Ausgabe 
27.12.1902
 
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Zweifellos handelte es sich um eine unerquiMche Ange­legenheit, in der jener den Mittelpunkt bildete. Warum man das vor ihr geheim hielt, begriff sie nicht. Sie war doch kein Kind mehr, sondern rn Jahren, die sie dazu berechtigten, über die Geschichte der Familie Klarheit zu erhalten.

Ich ahne, Papa, daß der Bruder im Spiel ist", sagte sie, alle Zurückhaltung beiseite lassend.Niemals habe ich über sein Leben genaueres erfahren; nach den Er­zählungen von Mama muß ich annehmen, daß er gestorben ist. War er verheiratet? Hat er Kinder hinterlassen? Ist etwas geschehen, das mit ihm im Zusammenhänge steht? Sie müssen doch ein sehen, daß ich als Schwester berech­tigt bin, an seinem Schicksal Anteil zu nehmeu, uud daß ich mich sehnen muß, endlich einmal eine genügende Auf­klärung zu erhalten."

Jefim schaute sie überrascht an, als ob er seinen Ohren nicht traue; er war eine solche energische Sprache von seiner Tochter gar nicht gewohnt. Gleichwohl ge­stand er sich, daß sie recht hatte. Und doch kostete e§| ihm Ueberwindung- mit der Wahrheit herauszukommen, denn die Scham über den mißratenen Sohn und das natürliche Empfinden, vor Kindern, und noch dazu vor Töchtern, alles schlechte zu verbergen, schloß ihm den Mund.

Ja, es handelt sich um Stephan", gab er zögernd zur Antwort.

Er hatte diese Worte möglichst gleichgiltig sprechen wollen, aber der Kummer übermannte ihn vollkommen, seine Stirn runzelte sich in Sorge, und er stützte den Kopf müde in die Hand.

Tatiana erinnerte sich nicht, den Vater jemals in solcher Gemütsstimmung gesehen zu haben; er, der sonst immer hart und abweisend, kalt und berechnend erschien, gab sich nun mit einem Male so tief erschüttert und ge­beugt, daß sie Mitleid empfand.

Papa, Sie verbergen mir etwas, und Sie entziehen mir durch Ihr Verschweigen die Möglichkeit, Ihnen Trost zu spenden", sagte sie in einem Tone, der so teil­nehmend klang> daß Jefim ein Gefühl wohlthuender Wärme verspürte.

Zu seiner Tochter mit einem Blick aufschauend, in dem sich Dank und Vaterliebe zu erkennen gaben, kam es langsam und verlegen über seine Lippen:Wollte ich Dir alles erzählen, mein Kind, was mich bedrückt, dann würdest Du meinen Gram verstehen. Genug er lebt noch! Aber für uns ist er gestorben, denn er wandelt schon seit vielen Jahren aus schlechten Wegen. Seit einiger Zeit hält er sich unter falschem Namen in Moskau auf, und mein Hiersein bezweckte, ihn zu be­wegen, daß er ins Ausland geht und sich- nie wieder in Rußland sehen läßt."

Er lebt noch? Ich habe noch einen Bruder? Und das sagen Sie erst jetzt!" rief sie mit Staunen. Sie war im ersten Moment so fassungslos, daß. sie wie er­starrt dastand. Eine solche Mitteilung hatte sie nicht erwartet. Sie wußte nicht, ob sie Freude oder Trauer empfinden sockte: Freude, weil der Totgeglaubte wieder zu den Lebenden eingekehrt war, Trauer, weil ihr der Bruder so lange entzogen worden war. Geraume Zeit kam kein Wort aus ihrem Munde, aber ihr Herz pochte vor Erregung.

Weil Ihr Sohn auf schlechten Wegen wandelt", preßte sie endlich hervor,soll er für uns gestorben sein? Papa, wie können Sie so grausame Worte sagen? Wie haben Sie es fertig gebracht, mir und meiner Schwester die Existenz des Bruders indirekt zu leugnen? Oh, Sie sind hart und schonungslos! Was ist schöner, als dem Schuldigen zu ver­zeihen und ihn durch Edelmut und Milde zu zwingen, wieder ein ehrenhafter Mensch zu werden! Jemanden ausstoßen, heißt ihn jeder Stütze berauben, ihn immer weiter auf der Bahn des Schlechten treiben und ihn dem Untergänge weihen. Er ist mein Bruder, und mag er auch, das Schlimmste verbrochen haben, so wird er doch mein Bruder bleiben bis in alle Ewigkeit!"

Eine schwere Anklage hatte sie gegen Jefim gerichtet, und wie im Bewußtsein einer erdrückenden Schuld ließ er das Haupt sinken.

