Ausgabe 
28.2.1902
 
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doch das Glück unserer Kinder, beziehungsweise der Töchter, und das wird eben nur durch eine glückliche Ehe gegründet."

Sie haben recht", erwiderte Holthaus,es ist Elternlos, sich nur eine Zeitlang an dem ungeteilten Besitz ihrer Kinder zu erfreuen, und dann, wenn sie als vollendete Menschen, aus Kindern unsere Freunde werden, sie an andere, uns bis dahin fremde Menschen abtreten zu müssen."

Hella stand mit Herrn von Loßberg an ihrem Geburts­tagstisch, um ihn mit den reichen Geschenken, womit väter­liche Liebe und die Aufmerksamkeit der Freunde sie über­rascht hatten, bekannt zu machen.Wer hier ist das beste und schönste", sagte Hella, sein Lob über die Pracht und Schönheit der einzelnen Gegenstände unterbrechend,sehen Sie hier!" sie hielt ihm den Ring mit dem Rubinstein entgegen,ist der nicht schön?"

Ein Ausruf der Ueberraschung entfuhr Loßberg, dann, nachdem er den Ring aufs genaueste betrachtet hatte, wollte er eben eine Frage stellen, als er durch einen neu herzu­tretenden Gast daran verhindert wurde.Mein gnädigstes Fräulein, darf ich Ihnen meine ergebensten Glückwünsche zu Füßen legen?" schnarrte eine ihnen beiden bekannte Stimme, und zwei Hacken klappten aneinander.

Ah, Herr von Holsten", sagte Hella, nicht gerade an­genehm berührt.Ich danke Ihnen! Wer eigentlich sollte ich Ihnen zürnen über Ihr spätes Kommen."

Dienst, mein gnädiges Fräulein, Dienst! Hatte allerlei noch zu erledigen, und bitte deshalb um Nachsicht!"

Soll Ihnen für diesmal werden, Herr von Holsten, aber nun seien Sie auch nett und suchen Sie sich rasch eine Winzerin, hören Sie, die Musik beginnt schon, und, wie mir scheinen will, sind einige meiner Freundinnen noch unversorgt."

Abermals eine tiefe Verbeugung.Wer, halten zu Gnaden, gnädiges Fräulein haben mir Absolution erteilt, und so darf ich auch wohl um die Ehre eines Tanzes! bitten."

Tie junge Dame zeigte ein komisch-verlegenes Gesicht. Ja, Herr von Holsten, dazu sind Sie nun doch zu spät gekommen." Sie hielt ihm ihre Tanzkarte hin.Seyen Sie, sie ist bereits vollständig gefüllt", und dann, über seine komische Verzweiflung kundgebende Miene laut auf­lachend, fügte sie hinzu:Nun, dem reuigen Sünder soll eine Extratour gestattet sein."

Sagen Sie zwei oder drei, gnädiges Fräulein."

Hella lachte.Ja, Herr von Holsten, da müssen Sie sich schon mit meinen Tänzern abfinden."

Ich werde mein Möglichstes versuchen, gnädiges Fräulein."

Mit lächelnder Miene und einer leisen Neigung des schönen Hauptes verließ Hella am Arme Loßbergs das Zimmer. Aus dem Musikzimmer schallten die Töne der Polonaise, die Paare ordneten sich bereits. Hella und Loß­berg waren das erste Paar.

Hella sah sich um. Holsten hatte Wort gehalten, ziem­lich am Ende des Zuges schritt er mit einer noch sehr jugendlichen und schüchternen Blondine.

Hella, Du glückliches Geburtstagskind, laß mich doch auch einmal Deine Angebinde sehen, den Ring bewundern, den Dein gütiger Vater Dir heute als altes Erbstück seiner Familie übergeben hat, er soll nicht allein kostbar, sondern auch von ganz? besonderer Schönheit sein", sagte Wthe Horst, Hellas Freundin, und hing sich an deren Arm.

Ja, er ist schön, aber hast Du ihn noch nicht gesehen?"

Nein", erwiderte Käthe,Du weißt, ich kam etwas spät, und da forderten die Herren bereits zum Tanz auf."

Nun, so komm, Käthe, und sieh Dich einmal in meinem Feenreich um. Du mußt nämlich wissen, daß es mir vor- kommt, als sei das alles nur von gütigen Feenhänden hingezaubert, und der nächste Augenblick könne mir alles wieder entführen. Doch sieh selbst."

Sie schob die Freundin vor sich, her in das kleine, lauschige Zimmer, das nur durch eine schwere Plüschportiere von den übrigen Räumen getrennt war. EinAh" der Ueberraschung und der Bewunderung entschlüpfte nun der Tame beim Eintritt in das kleine Wunderreich.Du hast recht, Hella"/ fuhr sie begeistert fort,das ist zu schön, um Wirklichkeit zu sein!"

Nicht wahr?" sagte Hella,ach, und ich bin auch so dankbar, so glücklich, aber nun sieh' hierher!"

