Ausgabe 
27.12.1902
 
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Kernen Rezept draußen besser als' zu Hause, dann gehe! Mer das sage ich Tir, eine Rückkehr für Dich, giebt es nicht, denn ungeratene Kinder nimmt Jefim Godunow nicht mehr auf. Auch Tein Bruder hat immer opponiert und die Ratschläge des Vaters mißachtet, aber zur Strafe ist er tiefer und immer tiefer gesunken, bis' er endlich reif für Sibirien geworden ist."

Er war aufgestanden und schnitt ihre Entgegnung mit den Worten ab: ,^Fch habe wichtigere Tinge zu thun, als titjt Dir über Deine Hirngespinnste zu streiten. Sei ver­nünftig und halte Dir vor, daß Deine Lebenserfahrung noch, zu gering ist, um auf ihr bauen zu können. Wie im Staate Gehorsam gegen die Autorität erforderlich ist, so auch it:_ der Familie. Andernfalls' tritt Zerfall und Unter­gang ein." Mit einem kurzen Gruße schritt er eilig zur Thür hinaus.

Eine Beute der widersprechendsten Empfindungen, blieb Tattana zurück. Sie fühlte, daß die Kluft zwischen ihr und dem Kater kaum noch zu überbrücken war. Gewiß, auch sie würde sich der Autorität beugen, aber nur einer solchen, die sich aufbaute auf Liebe. So mochte auch der Bruder gedacht haben, als er grollend aus dem Elternhause in die weite Welt gezogen ivar. Ter arme Bruder, was mochte er gelitten haben! Gerade iveil man ihn ausgestoßen hatte, glaubte sie ihn mit ihrer vollen schwesterlichen Liebe um­fassen zu müssen, obwohl er ihr eigentlich, wie sie gestehen mußte, völlig entfremdet toar.

Kon ihm sprangen ihre Gedanken auf Timitry über. Sins mußten bald erscheinen, um sie zum Konzert ab- bN-Ich werde ihn beobachten", überlegte sie,und über sein Erhalten zu Milieu Popow Klarheit gewinnen. Sollte er mich wirklich hintergehen, was dann?" Sie wußte sich keine bestimmte Antwort zu geben, nur die Empfindung hatte sie, daß sie ihn in solchem Falle, mochte er auch hundertmal um ,Berzeihung bitten, für immer zurückstoßen würde.

Bon einem Fieber der Erwartung geschüttelt, kleidete ste.flch mit höchster Sorgfalt an; sie gedachte so schön als mögliche zu erscheinen, um die Gegnerin zu verdunkeln. . »Sie sind reizend", gestand Madame Praksin, die eben rns Zimmer getreten war und Tatiana mit unverhohlener Bewunderung musterte.

Tie Freundin hatte recht: das weiße Duchkleid mit dem in Goldstickerei verwerten Bolerojäckchen brachte die feinen Formen der schlanken Gestalt zur vollsten Geltung und paßte zu dem dunkelbraunen Haar und den dunklen Augen des feinen Kopses ausgezeichnet. In der gesamten Toilette bekundete, sich jener feine Geschmack, der mit wenigeü, aber gut gewählten Mitteln die höchste Wirkung erzielt.

Wir haben Logenplätze, erste Reihe", fuhr Madame Praksin fort.Sie können den ganzen Saal bequem über­sehen und werden selbst von allen gesehen werden. Mein Mann ist leider verhindert, uns zu begleiten, und läßt sich hiermit entschuldigen. Ter Andrang zum Konzert wird ein sehr starker sein, da Timitry Kalussoff seinen ganzen Witz und Verstand angestrengt hat, um sämtliche Billets ab­zusetzen."

Tatiana zuckte Mammen, und Madame Praksin, welche eben höflich bemüht war, ihr das niedliche Mäntelchen um­zuhängen, dachte:Armes Ting, besser eine schnelle Auf- flarung mit kurzem Schmerz, als ein langes Hangen und Bangen in schwebender Pein. Für einen leichflinnigen Menschen wie Timitry Kalussoff bist Du viel zu schade. Ich werde mich nach Kräften bemühen, Dir die Augen zu öffnen, und Tir Deinen Helden zu zeigen, wie er in Wirklichkeit ist."

