Ausgabe 
28.4.1902
 
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lief und ihre Finger zittern machte? Ach, das war ja erbärmlich.

Cie öffnete das Buch, wandte die Titelseite um und begann sofort zu lesen.

Die Erzählung handelte von einer jungen adligen Dame, die einen armen Künstler mit einer Innigkeit liebte, die jahrelang gegen die Standesvorurteile und den Zorn der Eltern ankärupft. Eines Nachts springt die Dame aus dem Fenster, flieht mit ihrem Freund in ein fremdes Land, wo sie sich trauen lassen und wo sie ein Dasein überfließenden Glückes leben. Das Ganze war ein hochgestimmtes Loblied auf die junge, starke, lebenswarme Liebe, die alle Gitterwerke der For­men zersprengt und sich auf Schwalbenflügeln siegesstolz und jubelnd in die sonnenerfüllte Luft der Freiheit empor­schwingt alles mit einer glühenden Stilpracht wieder­gegeben, die wie heißer Wein auf ein junges Gemüt wirken mußte.

Sie verschlang Seite auf Seite mit all dem glühenden Eifer, den das Thema und dieser neue, sinnenberauschende Stik in ihr wachrief; aber plötzlich, mitten in einer verschleierten Schilderung der gegenseitigen Annäherungs­gelüste der jungen Liebenden ergriff sie eine unsagbare Angst, sie schlug das Buch zu und stieß in einem heftigen Atemzug den ganzen Luftinhalt ihrer Lungen aus, als wolle sie sich dadurch von all dem berauschenden Dampf befreien, den sie eingesogen hatte.

Ihre Wirtin, eine kleine, kriechende Schneiderwitwe mit einer ganzen Eisenbahnkarte von schwarzen Runzeln im Gesicht, kam eines Tages selbst mit dem Thee zu ihr herauf. Mit einem eigenen, geheimnisvollen Blinken der kleinen rotrandigen Augen und einem einschmeichelnden Flüstern, das dem jungen Mädchen gleich einem elektrischen Zucken durch Mark und Bein ging, wie es uns überfallen kann, wenn wir unser AntliA einem Tiere nähern verneigte sie sich und ha, hi, hi grüßte Fräuleinvon dem Herrn, der zu Fräulein kommt."

Helene erhob sich und warf ihr einen zornfunkelnden Blick §u.

Mein Gott, Fräulein müssen wirklich nicht"

Ich bitte Sie, mich in Frieden zu lassen, Madame Sörensen ich verbitte mir dergleichen ein für allemal." Aber du Gerechter, was hab' ich denn nur gesagt oder gethan?"

Ich will kein Wort mehr davon hören kein Wort."

Großer Gott im Himmel Herrjemine! Sie stoßen den Thee um! Weil ich in aller Unschuld. Na ja, dann werd' ich kein Wort mehr sagen, aber Fräulein müssen doch wirklich--"

Helene drehte ihr den Rücken und hörte nicht mehr auf ihre" lange Rückzugsrede.

(Fortsetzung folgt.)

Eine Milliarde Minuten.

Ein eigenartiges Jubiläum unserer Zeitrechnung.

(28. April 1902.)

Von Ru-dolf Curtius.

Nachdruck verboten.

Menn unsere jubiläenfrohe Zeit selbst bei Größen dritten und vierten Ranges die fünfzigste und hundertste, ja sogar die fünfundsiebzigste Wiederkehr der Todestage und Geburtstage mit Gedenkblättern feiert, die wenigstens den einen Vorzug haben, die schnelllebige Menschheit von heute darauf aufmerksam zu machen, daß der Gefeierte überhaupt gelebt hat, so ist es wohl auch gestattet, auf ein recht eigenartiges Jubiläum unserer Zeitrechnung hinzu- weisou, welches in analoger Weise erst von unseren ent­ferntesten Nachkommen in etwa 19 Jahrhunderten wieder gefeiert werden kann.

, handelt sich zwar um keine runde Zahl der Jahre, wre vor einem bezw. zwei Jahren, als sich selbst die ernsthaftesten Leute mit einem Aufwande zahlreicher Beweis­gründe darüber stritten, ob das 20. Jahrhundert mit dein 1. Januar des Jahres 1900 oder 1901 beginne. Wenn aber am 28. April dieses Jahres nach gregorianischem Kalender gerechnet, die richtig gehenden Uhren auf 10 Uhr 40 Minuten Vormittag zeigen werden, dann liegt in diesem unauffälligen Datum doch eine recht runde Zahl versteckt.

die rundeste, mit welcher in praktischen Verhältnissen, ab- gesehen von den mit Billionen und Trillionen von Meilen rechnenden Astronomen, gearbeitet wird, nämlich eine Milliarde. In dem oben angegebenen Moment sind näm­lich nicht mehr und nicht weniger als Tausend Millionen Minuten seit Christi Geburt oder, da dieser Augenblick nicht mit der Genauigkeit unserer modernen standesamt­lichen Register feststeht, korrekter ausgedrückt, seit dem Beginn unserer Zeitrechnung verstrichen.

