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Der Grundzug des Charakters der Litauerinnen ist ein gehaltener Ernst, eine sanfte Melancholie, die sogar ihre Hreube nie voll ausklingen läßt. Selbst beim Tanzen werden sie erst allmählich lebhafter und heiterer. Von ihren Nationaltünzen hat sich allein der Huttanz erkalten; er ist eine Art Kontretanz und wird nur von Mädchen ausgeführt. Vier Paare, von denen zwei mit Hüten versehen sind, begegnen, fliehen und greifen sich in mäßig schnellen Bewegungen. Fehlt Musik, so begleiten die Litauerinnen den Tanz mit Gesang.
Ein hohes musikalisches Talent ist allen Litauerinnen angeboren. Sie besitzen eine uralte anziehende Volkspoesie, deren reicher Schatz sich täglich mehrt, denn die Litauer besingen jedes Ereignis ihres täglichen Lebens; ungesucht finden sie den passenden poetischen Ausdruck für ihre Schmerzen und Freuden, und dem Text schließt sich tnmg die selbsterfundene Melodie an. Auf dem Felde, im Garten, auf dem Flusse erklingt der wohllautende, wehmütige Gesang der Mädchen. In unzähligen Liedern oder Dmnos giebt die Braut ihrer Sehnsucht bewegten Msdruck. In ihnen spielt die Raute, aus der die Jungfrauen ihre Kränze flechten, eine große Rolle.
Aber die Litauerinnen nehmen auch terl an den Gelagen der Männer, sprechen dem Allans, einer Art süßen Meres, zu und singen die Trinklieder mit. Früher begleiteten sie ihren Gesang auf einem der Harfe ähnlichen Instrumente, jetzt ist in den meisten litauischen Bauernhäusern eine Geige zu finden.
Die feierliche Verlobung einer Litauerin findet ttt der Kirche statt und wird danach im Wirtshause gefeiert. Eigentümliche Ceremonien find bei der Hochzeit gebräuchlich. Tie Feier derselben pflegt großartig zu sein und mehrere Tage zu dauern. Am Morgen nach der Trauung findet die Nutaka oder Kranzabnahme statt; die junge Frau muß zuerst mit allen Männern tanzen, dann suchen die, Mädchen sie zu haschen und führen sie, nachdem sie ihr ein Tuch über den Kopf geworfen, in die Klete oder Kletis, ein Gebäude aus Holz, welches zur Aufbewahrung von Vorräten gebraucht wird. Dort nehmen zwei Verwandte ihres Mannes ihr den Kranz all und flechten die Zöpfe auf, welche nur die Unverheirateten tragen dürfen, und die Mädchen singen dazu:
Ach, wer löst die goldenen Flechten Und zerzaust dein glänzend Haar, Setzt dir auf das zarte Häublein, Schön zu sehen und doch so schwer! Ach, mit Schmerzen trägt das Köpflein Diesen ungewohnten Schmuck, .Heiße Thränen weint die Tochter, Bon der Mutter jetzt getrennt. Weine nicht, geliebte Schwester, Stille deinen bittern Schmerz;
Denn die Schwieger hat dich gern, Und der Liebste ist dein Schutze
Nun wird der jungen Frau die Moteris, das volkstümliche Tuch von weißer Leinwand mit gestickten Enden, aufgesetzt, worauf der Ehemann sie den Gästen mit den Worten: „Dies ist meine Frau", vorstellt. Darauf beginnt die Verteilung der Geschenke, welche das neue Familienglied mitgebracht hat; darunter auch eine mit Branntwein und Honig gefüllte Schüssel, aus der jeder einen Löffel voll genießt, die sogen. „Brautthränen".
Befindet sich die Mutter des Mannes noch auf dem Hofe, so ist die junge Frau durchaus nicht ihre eigene Herrin, sondern muß die Schwiegermutter bedienen und ihr gehorchen. Trotzdem herrscht in den litauischen Bauernhäusern Eintracht und Liebe, denn Gottesfurcht, Pflichtgefühl, innige Zuneigung zu den Ihren lebt in den Herzen der Litauerinnen und regelt ihr Thun. Ihrem Beispiele folgen Mann und Kinder, denn die Frauen sind hier, wie bekanntlich überall, die Träger der Sitte,
Vermischtes.