Ter Zudrang zum Konzert war ein außerordentlicher, als ob es sich um einen musikalischen Stern ersten Ranges handle. Tce Ankündigungen in den Zeitungen, daß Milica Popow eine der besten Schülerinnen Rubinsteins fei und rn ihr Programm mehrere eigene Kompositionen aufqe- nommen habe, die verheißungsvolle Schilderung von dem neuen Instruments das zweifellos eine treue Aera auf dem Gebiete der Klavtermnsik Hervorrufen werde, und manche andere Reklame hatten Wunder bewirkt. In der Bolschaja Dtnntvowka sah man eine unabsehbare Reihe von Wagen, bre alle das stattliche in Helles Licht getauchte Portal des Adelsklubs zum Ziel hatten. Durch das glänzend er­leuchtete Vestibül und über die breite, teppichbelegte Fest­

treppe des Hauses zog sich zwischen dem Gehege frisch, grüner Blattpflanzen, die sich' kräftig vom schimmernden Weiß des Marmors abhoben, gleich einer glitzernden, bunt­farbigen, berückend schönen Schlange eine ununterbrochene. Kette prächtiger Toiletten, die kein Ende zu nehmen schien." Und im Parkett und in den zahlreichen Logen des durch seine Dimensionen imponierenden, großartig angelegten, von Säulen tungebenen und mit höchster dekorativer Pracht ausgestatteten Saales, dem die gewaltigen Ktonen eine verschwenderische Fülle elektrischen Lichtes spendeten, war bald jeder Platz besetzt.

Es summte und brauste da unten, es schwirrte durch einander und funkelte und gleißte in Seide und Brillante!:, daß Tattana beim Eintritt wie geblendet die Augen schloß. Nach den Aufregungen der letzten Stunden überkam sie inmitten dieses ruhelosen Gewoges eine Art Betäubung, die sich erst legte, als die Saalthüren geschlossen wurden und größere Stille einzutreten begann.

Ihr erster Blick richtete sich nach dem Podium, auf dem das Instrument stand. Bon Milica und Ilja Popow war noch nichts zu sehen, ivohl aber ihr Herz pochte stürmisch und ihre Pulse flogen nahm sie Timitry Kalussoff wahr. Hoch aufgerrchtet wie ein Sieger, stand er, wenige Schritte von: Podium entfernt, vor einem Sessel der ersten Reihe und musterte mit lebhafter Befriedigung das Publikutn. Er schien glücklich zu sein, daß die vornehme Gesellschaft Moskaus so stattlich vertreten war, denn eifrig winkte er Grüße hierhin und dorthin, während über sein Gesicht ein verbindliches' Lächeln glitt, sodaß feine tadellos Weißen Zähne auffällig zum Vorschein kamen. Sie mußte staunen über die heitere Sorglosigkeit seines Wesens, dem von irgendwelchen Kümmernisse:: nicht das Geringste au- zunterken war. Als er zu den Logen emporschaute, entzog sie sich seinem Blick durch Vorhalten des Fächers. Es kostete sie Uebertvindung, gleich einer Schlange ihn zu be- latwrn, aber Klarheit, Klarheit mußte sie unter allen Um­ständen haben. Nun sie ihn beobachten konnte, überkam sie eine Ruhe und Ergebung, deren sie sich gar nicht für fähig gehalten hatte; sie fühlte sich sogar stark genug, das Glas auf ihn zu richten. Sein Gesicht wies Furchen auf und nahm sich übernächtig aus, während in seinen Be­wegungen etwas Nervöses und Hastiges lag, das sie frap­pierte. Ein leiser Seufzer entfuhr ihr, sodaß Madame Praksin besorgt nach ihr hinblickte.

Jetzt ließ sich Timitry nieder. Der Sessel zu seiner Rechten blieb leer, während ringsum alle anderen besetzt waren.

(Fortsetzung folgt.)

Gemeinnütziges.

Für Brillenträger. Mit der kälteren Jahreszeit stellt sich für jeden, der gezwungen ist, Augengläser zu tragen, stets ein großer Uebelstand ein. Jeder Brillentragende! kennt aus Erfahrung die Unannehmlichkeit beim Be­treten eines geheizten Lokals. Tie Gläser überziehen sich plötzlich, mit einem feuchten undurchsichtigen Niederschlag, sodaß dem Betreffenden nichts weiter übrig bleibt, als vorne an der Thüre stehen zu bleiben, das Augenglas! abzunehmen und zu wischen, um sich orientieren zu können. Und doch giebts ein einfaches Mittel, diesem Uebelstande abzuhelfen. Man schabe von gewöhnlicher Waschseife eine Kleinigkeit und reibe damit vor dem Berlassen der Woh­nung die Gläser aus beiden Seiten ein und wische sie dann mit einem reinen Tuche wieder blank. So präparierte Gläser nehmen selbst bei größerem Temperaturwechsel keinen Niederschlag tat und behalten diese Eigenschaft auf die Dauer von 68 Stunden.

Arithmogriph.

(Nachdruck verboten.)

1 2 3 4 3 5 2 623127891 10 Zeit des Segens.

1 2 4 2 7 2 Vorname.

2 7 5 2 4 Himmelsbewvhner.

4 3 4 3 2 Blume.

6 2 3 7 Getränk.

5 2 6 2 3 1 natürlicher Kopfschmuck.

7 8 9 1 10 Zeitbestimmung.

(Auflösung in nächster Nummer.)

Redaktion: Eurt Plato. - Rotationsdruck und Verlag der Ar üb!'scheu UniversttätS-Vuch. und Steindruckerei (Pietsch Erben) in Gielen.