Ausgabe 
28.4.1902
 
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Ist für mich eilt furchtbarer Gedanke, daß ich für seine Zukunft verantwortlich sein soll."

Wie können Sie mir so etwas sagen?"

Ja, das bin ich. Es ist mir von dem Tage an, wo ich ihm meine Hand gab, ganz klar, daß Gott selber uns zusammengeführt hat. Er gab mir eine Macht über ihn, wie sie kein Mensch bisher besessen hatte, und so sicher wie sein Leben eine ganz andre Richtung erhielt, nachdem wir verlobt waren, ebenso gewiß weiß ich auch, daß er zu Grunde gehen wird, wenn er mich nicht hat."

Denken Sie denn daran, das Geschehene wieder gut zu machen?"

Ob ich daran denke?" wiederholte sie. Die Frage kam ihr so überraschend, daß sie nicht wußte, was sie antworten sollte.Der Tag kann kommen, an dem er mich selbst ruft. Oder mein Herz, mein Gewissen kann mich zwingen, man weiß nie, was geschehen kann."

Er erhob sich hastig.

Helene, das kann Ihre Wsicht nicht sein! Sie können nicht daran denken, einer» Mann zu heiraten, den Sie nicht lieben, während nein, das können Sie nicht thun!"

Mir können viel, wenn unser Gewissen uns zwingt."

Was aber wird dann aus dem ewigen Recht der Liebe? Haben wir denn unserm eigenen Leben gegenüber keine Pflichten?"

Böje, erinnern Sie sich des Tages, als wir in den Wald fuhren?"

Freilich erinnere ich mich dessen, und ich muß ge­stehen, daß ich die Dinge jetzt ganz anders betrachte."

»Ja, so geht es mit uns. Lassen Sie uns ehrlich sein, Böje. Wenn unsere Ansichten uns persönlich nicht mehr passen, so werden sie oft sehr biegsam, sie fügen sich und schmiegen sich, bis es schließlich damit endet, daß sie in ihre eigenen Gegensätze umschlagen."

Nein, es ist nicht aus Rücksicht auf mich selber geschehen vielleicht hat das ein wenig dazu beige­tragen, daß ich meine Ansichten geändert habe; aber die Bewegung, die durch die ganze Zeit geht, zwingt jeden wahrheitsuchenden Menschen, verschiedene veraltete Anschauungen aufzugeben, besonders in Beziehung auf das Verhältnis zwischen Mann und Frau. Ich habe über diese Sachen sehr viel mit einem Freund, dem Kandidaten Rudolf, gesprochen, und ich bin mehr und mehr zu der Ueberzeugung gelangt, daß wir der persönlichen Freiheit und den persönlichen Rechten mehr Platz einräumen müssen, als dies früher der Fall war."

Sie wissen übrigens sehr wohl, fügte er hinzu, daß er durchaus kein Anhänger derfreien Liebe" sei; was er preise, das sei nur das Recht des freien Herzens. Das Verhältnis, von dem hier die Rede sei, wäre so einfach, wie nur irgend etwas in der Welt: er liebe {ie, und fie liebe ihn, beide hätten ihre Freiheit, beide eien sie mündig, nichts in der Welt könne oder dürfe ie trennen, sich ihrer Vereinigung in den Weg stellen.

Sie schüttelte den Kopf und schob die Lampe weiter auf .bett Tisch hinauf. Sie mußte an ihren Vater denken; auch er stand zwischen ihnen; in ihrem Innern regte sich eine Stimme, die ihr Unterwerfung unter seine Autori­tät gebot.

Böje, es gießt etwas in der Welt, das stärker ist als die Liebe das ist Gottes Gebot in unfern Herzen."

Er reichte ihr die Hand zum Abschied.

Dann saß sie wieder allein. Der Thee, der dort stand, und auf dem eine graubraune Milchhaut zitterte, blieb unberührt. Die Hand gegen die Stirn gepreßt, setzte sie sich auf ihren gewohnten Platz am Ende des Tisches und stützte den Ellbogen gegen dessen Rand. Sie wollte nicht mehr an Thomas und ihren Vater denken, sie wollte sich den Genuß gönnen, hier eine Weile zu sitzen, und sich die eigenen Leiden auszumalen, ihre ganze brennende Liebe in einen langen Abschiedstraum zusammenfassen, und dann wollte sie morgen oder an einem der nächsten Tage nach Holmsttrup reisen.

Und dann am nächsten Morgen geschah es, daß sie ihm im Gehölz begegnete.