Sie hatte das kleine Etui ergriffen, und schlug den Teckel zurück, aber Himmel, was war denn das.? Das weiße

Atlaspolster war leer, und sie wußte doch so genau, daß sie den Ring da hinein gelegt hatte.

Ihre Augen irrten suchend umher.Ich vermisse den Ring", sagte sie erklärend zu Käthe, die mit Befremden ihr Thun beobachtet.

Er ist fort", sagte sie endlich mit tonloser Stimme, nachdem sie zwischen den aufgelegten Geschenken vergebens nach dem Verlorenen gesucht hatte.

Aber das ist ja rncht möglich", sagte Wthe,der Ring kann doch nicht verschwunden sein, er wird in irgend einem Gegenstand verborgen sein, komm, ich helfe Dir suchen."

Jeden einzelnen Gegenstand hoben sie nun empor, schüttelten daran, als könne in dessen innerster, verborgener! Falte der Vermißte stecken; doch jedesnral legten sie enttäuscht den Gegenstand zur Seite, sodaß zuletzt nur das weiße Tafeltuch den Tisch bedeckte. Hella hatte zuerst mit Ruhe, dann mit sich steigernder Hast gesucht, bis sie einsah, daß alles Suchen vergeblich sei. Sich zu äußerer Ruhe zwingend, sagte sie zu Wthe:Es ist vergebens, laß uns nun zur Gesellschaft zurückkehren. Morgen, beim hellen Tageslicht, wird er sich wohl wieder finden, vielleicht liegt er auf dem Boden, oder in irgend einer Falte der Möbel verborgen."

Das denke ich auch, Hella. Anders kann es ja gar nicht möglich sein."

Selbstverständlich nicht", gab Hella zur Antwort. Aber noch eins, Wthe, Du wirst zu niemand von dem! Verlust sprechen, idj. bitte Dich darum. Es soll keine nutzlose! Aufregung entstehen, oder wohl gar einer meiner Gäste! sich beleidigt fühlen."

Tu hast recht, Hella. Es wird am besten sein, zu schweigen, morgen wird der Ausreißer wohl wieder zum! Vorschein kommen."

Mit einem gezwungenen Lächeln auf den Lippen gingen die beiden Mädchen wieder in die Gesellschaftsräume zurück/ und mischten sich unter die heiteren, nichtsahnenden Gäste. Doch Hella blieb für den Rest des Festes schweigsam und in sich gekehrt.

Loßberg blickte sie oft forschend und besorgt an. Von Hellas lieblichem Gesicht war völlig jene strahlende Heiter­keit geschwunden, die ihn am Anfang des Festes so beseligt hatte; er fragte sich vergebens, was wohl diese Verstimmung! veranlaßt haben könnte? Kein sichtbarer Grund war vor­handen, und dennoch bestand sie und wirkte erkältend auch auf sein Gemüt, wenigstens nahm sie ihm den Mut zu einem offenen, erklärenden Wort, zu dem er heute so sicher die Gelegenheit zu finden geglaubt hatte.

Lieber Papa, ich muß Dich noch mit etwas sehr Un­angenehmem bekannt machen", wandte sich Hella an ihren! Vater, nachdem die letzten Gäste fidE) verabschiedet hatten.

Etwas Unangenehmem, Hella, heute an Deinem Ge­burtstag, von dem ich erwartete, oder vielmehr fürchtete, daß er mit einer Freudenbotschaft Deinerseits enden würde?"

Hellas Antlitz, färbte sich für Minuten mit hoher Glut. Ach ja, der Tag hatte so schön, so glückverheißend begonnen, und nun mußte er mit einem solchen Mrßton enden.

Nun dachte sie auch daran, daß sie nicht genügend! Herrin ihrer Stimmung gewesen sein mochte, um ihre Niedergedrücktheit ihren Gästen verborgen zu haben. Ja, sie hatte es deutlich an Loßbergs Verabschiedung gemerkt, daß auch er davon betroffen war. Und das war unrecht von ihr, das hätte sie nicht thun dürfen.

Hella", mahnte der Vater,worin besteht das Un­angenehme?"

Hella raffte sich gewaltsam aus diesem bedruckenden Gefühl hervor, das nun auch die letztere Erkenntnis noch vermehrt hatte.

Denke Dir, Papa, mein Ring ist verschwunden."

Wie wäre das denn möglich", entgegnete jener,Du wirst ihn jedenfalls verlegt haben."

Nein, ich weiß gewiß, daß) ihn in das Etui zurück- legte, als ich ihn Leutnant von Loßberg zeigte." Eine Pause entstand. c

Und dann, Hella, wer war nach dem noch in dem Zimmer?"

Wie kann ich das wissen, Papa, das Zimmer war ja jedem zugänglich. Mit Loßberg und mir verließ Holsten

Du hast auch genau nachgeforscht, als Du das leere Etui entdecktest?"- , , .

Sofort, Ich wollte Käthe Horst den Ring zeigen; wir