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leit des Denkens, welche dem furchtbaren Schmerz eigen- tümlich ist, begann sie die Lage zu überblicken. Dimitry Kalufsoff liebte in ihr nur die reiche Erbin, und ohne Erbe war sie ihm wertlos. Seine Mahnung, pietätvoll int Elternhause zu bleiben, entsprang einem grausamen Egoismus — der berechnenden Absicht, ihren Bruch mit dem Vater um des Vermögens willen zu verhindern. Es war eine schreckliche Wahrheit, gegen deren Erkenntnis sie sich, vhue zu einem beruhigenden Ergebnis zu gelangen, verzweifelt wehrte. Sie vermochte vor dem scharfen Auge der Madame Praksiu ihre Bewegung kaum noch zu bemeistern, und mit letzter Kraftanstrengung erhob sie sich, einige Abschiedsworte hervorpressend, um zum §otet zurückzukehren.
„Wir holen Sie heute abend zum Konzert ab", rief ihr Madame Praksin über die Treppe nach. „Entsprechende Toilette ist natürlich notwendige"
Cie und große Toilette! Tatiana diinkte es eine Ironie auf ihr Unglück, aber sie nickte zustimmend empor.
Beim Betretet: der Straße atmete sie auf, die frische Frühlingsluft that ihr wohl und kühlte ihre heiße Stirn, hinter der die Gedanken wirr durcheinander schossen. Was war Wahres an der Erzählung von Madame Praksin? War Dimitry wirklich fähig, so au ihr zu handeln? Was sollte sie beginuen? Sie bemühte sich, den Charakter ihres Verlobten zu zergliedern, u.nd der Schmerz schärfte ihre Kritik in einem Maße, daß sie sich Vorwürfe machte. Aber unerbittlich drängte die Vernunft alle Regungen des Herzens zurück, den Glauben, den sie Dimitry entgegengebracht, das Vertrauen, von dem sie zu ihm erfüllt gewesen, erschütternd. Die heimliche Verlobung- die peinliche Situation in Kiew, die Komödie vor den Eltern — ein Mann von Ehre mutet einem Mädchen, das er aufrichtig liebt, solche häßlichen Geschichten nicht zu. Ergänzend trat das Urteil, das ihr Vater, Andrei Pawlowitsch Stein- brecht und Madame Praksin über Dimitry gefällt hatten, hinzu. Es war ein dunkles Bild, das sie von ihm ge- wanu, und trotz alledem glaubte sie noch immer, von der Liebe zu ihm nicht lassen zu können.
So müde und matt fühlte sie sich, daß sie einen Wagen nehme:: mußte, um die kurze Strecke zum Hotel zurückzulegen. Sie mochte nichts mehr sehen und nichts mehr hören. Wie ein Traum zog alles an ihr vorüber. Ein Gefühl der Gleichgiltigkeit überkam sie, als ob ihr Leben abgeschlossen nnd Schmerz und Freude wirktmgslos seien.
Erst am Hotel erwachte sie aus ihrer Lethargie. Als sie das Vestibül durchschritt, entstand eine gewisse Bewegung, und der Portier blickte sie so sonderbar an, daß es ihr" unangenehm auffiel. Den Grund wußte sie sich nicht zu erklären. Der Vater war noch nicht anwesend, imb ungestört konnte sie itt ihrem Zimmer grübeln. Ungeduldig schaute sie nach der Uhr; die Zeit kroch langsam dahin, und bis zum Beginn des Konzerts dehnten sich noch Stunden.
Das Konzert! Sie brannte auf den Moment, da sie Milica Popow sehen würde. Oh, wie sie dieses Weib haßte! Ihre Augen flammten auf, ihre zarten .Hände ballten sich, ihre Brust wogte, und schluchzend sank sie auf den Divan.
„Ich könnte sie vernichten, diese Zerstörerin meines Glückes, — ja, töten, zerschmettern, brandmarket:", tobte sie in wilder Leidenschaft, „denn Gnade verdient sie nicht!"
Plötzlich, schaute sie auf — die Thür hatte sich geöffnet, und jemand war eingetreten, der sie aufmerksam und besorgt ansah. Die Person schien ein Kellner zu sein.
„Was wollen Sie?" rief sie erregt. „Ich habe Sie doch nicht gerufen!"
Er entschuldigte sich und verschwand.
Wieder an das Konzert denkend, sprang sie empor, um ihrem Koffer eine geeignete Toilette zu entnehmen. Aber der Koffer war nicht so mühelos, wie sonst, zu öffnen. Als sie den Inhalt musterte, stutzte sie, denn eine unberufene Hand schien in ihm herumgewühlt zu haben. Sogar ihre Schreibmappe war nicht verschont geblieben.
„Diese Frechheit", rief sie aus, während sie eifrig untersuchte, ob etwas entwendet worden fei. Aber seltsamer Weise fehlte nicht ein einziger Gegenstand, selbst ihr Schmuck war vollständig vorhanden, und ebenso die
Zahl der HunderrruLelscheine, die sie in der Schreibmappe geborgen hatte.
