Ausgabe 
27.10.1902
 
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Ich habe keinen Geliebten, Frau Peters. Uno sollte ich jemals einen haben, dann muß er mich auch heiraten."

Das sind Grundsätze, die ich liebe. Nicht alle Mädchen hier im Hause denken so wie Sie. Ach, du liebe Zeit! Was die ost alles angeben! Also, darüber kann ich beruhigt sein, daß für den Fall, daß Sie bei dem neuen Mieter in den Dienst treten, in sittlicher Beziehung nichts zu befürchten wäre?"

Gewiß nicht, Frau Peters, man kann sich immer Achtung verschaffen, wenn man nur will. Sollte ich mich irren und sollte ich wirklich Gefahr lausen, dann will ich es Ihnen sagen, und wir werden eine andere Stelle suchen."

Gut, ich will also mit ih^n sprechen. Geht er nicht daraus ein, dann hat es nur weiter nichts als einen Spaziergang gekostet, den ich ja so wie so machten müßte. Ter junge Mann braucht vielleicht etwas."

Bald nach dieser Unterredung bot Frau Peters ihrem Mieter ihre Dienste an und flocht nebenbei die Bemerkung ein:

Schade, daß Sie eine Dienerin schon von zu Haufe erwarten. Ich hätte Ihnen jemand anempfehlen können, der Sie gewiß gut bedient hätte."

So? Wen denn?"

Ein anständiges, junges Mädchen, das seit einem Jähr schon in dem Hause wohnt. Ihre Herrin ist vor nicht zu langer Zeit gestorben und hat sie ohne Stellung zurück­gelassen."

Hesekiel, der eben beschäftigt war, seine Wäsche in den Schrank zu legen, wendete sich nicht um. Nichtsdesto­weniger hatten ihn die Worte der Hausmeisterin frappiert. Sollte dieses Mädchen, das man ihm zu seiner Bedienung anbot, das seit einem Jahre in diesem Hause wohnte und dessen Herrin gestorben war, sollte das etwa gar Minna sein? Welches Glück, welcher Glückszufall, wenn sie es wäre! Tie Person, nach der er am heutigen Tage persönlich gesucht hatte, flößte ihm nur mäßiges «Ver­trauen ein. In der Agentur war sie auch noch nicht thätig gewesen. Man wußte weder etwas von ihrer Findigkeit noch von ihrer Treue. Wenn sie ihn verriete? Welcher Vorteil, wenn er auf die nicht angewiesen wäre! Und dann auch: was für ein Meisterstreich für seinen Anfang: die Person, die er zu überwachen hatte, von sich direkt abhängig zu machen, sie in seinen Dienst zu nehmen, mit ihr ein gemeinsames Leben zu führen! Er sah schon im Geist Sanftleben begeistert darüber! Aber handelte es sich auch wirklich um die Minna? Und "wenn, wie sollte er es anstellen, da er bereits gesagt hatte, daß er eine andere erwarte, diese in seinen Dienst zu nehmen?

Sie sagen, die bewußte Person wäre noch jung?" fragte er, damit beschäftigt, einen Anzug zusammenzulegen.

Jawohl, noch ganz jung: zwei- bis dreiundzwanzig Jahre. Und dabei von einer Aufführung, von einer Hal­tung! Einfach tadellos! Sie ist ja keine Schönheit. Schönheiten in Berlin bleiben nicht lange Kammermädchen. Aber sie ist nett, sehr nett."

So, so", meinte er, als ob ihn das Bild verlockte, das Frau Peters von ihrem Schützling entwarf.

Ja", fuhr die Portiersfräu weiter fort zu erzählen, und wäre ich an Ihrer Stelle, würde ich mich lieber von einer lebhaften, aufgeweckten, nett aussehenden Ber­linerin bedienen lassen, als von einer alten Dienerin aus der Provinz«."

Ja, in der Beziehung haben Sie recht", rief Hesekiel aus.Tie ich erwarte, zählt gut ihre fünfzig Fahre."

Und diese Mte ziehen Sie meiner Jungen vor?"

»Ich sage nicht gerade, daß ich sie vorziehe; aber ich kenne sie schon seit langer Zeit. Ich bin ihrer sicher. Ich stehe für sie."

Und ich stehe für meine Minna."

Minna? Hübscher Name!" bemerkte Hesekiel, eine Be­wegung unterdrückend.Ihre Herrin ist unlängst gestorben, erzählten Sie?"

Ja, das ist eine lange Geschichte. Eine schreckliche Geschichte. Ich will Sie Ihnen lieber gleich erzählen; Sie würden es ja doch erfahren. Minnas Frau war eine Frau von Sanden, die in einem Streit von ihrem Geliebten«, Herrn von Sempach, umgebracht worden ist."

. »Ja, ja, ich weiß davon. Man hat auch in der Provinz fiel von der Geschichte geredet. Wie, ich bin also in dem Hause, in dem das Verbrechen begangen wurde, und Sie haben mir eher nichts davon gesagt?"