Er sprach so liebevoll aber ruhig mit ihr, wie ein Bruder mit einer Schwester redet. Er bat sie, ob er nicht von Zeit §u Zeit einmal zu ihr kommen und sich ein wenig mit chr unterhalten könne. War es nicht im

Grund ein lächerliches Vorurteil, daß ein Mann und eine Frau einander nicht besuchen durften, daß sie nicht bei einander sitzen, und ihre Gedanken austauschen konnten, ohne den Wächter des guten Tons neben sich zu haben? Mas sagte nicht Oliver Goldsmith!Die Tugend, die stets der Bewachung bedarf, ist kaum der Schildwache wert." Könnte ihre Freundschaft nicht rein sein wie die zweier Männer oder zweier Frauen, ja, zehnmal reiner und edler?

Sie mußte ihm recht geben, aber so war nun ein­mal der Welt Lauf; außerdem war es für sie selber das beste, wenn sie einander nicht sahen.

Er meinte, man müsse der Welt Trotz bieten, wenn sie dem reinen, klaren Menschenrecht des Einzelnen zu nahe träte.

Als sie sich umwandte, um zu gehen, fing sie einen Schimmer von ihrer Wirtin auf, oie einen Steig hinunter humpelte, den Kopf auf die Seite gelegt, wie ein spähendes Huhn.

Der Tag verging in ruheloser Spannung.

Am Abend, als an ihrer Glocke gezogen wurde, preßte Helene die Hände gegen die Brust, und flehte inbrünstig zu Gott, daß Böje es nicht sein möge. Als sie dann öffnete, und ihr das dumme Gesicht einer alten Verkäuferin ent­gegengrinste, warf sie ärgerlich die Thür ins Schloß.

Nach einer Weile schellte es aber von neuem, und diesmal war er es.

Sie bebte am ganzen Körper, als sie ihm öffnete.

Ich bat Sie doch, nicht zu kommen!"

Glauben Sie denn, daß ich Böses im Schilde führe?"

Nein, aber Sie müssen gleich wieder gehend Ich kann es nicht wagen, Böje die Leute könnten darüber reden."

Er war ruhig und taktvoll tote am Morgen, sie bekam ein unbegrenztes Vertrauen zu seiner Rechtschaffenheit.

Er zog ein Buch aus der Tasche.

Ich habe hier eine kleine Erzählung, die mein Freund Rudolf mir geliehen hat, hätten Ste nicht Lust, sie zu lesen?"

/Banfe! Das will ich gern! Ich habe seit langer Zeit kein Buch mehr gesehen."

Cie kamen in ein Gespräch über die Erzeugnisse der neuen Litteratur und infolgedessen über das Verhältnis von Mann und Frau. Er meinte, daß sie ein unpartei­ischeres Urteil über dies Verhältnis haben würde, nachdem sie das Buch gelesen hätte.

Ja, aber dann will ich es, glaube ich, lieber nicht lesen."

Helene, lassen Sie mich Ihnen eins sagen: Wenn Ihr Leben auf dem Grunde der Wahrheit beruht, wie ich fest glaube, so dürfen Sie nicht feige sein."

Es ist keine Feigheit, aber wenn man nun weiß, daß man die richtige Anschauung über diese Sachen hat."

Das wissen Sie nicht. Wir haben allesamt eine unendliche Menge veralteter Anschauungen bei uns an- gehäuft, die von unfern Eltern, Lehrern und Seelsorgern in Düten verpackt, und in die verschiedenen Räume unsers Innern niedergelegt worden sind. Nun gut vieles davon mag echt genug fein, und ich Bin weit davon ent­fernt, alles Alte verwerfen zu wollen aber wenn wir tn die Jahre kommen, wo wir selber unterscheiden lernen, so ist es unser Recht und unsre Pflicht, die Düten zu öffnen und ihren Inhalt mit den neuen Waren zu ver­gleichen, die inzwischen ins Land gekommen sind."

Tas mag sein aber wenn man nun findet, daß die neuen Waren Gift enthalten?"

Das ist etwas andres, bann bleibt man eben bei den alten! Aber ein selbständiger Mensch, der mit seinen Zeitgenossen lebt und die Wahrheit will, der darf nicht zu den neuen Waren hinüber schielen undGift" auf die Pakete schreiben, ehe er den Inhalt untersucht hat. Lesen Sie nur das Buch, Helene, Sie können es ruhig thun!"

Aks er ging, dankte er ihr, daß fie ihm er­laubt hatte, bei ihr zu sitzen und ein wenig mit ihr zu reden.

Lange noch sah sie da, über seine Worte nach­denkend. Sie nahm das Buch und sah nach dem Titel: Zwei Schwalben, Erzählung von Torsten Ring."

War es wirklich Feigheit, die ihr durch die Adern