„Der Dieb ist gestört worden", überlegte sie, „und dieser Dieb ist kein Anderer, als der Ktzllner, der so dreist war, ungerufen ins Zimmer zu treten."
Nachdem sie ihre Toilette ausgewählt hatte, schloß sie den Koffer mit höchster Sorgfalt zu.
Ein Gefühl der Bangigkeit ergriff sie. Erleichtert atmete sie auf, als endlich der Vater ins Zimmer trat. Mit Entrüstung erzählte sie das Geschehene.
Jesim fand gleichfalls die Spuren einer unberufenen Hand an seinem Gepäck, aber auch von diesem fehlte nicht das Geringste.
„Merkwürdig", meinte er, „ein Dieb würde sich doch die Hundertrubelnoten, den Schmuck und andere bequem zu entfernende Wertsachen nicht haben entgehen lassen."
Nach einer Weile nickte er mit dem Kopfe, als ob er mit sich im klaren sei.
„Geh' in Dein Zimmer", bat er Tattana, „und warte, bis ich Dich rufe."
Nachdem sie sich entfernt hatte, klingelte er nach dem Kellner.
Draußen klopfte es.
„Herein!" rief Jefim, während sich sein Gesicht gespannt nach dem Eingang richtete.
Tie Thür öffnete sich, und auf ihrer Schwelle erschien eine hohe, kräftige Gestalt von militärischer Straffhert.
Jefim musterte den.Eingetretenen und wußte genug.
„Sie sind der Kellner?"
„Zu dienen, Euer Hochwohlgeboren!"
„Meine Koffer sind untersucht worden", sagte Jefim ruhig. „Daß nichts Gefährliches in ihnen enthalten ist, werden Sie gesehen haben. Mir ist eine solche heimliche Untersuchung unangenehm, und Ihnen verursacht, sie Mühe. Wollen Sie nochmals Einsicht nehmen, so genieren Sie sich nicht. Auch mein Portefeuille steht zu Ihrer Verfügung. Ich habe keine Geheimnisse, sondern nur einen ungeratenen Sohn, wegen dessen ich von Kiew nach Moskau gekommen bin."
Das Gesicht des Mannes nahm den Ausdruck der Verlegenheit an. „Ich. weiß", gab er höflich zur Antwort. „Verzeihen Sie, wenn ich Ihnen und Ihrer Tochter lästig gefallen bin. Meine Pflicht zwingt mich zu manchen Schritten, die ich lebhaft bedauere."
„Sie wissen?" flüsterte Jefim. „Dann wird Ihnen auch bekannt fein, daß ich vollkommen rein dastehe und schon seit Jahren keine Gemeinschaft mit dem Verlorenen gehabt habe."
„Auch das weiß ich. Aber einen Uebelthäter der Hand der Gerechtigkeit entreißen zu woflen, ist strafbar."
Jefim erbleichte. „Er ist mein Sohn", betonte er, „mein eigen Fleisch und Blut. Bedettkcm Sie, ich bin der Vater — der arme, unglückliche Vater!" Er schlug die Hände vor das Gesicht und stöhnte schmerzlich auf.
„Ich beklage Sie", klang es mit gedämpfter mitleidiger Stimme zurück, „und verstehe, daß ein Vater den Sohn, und wenn dieser auch ein Mörder wäre, zu retten sucht. Gleichwohl ist das Gesetz schonungslos und gefühllos. Mein Rat geht dahin, den Sohn dem Schicksal zu überlassen, dem er nicht mehr entrinnen kann." Er verbeugte sich und ging hinaus.
„Also so weit ist es gekommen", ächzte Jcfitn, „daß wir unter polizeilicher Beobachtung stehen!" Verzweifelt starrte er minutenlang vor sich hin. Mühsam rang er nach Fassung- um seiner Tochter möglichst ruhig gegenüberzutreten.
Jefim war nicht vorsichtig genug gewesen — Tatiana hatte wider Willen Bruchstücke der Unterhaltung hinter der Portiere gehört. Sie fand es merkwürdig, daß der Vater einem Kellner angeboten hatte, sein Gepäck zu untersuchen. Ebenso seltsam erschien ihr, daß von einem ungeratenen, verlorenen Sohu die Rede gewesen lvar. Um was handelte es sich eigentlich? Vergeblich bemühte sie sich, Klarheit in dieses eigentümliche Gewirr zu bringen.
Die Erregung des Vaters, die sich deutlich in seinem blassen, sorgenvollen Gesicht und in seinen nervösen Be- gungen zu erkennen gab, mußte eine recht schmerzliche Ursache haben. Geschäftliche Sorgen konnten ihn doch nicht quälen. Also mußte es .etwas sein, das die Familie betraf. Ihre Gedanken richteten sich wieder auf den Stiefbruder, Tus sonderbare Benehmen der Mutter trat ihr vor Augen,