Wollen Sie vielleicht, daß ich das ans HauS'thvr anklebe? Weil es mir gerade in den Sinn kommt, sv sage ich Ihnen eben die Wahrheit. Oder schreckt sie es etwa, in diesem Hause wohnen zu bleiben?"

Mich? Durchaus nicht! Es ist im Gegenteil gewisser­maßen ein Schutzmittel. Tenn man vollbringt nicht zwei Verbrechen Schlag auf Schlag."

Ah, Gott sei Tank! Sie sind doch nicht so sehr Pro­vinzler, als ich befürchtet habe. Ja, nun stage ich Sie, wie Sie es nur fertig bringen, sich mit Ihrer alten Dienerin zu verständigen?"

Ach ja", rief er, dabei tief aufseufzend,wenn Sie nur nicht heute abend um acht Uhr abreisen müßte, um morgen vormittag hier einzutreffen."

Na, wozu giebt's denn Depeschen?"

Tas ist eigentlich wahr. Ich habe noch Zeit, ihr zu depeschieren, daß sie nicht abreisen soll. Sie stehen mir also für das Mädchen?"

Jawohl, und wenn einmal die Peters für jemand gutsteht, so kann man darauf einen Eid leisten. Erkuw- digen Sie sich einmal in der Nachbarschaft."

Tas ist nicht nötig. Man braucht Sie nur anzusehen und sprechen zu hören, um zu wissen, woran man ist. Auch wir in der Provinz sind scharfe Beobachter. Sie werden mir es aber nicht übel nehmen, wenn ich zuerst einen Blick auf das junge Ting werfen will, ehe ich mich! endgiltig entscheide."

Wreso denn? Das finde ich ganz natürlich. Sie ist in meiner Wohnung. Ich werde ihr gleich sagen, sie soll mal heraufkommen, damit Sie sich mit ihr auseinander­fetzen können."

(Fortsetzung folgt.)

Die Litauerinnen.

Als Kaiser Wilhelm II. im September 1900 die Stadt Tilsit besuchte, um der Enthüllung eines Denkmals der Königin Luise beizuwohnen, wurde seine Anwesenheit durch einen Festzug gefeiert. In demselben erregte seine befon- dere Aufmerksamkeit eine Schar junger Mädchen, in höchst kleidsamen, eigenartigen Kostümen zu Pferde fitzend; es waren Litauerinnen, Abkömmlinge eines alten, lange heid­nisch gebliebenen Volksstammcs, dessen Rasse in der ost­preußischen Niederung, an den Ufern der Memel wohnen.

Tie Litauer sind ein schöner, kräftiger Menschenschlag, besonders die Mädchen und Frauen zeichnen sich durch schlanken Wuchs, edle Haltung und wahrhaft antiken Ge» fichtsschnitt aus. Ein besonderer Schmuck ihres Kopfes sind zwei starke, kunstvoll in zehn bis achtzehn Strähnen ge­flochtene Zöpfe, die sie entweder kranzartig aufstecken, oder mit seidenen Bändern geschmückt über den Rücken lang herabfallend tragen. Tas originellste Kleidungsstück der Litauerinnen ist die Marginne. Ursprünglich verstand man darunter einen langen Shatvl, der von der linken Schulter bis zu den Füßen herabhing, den rechten Arm frei ließ und von einem Gürtel zusammengehalten wurde. Jetzt nennt man Marginne einen kurzen, bunten Rock, über welchen fünf bis sechs Schürzen gebunden werden. lieber dem blendend weißen, mit gestickten Arabesken verzierten Hemde wird ein grünes oder rotes Mieder getragen. Blaue oder rote Zwickelstrümpfe, derbe Schuhe mit hohen Absätzen, mehrere Ringe von Silber oder Zinn mit bunten Steinen an jödem Finger, sowie ein vom Kopfe wehendes Schleier­tuch aus Linnen vervollständigen den Anzug. Jedes Stück desselben wird von den Litauerinnen selbst gearbeitet: ste weben die feinste Leinwand, entwerfen eigenhändig hübsche Muster, die sie in bunten Farben aussticken, sie verfertigen breite seidene Gürtel, mit denen sie im Winter ihren langen Pelz zufammenhalten, und wollene farbige Handschuhe.

Die^ Litauerinnen pflegen nach Männerart zu reiten, und ihnen ist kein Pferd zu wild. An Markttagen begeben fie sich mit ihren Waren aus dem Rücken ihres Rößleins zur nächsten Stadt. Tüchtig helfen sie den Männern bei der Feldarbeit, beim Rudern und Fischen; außerdem halten sie ihre Wirtschaft in Ordnung. Ihre Häuser sind schmal und niedrig mit winzigen Fenstern. Auf dem sogenannten Flur befindet sich der Herd; während die litauische Bäuerin auf ihm die Mahlzeit bereitet, findet sie noch Zeit, die Wieg? ihres jüngsten Kindes, welche von der Decke der Stube in zwei Stricken herabhängt, in Bewegung zu setzen und die ältere« Kinder zur Arbeit anzuhalten.