Eine Minute ist ein so kurzer Zeitraum und wird in unserer Empfindung außer wenn es sich um Zahn­reißen und andere schwer zu tragende Schmerzen handelt, so gering bewertet, daß jeder, der einen größeren Zeitraum ungefähr in Minuten schätzungsweise, ohne langes Ueberlegen, bewerten sollte, wenn er nicht schon früher einmal darüber nachgedacht hat, stets viel zu große Zahlen nennen wird. Eine Milliarde Minuten sind, so wird mancher denken, freilich keine Kleinigkeit, aber auch keine Ewigkeit. Und er hat damit ja auch gewiß Recht, denn seitdem die Franzosen an das Deutsche Reich eine Kriegs­entschädigung von 5 Milliarden Francs zahlen mußten, ist der Respekt vor der Milliarde erheblich gesunken. Wie groß aber diese Summe in Wirklichkeit ist, kommt gerade bei der Betrachtung zum Bewußtsein, daß, in Minuten gerechnet, seit dem Beginn des Jahres 1 nach Christus jetzt erst die Milliarde vollendet ist.

Mer daran zweifelt, möge an der Hand nachstehender Anleitung das Exempel selber ausrechnen, das für jeden unter Anwendung der vier Spezies in folgender Weise ziemlich leicht ausführbar ist.

Um unnötige Rechnnngsoperationen nach Möglichkeit zu vermeiden, gehen wir vom julianischen Kalender aus, der ohnehin bis zum Jahre 1582 überall in christlichen Ländern gegolten hat, und bringen die für den gregoriani­schen Kalender notwendige Korrektur zum Schluß an.

Zunächst berechnen wir die Minutenzahl eines Jahres- cyklus von vier Jahren, also von drei gemeinen Jahren und einem Schaltjahr von 366 Tagen. Da eine Stunde 60 Minuten und ein Tag deren 1440 hat, kommen wir zu dem Resultat, daß der eben ins Auge gefaßte vier­jährige Zeitraum (4.365 plus 1). 1440 gleich 2103 840 Mi­nuten enthält, und erhalten, wenn wir mit dieser Zahl eine Milliarde als Dividendus teilen, zunächst 475 vier­jährige Perioden, also 1900 Jahre und einen Rest von 676 000 Minuten. Da ein Tag 1440 Minuten hat, erfahren wir durch weitere Division von 1440 in 676 000, daß dieser Minutenrest 469 Tagen entspricht, wobei noch weitere 640 Minuten gleich 10 Stunden und 40 Minuten bleiben. Von den 469 Tagen gehen aber 365 Tage auf das Jahr 1901 ab, sodaß für das Jahr 1902 noch 104 Tage 10 Stunden und 40 Minuten bleiben. Da Januar, Februar und März aber 31 plus 28 plus 31 gleich 90 Tage zählen, bleiben für den April noch 14 Tage, und die oben genannten Stun­den und Minuten, und somit ist nach julianischem Kalender die erste Milliarde Minuten am darauffolgenden Tage, also am 15. April 1902, Vormittags 10 Uhr 40 Minuten, vollendet. Wir haben nun, um auf unsere Zeitrechnung nach Papst Gregors XIII. Kalender zu kommen, nur noch nötig, die 13 Tage hinzuzuschlagen, um welche jener dem alten Kalender voraus ist, und die aus der Weglassung von 10 Kalendertagen im Jahre 1582 und ferner davon herrühren, daß die Jahre 1700, 1800 und 1900 eben nach unserer Zeitrechnung keine Schaltjahre sind. Wir kommen somit auf das oben genannte Datum vom 28. April 1902, Vormittags 10 Uhr und 40 Minuten.

Im Interesse jener, welche etwa beabsichtigen, diesen seltenen Augenblick, der so günstig in die Mittagsstunden fällt, mit einem solennen Frühschoppen zu feiern, ist der gewissenhafte Chronologe verpflichtet, darauf aufmerksam zu machen, daß die Sache nicht nur einen, sondern sogar zwei Haken hat.

Erstens ist es ziemlich sicher, daß Christus schon mehrere Jahre vor dem Beginn unserer Zeitrechnung, nämlich nach den einen 6, nach anderen 3 Jahre früher geboren wurde, und zweitens verlegt man herkömmlicher­weise dieses Datum nicht auf die Scheide zwilchen Sylvester und Neujahr, sondern wie das Datum des Weihnacht^ festes beweist, auf den Vorabend des 25. Dezember; und selbst letzteres Datum ist auch unverdientermaßen zu der Ehre gekommen, als Geburtstag des Erlösers zu gelten, und zwar deshalb, weil man im Mittelalter feinen Ge-