Die schönen Frauen Amerikas. Der bekannte Schriftsteller W. T- St end hat unlängst ein Buch geschrieben, „the americanisation of the World". Bei dieser Amerikanisierung der Welt, die deren Glück und Wohl sei> seien die besten Hilfstruppen Amerikas seine Frauen,
Die Bewaffnung ist vorzüglich. Die blitzenden Augerft der rasch Und kühn abschätzende Blick, das frohgemute^ unbefangene, anmlcksvolle Wesen, dies alles spottet bet den Damen eines jeden Widerstandes, und wenn sie dem alten Europa zulächeln, erblinkt zwischen den zart geschwungenen Lippenbogen ein Elfenbein, dem man wohl zutrauen darf, daß es so ein Stückchen Welt wie einen gezuckerten Mandelkern zermürben wird. Lord Dufferin sagte dem Verfasser, man habe keinen Begriff davon, wie gründlich bereits die internationale Diplomatie von amerikanischen Heiratselementen durchsetzt sei. In Washington werde jeder Attachee vor Ablauf seiner Frist von einer eingeborenen Schönen weggekapert, einer reichen Schonen selbstverständlich, denn für diese stärkste Waffe der Ausrüstung, die goldene Streitaxt, sorgt die Dollarsee natürlich zu allererst. Immer höher steigt daher auch die Zahl der Ehen, die sie einsegnet. „Der diplomatische Dienst", lauten Lord Dufferins eigene Worte, „der einzige wirklich kosmopolitische ist durch und durch amerikanisiert^. Kaum je zuvor ist ein Geldadel so hoch gestiegen, wie jener; der seine Millionen nach Dollars berechnet. Durch Miß Heine, die kürzlich 'vom Fürsten von Monaco geschieden wurde, gelangte er vorübergehend sogar in den geschlossenen Kreis der souveränen Fürsten. Und es must ja auch nicht immer das schnöde Geld sein, welches den Bund kuppelt, die Liebe kann auch bisweilen mitspielen. Feldmarschall Waldersee, der verstorbene Graf Hatzfeld, der ermordete Freiherr v. Ketteler, Sir William Harcourt, Mr. Bryce, Lord Randolph Churchill, hundert andere sind oder waren mit Amerikanerinnen verehelicht. Die „Vize- Kaiserin" von Indien, Lady Curzon, war eine Amerikanerin, die künftige Mze-Königin von Irland wird eine Amerikanerin sein (die Herzogin von Malborough), und bei einer Amerikanerin hat auch Mr. Chamberlain, der Repräsentativ-Engländer der Gegenwart, der zweimal eine Landsmännin zum Altäre geführt, das seltene Gluck einer dritten Ehe gesunden. So oft ein neuer Name in der Weltgeschichte auftaucht, hört man ihn fast immer im Einklang mit dem Namen einer überseeischen Schönheit nennen/ so daß man sich beinahe versucht fühlt, den alten Habsburger Spruch der neuen Welt zuzuwenden: Tu, felig America nube!n-a *
Literarisches.
Drei Tage los mit bett Jungens betitelt sich eine flott geschriebene Plauderei, die Tr. Sebald Schwarz m dem neuesten (4.) Hefte der illustrierten Zeitschrift Zur Guten Stunde (Preis des Vierzehntagsheftes 40 Pfg. Deutsches Verlagshaus Bong & Go., Berlin W. 57.) veröffentlicht, und in der er uns in humorvoller und realistischer Weise mit den Erlebnissen und Erfahrungen, die- eine Reise mit Schülern mit sich bringt, bekannt mach ft
Eine „Papperitz"-Nummer, die sich den früheren ftKünstleriiummern" würdig anrecht, ist das soeben erschienene Heft 4 des 17. Jahrgangs der „Mod erneitf Kunst" (Verlag von Rich, Bong, Berlin W. 57. Preis des Einzelheftes 60 Pfg.).
Die amerikanische Fleischindustrie mit ihrer großartigen Entwickelung in technischer und wirtschaftlicher Be. ziehung lenkt besonders' im gegenwärtigen Moment die allgemeine Aufmerksamkeit wieder auf sich, dem soeben erschienenen Heft 5 des 9. Jahrganges der weitverbreiteten illustrierten Zeitschrift „Für Alle Welt" (Deutsches Wer. laashaus Bong & Co., Berlin W. 57. — Preis des Mer. zehntagsheftes 40 Pfg.) findet sicht Wort und Bild em interessantes Eingehen auf die Schlacht-EtablissemenD Chicagos; der Zentrale für die gesamte amerikanische Fleischk- industrie, _____________
Scherzrätsel» (Nachdruck verboten.) Ein Ei im — Schmutz, ei seht doch nur, Wird mathematische Figur.
(Auflösung in nächster S.'hinter.)
Auflösung der Schachaufgabe in vor. Nr.: W. Kbl, VdS, Lg7, 8a5, g8, Tg6, Be6; Schw. Kd6, Ld6, Sc8, Tc7, Bc4, c5, o4.
1. Vd8—d2, beliebig. 2. Vierfach matt.
Redaktion: Curt Plato. - Rotationsdruck und Verlag der Brübl'schen UniversitätS-Buch. und SteindruckM^PiMMm)DNMßkF-


