böse gab zu, daß es schlecht genug um das Glaubens- lebcu stünde, besonders in der Hauptstadt, wo sich der Herd der Freigeisterei befinde, und wo man zugleich den widerwärtigen Anblick habe, daß viele das Christentum als Tünche benutzten, die den Verdacht von der Fäulnis ihres Privatlebens ablenken solle; es gäbe viel verborgene Gottesfurcht ringsumher im Lande, besonders in den einfacheren Häuslichkeiten des kleinen Mannes.
Sie sprachen über den Ernst und die Kämpfe des Daseins im allgemeinen und kamen schließlich auf die Widerwärtigkeiten ihres eigenen Lebens zu sprechen.
„Ist es nicht sonderbar, Hans, wir haben uns doch so von Herzen lieb gehabt, und sind trotzdem nicht glücklich gewesen!"
Sie seien so verschieden angelegt, meinte er. Sie gehöre zu jenen ernsten Naturen, die stets die ganze Vergangenheit als Reisegepäck mit sich schleppen und die stets ein Verhör mit sich selber anstellen, während er einer jener unruhigen Köpfe sei, die voll und ganz in dem leben, was für den Augenblick die Oberhand in ihnen hat, und die oft zu eifrig und rücksichtslos werden. Und dann sei eS nun ja einmal die Eigentümlichkeit der Uebergangszeiten in der Geschichte, daß sie an den Privatverhältnissen von Tausenden zerrten und rüttelten und überall Gärung bewirkten.
„Ja", erwiderte sie mit feuchten Augen, „ich glaubte, ich könnte mit all dem alten brechen und mein ganzes Herz umgestalten. Du weißt nicht, wie ich gekämpft habe, Hans! Ich habe die Zähne zusammengebissen und alle meine Kraft darangesetzt, um Dir zu folgen; aber man kann seine Natur nicht ändern."
Eine Weile saßen sie da und sahen einander schweigend an. Beider Augen füllten sich mit Thronen. Da ergriff Böje ihre Hand: „Mein geliebtes, teures Weib!" — Er bat sie, ihm einige Papiere zu geben, die in seiner Mappe lagen.
„Du kannst dies gelegentlich einmal lesen und es dann verwahren", sagte er, ihr einen Briefbogen reichend.
Sie las es gleich:
„Und sitz' ich einsam hier in meiner Kammer, Vor mir das Bild, auf dem gequält- geschunden, Ich Loke seh, au Arm und Bein gebunden, Wie er sich windet unter Schmerz und Jammer,
Und dann sein Weib sich naht und, seine Qual zu enden, Des Wurmes Gift will in der Schale fangen, Und, daß kein Tropfen soll ins Blut gelangen. Sie von sich schleudert weit mit beiden Händen:
Dann denk' ich dein, wie oft in deiner Treue Du, teures Weib, mir Hilf' und Trost gespendet, Wenn mich gefesselt hielt des Zweifels Qual aufs neue.
Und wie es dich beglückt, wenn du von mir gewendet Des Schmerzens Tropfenfall, und Sorg' und Not und Reue: Hab' Dank, so oft du mir die Schale hast gesendet!"
Sie ging zu ihm hin, setzte sich wieder auf den Binsenschemel und lehnte den Kopf au seine Kniee.
Ehe Böje sich schlafen legte, öffnete er ein Fenster, uni sich durch einige Züge der frischen Frühlingsluft zu erquicken und die rote Pracht des westlichen Himmels zu betrachten.
Die Sonne versank in ein Meer von purpurbezogenen Federkissen. Bald sah man nur die obere Rundung ihrer Stirn über dem Horizont. Die Natur wurde still — die Königin des Tages wollte schlafen. Ueber ihrem Lager erglühte der Himmel in roten, violetten und gelben Farben, alle mit dem feinen Schimmer der Unberührtheit, zusammengeschmolzen zu einem harmonischen Ganzen, gleich den Bildern eines schönen, farbenreichen Traumes.
Einige Tage nach Absendung des Briefes kam Thomas, um Verabredungen über den Umzug zu treffe», der seiner Ansicht nach am besten sobald als möglich ins Werk gesetzt werden müsse.
Da aber war Böje gestorben.
Die Frühlingsträume, die lichten Sommerbilder, die ihn: die Hoffnung vorgegaukelt hatte, waren das letzte Aufflackern seines Lebens gewesen.
Helene war anfs Standesamt gegangen, nm seinen Tod anzuzeigen.
„Gott int Himmel mag wissen", meinte Madame Hansen, die Thomas in ihre kleine, einfache Stube hinein genötigt hatte, „woraus das Frauenzimmer zusammengesetzt ist, denn nichts in der Welt vermag sie zu beugen. Jetzt ist sie drei Tage und drei Nächte hier herumgegangen und hat keinen Schlaf in die Augen bekommen. Und womit sie ihr Leben aufrecht hält, das ist mir ein Rätsel, denn sie hat auch nicht einen Bissen Brot über die Lippen gebracht."
Thomas hörte dem Gerede nur mit halbem Ohre zu.
Böje war tot!
Er konnte weder fitzen noch stehen. Wie mochte es ihr ergehen? Wie war ihr zu Mute? Was sollte er zu ihr sagen? Ob sie nun wohl nach Holmstrup hinausziehen würde?
„Nur ein einziges Mal, in der letzten Nacht, kant sie zu mir hereingerannt: „Ich kann es nicht aushalten, ich kann es nicht aushalten!" — „Ja, aushalten müssen Sie es", sagte ich zu ihr. „Ich kenne es ganz genau von Hansen her, er lag ebenso da und verdrehte die Augen, aber es währte doch, gottlob, nicht lange, bis es mit ihm aus war." Ich mußte sie ja ein wenig trösten."
Thomas stemmte die Arme in die Seitetr und starrte den Fuß des Ofens an. Wie alt war Helene jetzt eigentlich? Erst dreiunddreißig Jahre! Und noch so schön. Er rief sich ihr Bild von jenem Mondscheinabend zurück. Gott weiß, ob sie nicht doch — ob es nicht noch — —
Endlich trat sie in die Thür.
Es war Thomas, als ginge ihn: ein Stich durchs Herz, als sie ihm ihr Antlitz zuwendete. War dies das graue, starre Gesicht Helenes? Erst jetzt entsann er sich, daß er sie nicht bei Tageslicht gesehen hatte. Ach, wie hatte sie sich doch verändert! Eine bitter-schmerzliche Wehmut er- grrff ihn, eine Stimmung, wie sie uns überkommt, wenn wir von etwas unendlich Liebem und Schönem Abschied nehmen müssen.
Er reichte ihr die Hand und wollte etwas sagen, konnte aber keine Worte finden.
„Ja", begann sie, während ihre Lippen in dem stillen Kämpf mit den Thränen bebten, der das Antlitz eines Kindes und einer Frau so unsagbar anziehend machen kann — „ja, wer hätte gedacht, daß es so plötzlich kommen würde, nachdem er sich so erholt hatte!"
Thomas besorgte einen Sarg und traf alle Vorbereitungen zur Beerdigung.
Am Begräbnistage kam er wieder und brachte einen Kranz aus Christdorn mit einer Kalla und weißen Lilien mit. —
Die Feier verlief in aller Stille. Nur wenige Freunde folgten dem Sarge, darunter Rudolf, der tief bewegt einen Palmenkranz aus die Bahre legte und Helenes Hand mit thränenfeuchten Augen drückte.
Helene war sehr bleich, aber ruhig und stark in ihrem Schmerz. Auf ihrem Antlitz lag jene Seelenhoheit, die der