Tu redest wie Deine Mutter", antwortete er nach einer Pause.Gewiß, das Gefühl der Liebe, das die Eltern mit den Kindern uud die Geschwister untereinander ver-

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bindet, ist so natürlich, daß es Wahnsinn wäre, dagegen zu eifern. Aber der Vater hat auch die heilige Pflicht, über die Ehre und das Wohlergehen der Familie mit höchster Sorge zu wachen. Nach langem, vergeblichem Bemühen, ihn zu bessern, bin ich gezwungen gewesen, das Tischtuch zwischen ihm und mir zu zerschneiden. Nicht Hartherzigkeit hat mich geleitet, sondern die Sorge um Euch und um den Namen, den Ihr tragt. Aus diesem Konflikt zwischen Liebe und Pflicht ist mir herber Schmerz erwachsen, aber ich habe ihn getragen als eine traurige Notwendigkeit, der ich! mich nicht entziehen konnte."

Sie werden zu ihm hingehen, Papa, und ich werde Sie begleiten", drang sie in ihn.Wenn er sehen und fühlen wird, daß er noch Liebe findet, wird er sicherlich umkehren und Ihnen Freude machen. Er ist Ihr Sohn uud wird es bleiben, mögen Sie sich auch hundertmal von ihm lvssagen. Was erreichen Sie durch dieses Ausstößen aus der Familie? Gar nichts! Tie Welt wird nach wie vor sagen: Er ist Jefim Godunows Sohn, und er ist immer mehr gesunken, weil der Vater die Hand von ihm ge­zogen hat."

Nein, Tu wirst mit ihm nicht in Berührung treten", sagte Jefim fest und entschieden. ,Hörst Tu, unter keinen Umständen! Tie Hand des Gesetzes streckt sich bereits nach ihm aus; wenn ick) es jetzt noch wage, den Schuldigen zu entziehen, so setze ich mich und meine Familie der größten Gefahr aus und bringe hiermit ein Opfer, wie man es von einem Vater kaum noch verlangen kann."

Was heißt in diesem Falle Opfer", entgegnete sie. Ihn nach; Möglichkeit zu schützen, ist doch; der natürliche Trieb, dem Sie folgen müssen. Könnte ich ihm beistehen, ich würde es sofort thun. Jedenfalls will ich ihn sehen, und ob Sie es tausendmal verbieten, denn ich bin alt genug, um Ihrer Erlaubnis nicht zu bedürfen, und ich bin Herrin meiner Entschlüsse!"

In ihren Mienen gab sich die höchste Entrüstung zu erkennen, ihre Worte wurden in fliegender Hast gesprochen. Ihr gepreßtes Herz machte sich endlich Luft; sie glaubte zu fühlen, daß der Bruder demselben Truck, derselben Kälte unterlegen war, die auch sie in einen unversöhnlichen Zwie­spalt mit dem Elternhause zu bringen drohten. Was der Vater von den Kindern verlangte, war blinde Uuter- toerfng, sklvischauer Gehorsam, Verzicht auf die Individua­lität. Aus dieser rücksichtslosen Forderung war bei ihnen jener Mangel an Vertrauen zu den Eltern entstanden der sie über ihre Neigungen und Wünsche schweigen ließ.

Eine solche Auflehnung gegen seine Autorität h de Jefim nicht erwartet. Er zitterte vor Zorn. Selbst p Frau hatte noch; niemals gewagt, ihm in solcher Weise ß . überzutreten. Und nun sollte er von seiner Tochter solche Aufkündigung seiner väterlichen Gewalt hinnehm Tas ging eben gegen seine Natur.

So lange Tu von mir abhängig bist", sagte er schneidend,wirst Tu meinen Anordnungen Gehorsam leisten. Um Herrin Deiner Entschlüsse zu sein, mußt Du Dir Tein'Brot selbst verdienen. Und auch dann noch wird Dir das natürliche Gefühl, von dem Tu eben so über­zeugungstreu gesprochen hast, sagen müssen, daß die Wünsche des Familienoberhauptes unter allen Umständen zu beachten sind."

Mit einer wahren Begierde heftete sie sich an des Vaters Worte. Tas war ja gerade, was sie wollte: ihr Brot selbst verdienen!

Gewiß, ich werde mir eine Existenz gründen, um meine Unabhängigkeit zu wahren", gab sie in energischem Tone zurück.Glauben Sie nicht, Papa, daß ich mich fürchte, den Kampf mit dem Leben auszunehmeu. Was vielen an­deren jungen Mädchen gelingt, wird auch mir gelingen. Tie Zeiten sind vorüber, da das Weib zur Thatenlosigkeit verurteilt war, und man die Nase rümpfte, wenn sich die Tochter aus angesehenem Hause eine Beschäftigung suchte, um den Eltern nicht zur Last zu fallen und aus eigenen Füßen zu stehen."

Jefim starrte sie sprachlos an solche Gedanken, wagte seine Tochter vor ihm auszusprechen? Unleugbar, sie war an gesteckt von den modernen Ideen und trug sich mit Ab­sichten, die auf einen Bruch mit dem Elternhause hiuaus- liesen. Seine ganze Abneigung gegen die Frauenbewegung flammte auf, und mit Eiseskälte erwiderte er:Gut, DU hast Freiheit des Handelns; behagt es Dir nach dem m»