Nr. 192,
dsmstag den 27, Dezember.
1902.
■2'5;
M
^KM
(Nachdruck verboten.)
Kinder des Ostens.
Original-Roman von Georg Buß.
(Fortsetzung.)
Tatiaua überflog den Artikel. Kein Zweifel, der Erfinder war Ilja Popow, Her zusammen mit Timitry Kalussoff das Patent auf den Akkumulator genommen hatte. Warum hatte ihr Timitry von dem Konzert und von Popows Schwester noch nicht ein einziges Wort geschrieben?
„Milica Popow ist übrigens die neueste Flamme Timitry Kalussoffs", fügte Madame Praksin arglos hinzu, „und das Zustandekommen des Konzertes soll wesentlich ihm zu danken sein, denn, wie man erzählt, hat er sich schon seit Wochxn um das Arrangement mit einem Eifer bemüht, der nur aus seiner Vergötterung der Künstlerin zu erklären ist."
„Unmöglich", preßte Tatiana hervor. Sie wollte noch Mehr sprechen, aber die Worte erstarben ihr im Munde, und bleichen Antlitzes starrte sie die spöttisch lächelnde Freundin an, die nicht ahnte, welche Erschütterung sie Mit ihrer leicht hingeworfenen Mitteilung hervorgerufen hatte.
„Wieso unmöglich?" meinte Madame Praksin. „Milica Popow soll eine hervorragende Schönheit sein und in den Künsten der Koketterie große Erfahrung besitzen. Timitry Kalussoff ist aber nicht der Ahann, der sich gegen solche Vorzüge verschließt, im Gegenteil, er huldigt ihnen derart, daß sein Rus in der Gesellschaft zu leiden beginnt."
Tatiana lvar zu Mute, als seien unter einem plötzlich dahinbrausenden Sturm ihr Glück, ihr Glaube, ihre Zuversicht, ihr Heiligstes zusammengestürzt. Schwer wie Blei lag es ihr in den Gliedern, und zu ihren Ohren drang das Geplauder von Madame Praksin nur dumpf und undeut- lich, als konlme es aus weiter Ferne. Sie vermochte noch immer nichts zu sagen, wohl aber fühlte sie im Innern brennenden Schmerz wie von einer klaffenden Wunde.
„Ja, die Tarnen der Bühne und des Konzertsaaless sind stets die Leuchten, welche die Männer tote die Motten anziehen und uns den Frieden stören. Es ist, als seien wir geringere Wesen, die gegenüber Jenen keine Existenze- berechtigung haben", schloß die Freundin mit elegischem Seufzer ihre Rede.
Auf einige Worte der Entgegnung wartete Madame Praisinn vergebens. Sie fand, daß Tatiana sehr wortkarg und zurückhaltend geworden war. „Bei dem stillen Leben einer Provinzialstadt ist eine solche Veränderung nicht wunderbar", daßte sie entschuldigend, während sich ihr Blick schärfer auf das Antlitz ihres Gastes richtete. Sie stutzte, denn jetzt erst erkannte sie, daß sich hinter diesen reinen. Zügen, hinter diesen schonen Augen, die sonst so lebhaft und freudig geleuchtet, etwas! verbarg, das auf Gram und Sorgen schließen ließ.
„Sie sind so still und verschlossen", sagte sie mit ungeheuchelter Teilnahme, „gar nicht mehr die lustige Tatiana von früher, die stets ein Lachen auf den Lippen hatte. Gerade jetzt, da wir tut Frühling sind und das Grünen imb Blühen beginnt, sollten Sie doch nicht trauern, sondern fröhlich sein."
Ter Vorwurf war berechtigt. Tatiana versuchte eine heitere Miene anzunehmen und Weiter zu plaudern, aber das Gekünstelte ihres Benehmens war zu auffällig, als daß eine behagliche Stimmung aufgekommen wäre.
Fast instinktmäßig führte Madame Praksin das sonderbare Wesen imb das kummervolle Aussehen ihrer jungen Freundin auf unglückliche Liebe zurück. Mit ihrer Teilnahme paarte sich die Neugier, den Herzensroman Tatianas kennen zu lernen, und mit großem Geschick suchte sie sich die gewünschte Klarheit zu verschaffen. Ihre Bemühungen schienen vergebliche zu sein, erst als nochmals der Name Timitry Kalussoffs fiel, sank es wie Schuppen von ihren Augen.
„Woher wissen Sie, daß Timitry Kalussoff zu Fräulein Popow in Beziehungen getreten ist?" forschte Tatiana mit erzwungener Gleichgiltigkeit, hinter der sich aber unverkennbar das tiefste Interesse verbarg.
„Von meinem Manne", gab Madame Praksin ruhig zurück. „Wie er, so gehört auch Timitry Kalussoff zum Nordischen Klub. Unter den Mitgliedern ist schon viel über die Geschichte geredet worden. Faßt jemand eine ernste Neigung zu einer Künstlerin, so ist sicherlich nichts dagegen einzuwenden, aber in diesem Falle handelt es sich wieder um eine jener zahlreichen Liaisons, wegen deren Kalussoff stadtbekannt geworden ist. Auf welche Weise er trotz der schlechten Lage seines Geschäfts die Mittel zu seinem kostspieligen Auftreten erwirbt, ist ein Rätsel. Seit einiger Zeit fährt er sogar stolz wie ein Großfürst auf einem Gigg mit kostbarem Traber durch die Straßen von Moskau. Angeblich soll er großen Gewinn aus dem Spiel beziehen und auch eine reiche Partie in Reserve haben, die seinen zerrütteten Finanzen aufhelfen soll."
Madame Praksin machte eine Pause, während deren sie Tatianas Mienenspiel nicht aus den Augen ließ. Sie sah, wie es in diesem Antlitz schmerzlich zuckte, wie sich die Augen feuchteten, und wie die schmale weiße Hand> welche noch immer die „Rußkaja Gaseta" hielt, heftig zitterte. Ihre Neugier war befriedigt, und das Mitleid gewann die Oberhand.
„Ein Mann wie Timitry Kalussoff ist des Grämens nicht wert, Tatiana Jefimowna", fuhr sie fort, „und das Mädchen, das ihn nicht zum Manne erhält, kann sich glücklich schätzen. Tas Herz soll niemals mit dem Kopfe durchs gehen, denn sonst entstehen Tragödien, die zwar sehr dramatische sein mögen, aber im Grunde genommen nur zerstörtes Lebensglück darstellen."
Tie reiche Partie! In Tatianas Ohr klangen die Worte in hundertfachem Echo nach. Mit der Schnellig-


