Ausgabe 
28.5.1902
 
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(Nachdruck verboten.)

Die Möve.

Roman in zwei Bänden von Zacharias Nielsen. Autorisierte Uebersetzung aus dem Dänischen

von Mathilde Mann.

(Fortsetzung.)

Helene, die nun auch ein Wort mit hineinreden mußte, verwies auf die großen Wohlthäter der Menschheit, auf die Heroen der Wissenschaft und der Geschichte, die Mär­tyrer der Kirche usw.

Eigenliebe! Nichts als Eigenliebe!"

Die Eigenliebe sei auch der innerste Nerv der Re­ligion. Die Menschen beten zu einem Gott, weil sie seiner bedurften, und damit er vollkommen genug sei, um ihnen auf alle Weise helfen zu können, statten sie ihn mit all den Eigenschaften aus, an denen es ihnen gebrach, ja, machten sich selbst in geistiger wie in körperlicher Be­ziehung armseliger, als sie waren, um den Gott desto reicher darstellen zu können, rissen aber dann durch ihren Kultus diesen ganzen Reichtum wieder an sich. Im Gebet betete der Mensch sein eigenes Herz an, deswegen würden die Götter die unerfüllten Wünsche der Menschen

Du solltest Feuerbach lesen, mein Freund!"

Ja, die Weisheit kenne ich gründlich. Aber ihr guten Feuerbacher redet über Religion wie der Farben­blinde über Farben."

Ja, das thun Sie", fiel Helene ein.Sie kennen das Christentum nur aus den Büchern."

Das Christentum ist für alle diese hochgelahrten Denker, die selber unberührt davon geblieben sind, nur ein System, lute der Diamant für den Chemiker nur ein Stück krystallisierter Kohle ist; das Christentum ist aber etwas ganz anderes, mein guter Rudolf!"

Ja, was ist es denn aber, was ist es denn aber?"

Es ist eine Macht im Herzen", versetzte Helene mit Nachdruck,es ist eine Macht, die achtzehnhundert Jahre in der Gemeinde gelebt hat und die alle Adern des Menschen mit seiner Kraft durchdringen kann."

Rudolf zog die Augenbrauen in die Höhe und sandte einen Seufzer zstr Decke hinauf.

Halten Sie das vielleicht für Wahnsinn?" fragte sie..Ach, Sic ahnen nicht, wie häßlich Sie und Ihre Gesinnungsgenossen handeln, wenn Sie uns Christen als Irrsinnige stempeln. Freilich brauchen wir uns das nicht zu Herzen zu nehmen, aber von Ihrem eigenen Standpunkt

Mittwoch -rn 28. Mai,

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1902. Nr. 78.

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as die wahre Freundschaft und noch mehr das glückliche Band der Ehe so entzückend macht, ist die Erweiterung des Jchs.

G. Ch. Lichtenberg.

aus ist es häßlich. Sie sind ja ein Mann der Freiheit» der Freund des freien Gedankens! Aber wenn ich nun einen Glauben habe, der sich in meinem Innern unter Angst und jahrelangen Kämpfen abgelagert hat, und der mir teuer geworden ist tote das Beste, das ich besitze, weil ich ihn erprobt habe, weil ich seinen Wert erkenne, so habe ich auch ein Recht darauf, Achtung für diesen meinen Glauben zu fordern, und ich dulde nicht, daß er mit großen, schweren Absätzen zertreten wird." .

Helene!" bat Böse. - |

Ja, man kann schließlich auch einmal" A

Rudolf kraute sich im Nacken.

Helene ging hinaus, um nach den Kindern zu sehen.

Du bist ja auf Deine alten Tage höllisch steif in den Dogmen geworden", stichelte Rudolf.

Du solltest lieber meine letzten Tage sagen!"

Ach, das meinte ich nicht!"

Ich versichere Dich, Rudolf, es ist auch kein Kinder­spiel, so auf einen Stuhl gepackt zn werden mit der nahen Aussicht auf den Friedhof. Dir ahnst nicht, was das sagen will."

Ja, ja ja, ja!"

Du gehst umher und stöhnst unter einem Uebermaß ton Gesundheit. Wenn man, wie Du, munter ist wie ein Fisch und genug hat, um zu leben und sich zu amüsieren, dann mag es leicht sein, von dem sanften Nirwana zu reden; aber Du kannst mir glauben, es ist kein Scherz, wenn die Zeit kommt, wo uns der Tod zur Seite nimmt so ganz privatim und uns mit feinen hohlen Augen und seinem moderigen Atem ins Gesicht starrt z. B> so eines Abends in der Dämmerstunde, wenn man sich selber in einem schwarzen Kasten mit Buxbaum auf dem Magen liegen sieht, und alles, alles sich in Leichenluft und Verwesung auslöst."

Hör einmal"

Ich weih nicht, Rudolf, ob Du einen Begriff davon hast, wie groß einem in einer solchen Stunde die Angen im Kopfe werden können."

Du, das ist ein verteufelt ungemütliches Thema."

Ja, gemütlich ist es nicht der Tod ist überhaupt nicht gemütlich."

Ich sage wie Epikur: ,Weshalb soll ich ait den Tod denken? Solange ich bin, ist der Tod nicht für mich da, und wenn ich nicht mehr bin, brauche ich mich nicht vor ihm zu fürchten'. Weshalb sollte ich denn überhaupt an den Tod denken?"

Alls die Weise räsonnieren wir den Tod nicht fort. Es giebt nicht einen unter uns, der nicht Augenblicke hätte, wo ihm davor graut. Wir wissen, daß wir einmal mit ihm ringen müssen, toie sehr wir uns auch dagegen sträuben mögen."

Ich weiß nicht recht, aber ich- glaube, es zieht

Und das, worauf es schließlich doch für uns an-